Filmfestspiele in Venedig Es geht zur Sache

In Venedig setzen die Filme von Ang Lee und Paolo Franchi auf explizite Sexszenen. Inhaltlich zur Sache geht es auch in "Michael Clayton". Etwaige Drehbuchmängel macht Hauptdarsteller George Clooney wett.

Von Susan Vahabzadeh

Wenn auf Festivals die Kinotrends tatsächlich sichtbar werden, ist in Venedig gerade die Wiederkehr eines verlorengegangen Phänomens zu beobachten. Irgendwie hatte man den Eindruck, der Wettlauf um die knackigste Sexszene würde die Filmemacher gerade eher langweilen.

Regisseur Ang Lee und Wang Tei, die Hauptdarstellerin in seinem Film "Lust, Caution", posieren bei den Filmfestspielen in Venedig.

(Foto: Foto: AP)

Nun aber geht es wieder heftig zur Sache, zumindest im Wettbewerb, in Ang Lees "Lust, Caution" und in "Nessuna qualità agli eroi" von Paolo Franchi. Ausgesprochen explizit sind beide, wobei beide aber mit diesen Szenen ihre Geschichten nicht wirklich vorantreiben oder einem etwas erzählen über die Paare, um die es geht - sieht alles eher nach Stilübung aus.

Aber ein Filmfestival ist ja keine Handwerksmesse.

Ang Lee ist ein Typ, der gern experimentiert, und ein paar Szenen in "Lust, Caution" haben ihn sehr nah an den Rand der Pornographie geführt. Wobei man sagen muss: Auch für diese Art der Inszenierung hat er eine natürliche Begabung.

Es geht um eine junge Chinesin während der japanischen Besatzung, Ende der Dreißiger. Vater und Bruder sind in England, und weil sie mit großer Hingabe Schauspielerin ist, handelt sie sich einen bösen Job ein - ihre Theatertruppe mutiert zur Terrorzelle. Sie soll Yee (Tony Leung), der für die chinesische Kollaborationsregierung arbeitet, in eine Falle locken. Im Grunde ist ihr Problem, dass sie method acting betreibt - sie verliert sich in ihren Gefühlen und kann sie nicht mehr trennen vom Spiel.

Virtuos führt Ang Lee ein merkwürdig westliches Shanghai vor, manipuliert leidenschaftlich die Emotionen seiner Zuschauer, und Tony Leung darf ganz wunderbar changieren zwischen Zauber, Charme und Kälte. Bald aber lässt er diese Episode der chinesischen Geschichte links liegen - und auch der Eindruck, dass ihn der Terrorismus von heute dazu brachte, diese Episode zu erzählen, verliert sich schnell. Ang Lee erfindet sich mit jedem Film neu.

Er versucht sich immer wieder an neuen Genres, Themen, Looks. "Lust, Caution" ist vielleicht ein wenig wongkarwaiesk, aber er weist doch den einzig wahren Ang-Lee-Effekt auf: die ganz extreme Nahaufnahme menschlicher Beziehungen, das Gesellschaftsbild, das aus dem Detail entsteht.

In seinem Bürgerkriegsfilm "Ride with the Devil" hatte Ang Lee den Rassismus nicht aus einem historischen Überblick gezeigt, sondern aus dem Verhältnis zweier Männer heraus, die sich näher gekommen sind als erlaubt, Loyalität und Zusammengehörigkeitsgefühl über eine Rassenschranke hinweg entwickelt haben; und im Grunde ist seine schwule Liebesgeschichte in "Brokeback Mountain", der in Venedig vor zwei Jahren gewann, nichts anderes. Auch hier geht es genau darum: in die Seelen schauen.

"Lust, Caution" wird ihm in Venedig mit historischen Argumenten gerade heftig um die Ohren gehauen - was nicht ganz fair ist, denn die Weigerung, den historischen Kontext in den Vordergrund zu stellen, ist ein absolut legitimer und interessanter Ansatz. Die Frage, für wen er diesen Film gemacht hat, die kann man aber nicht aus dem Weg räumen - Ang Lee ist nun mal kein chinesischer Nachwuchsregisseur, sondern ein Hollywood-Gigant, und dass Menschenmassen in die Kinos strömen werden, um "Lust, Caution" zu sehen, das wird nicht passieren - so spektakulär sind die Sexszenen nun auch wieder nicht.

"Nessuna qualità" können die Sexszenen auf keinen Fall retten, auch nicht der Lärm, mit dem Paolo Franchi seinen Film zugeschüttet hat, um die Löcher in der Geschichte zu überdecken - überforderte Schauspieler stolpern durch eine unglaubwürdige Geschichte.

Von allem zu viel

Ein Mann, der Probleme mit seiner Frau hat - nicht im Bett, aber sonst in jeder Hinsicht - gerät an den Sohn seines Gläubigers, der ihm den Mord an seinem Vater anhängen möchte... Es ist schon seltsam, wie man manchmal der Tonspur entnehmen kann, wie unsicher ein Regisseur mit seinem eigenen Material umgeht und permanent versucht, so die Spannung und das Drama vorzugaukeln, das nicht da ist.

Es geht im Kino vielleicht zuallererst darum, eine Balance zu finden - das was man machen möchte in Einklang zu bringen mit den Möglichkeiten, den eigenen Fähigkeiten und den Erwartungen der Leute, an die man sich wendet.

"Sleuth", der britische Wettbewerbsbeitrag von Kenneth Branagh, bekommt das wesentlich besser hin. Ein pintereskes Stück für zwei Personen, ein alternder Schriftsteller (Michael Caine) hat den Liebhaber seiner Frau (Jude Law) in sein Haus geladen, und dort fechten die beiden ein Duell aus - ein intellektuelles: sie fackeln ein Feuerwerk perfider Beleidigungen ab, aber tatsächlich können sie ihren Zweikampf dann doch nur als Gewaltakt austragen.

Der Ursprung der Geschichte ist ein Theaterstück, aber nicht von Pinter - Anthony Shaffer hat dafür 1972 einen Tony bekommen, verfilmt wurde "Sleuth" erstmals 1972 von Joseph L. Mankiewicz, mit Michael Caine in der Rolle des jüngeren Mannes und Laurence Olivier. Harold Pinter, der diesmal das Drehbuch schrieb, hat daraus seine ganz eigene Nummer gemacht. Caine und Law bei ihrem verbalen Pas de deux zuzuschauen und zuzuhören macht einfach Spaß.

Aber manchmal steckt in "Sleuth" von allem zu viel, zu viel Dekoration, ausgestellte Schauspielkunst, filmischer Zirkus. Branagh, der manchmal ganz wunderbares Kino macht, inszeniert hier wie der typische Theatermann im Kino - so besessen von der Kamera, Blickwinkeln, Fahrten, dass der Film nie zur Ruhe kommt und einem ermöglicht, sich auf die Geschichte wirklich einzulassen.

Das ist Magie

Wie gut eine klasse Vorstellung die Schwächen eines Drehbuchs zu überspielen vermag, demonstriert George Clooney in "Michael Clayton" - er erfüllt die Figur eines zerrissenen Mannes, der nicht mehr so weitermachen möchte, mit soviel Leben, dass es nicht viel ausmacht, dass der Thriller um ihn herum nie richtig in Fahrt kommt. Clayton ist der Ausputzer einer großen Anwaltsfirma, der Mann für die Drecksarbeit im Hintergrund. Und zeigt, dass nichts gefährlicher ist als ein Mann, der nichts mehr zu verlieren hat.

Es gibt zwei davon in dieser Geschichte, und einer von ihnen weiß es von Anfang an. Clayton soll seinen Kollegen Arthur (Tom Wilkinson) nach New York zurückbringen, der sich während einer Anhörung für seinen Fall entkleidet hat. Die Chefin des Chemiekonzerns, den Arthur gegen eine Klage von verseuchten Farmern verteidigen soll - Tilda Swinton spielt sie als emotional gestörte Frau, besessen von ihrem Job, gestresst von der Überforderung, permanent ihre Ängste und Unsicherheiten kaschieren zu müssen - trifft eine folgenschwere Entscheidung: Wenn sie sich legal nicht retten kann, wird sie jeden aus dem Weg räumen lassen, der zu viel weiß.

Der Film ist ein Erbe des legendären "Drei Tage des Condor" - nicht nur weil dessen Regisseur Sydney Pollack hier einen seiner Ausflüge ins Schauspielfach macht, als jovialer Strippenzieher der Kanzlei. Clayton irrt durch New York wie einst Robert Redford und versucht herauszufinden, was ihm geschieht, wer hier über welche Leichen zu gehen bereit ist. Die Qual und der Schmerz, die Verzweiflung, die er dabei so mitreißend zeigt, die rühren von dem Wissen, dass es dasselbe Spiel ist, an dem er sowieso immer teilgenommen hat, nur nicht an so exponierter Stelle. Nun kann er nicht mehr. Dass einer das spielen kann, dem im richtigen Leben gerade alles gelingt - das ist Kinomagie.

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