Filmfestspiele Cannes Tut sich was in der Frauenfrage?

Jede dieser Frauen und Mädchen hat ihren eigenen Grund, sich dem Fremden und Feind zu nähern, der plötzlich die Ruhe im Erziehungsheim für junge Damen stört: (vorne von links) Kirsten Dunst, Addison Riecke, Nicole Kidman und Elle Fanning in Sofia Coppolas "Die Betörten".

(Foto: Ben Rothstein)

In siebzig Filmfestspiel-Jahren in Cannes bekam bisher nur eine einzige Frau die Goldene Palme. Dieses Jahr hätten sie drei Regisseurinen verdient.

Von Tobias Kniebe, Cannes

Manche Dinge sind so unangenehm, die will man einfach nur hinter sich bringen. Genau das tat die Schauspielerin Isabelle Huppert, kaum dass sie als offizielle, vom Festival auserwählte Jubiläumsrednerin auf der Bühne stand: "Siebzig Jahre Cannes, 76 Goldene Palmen, nur eine einzige ging an eine Frau. Kein Kommentar." Damit war das Frauenproblem ausgesprochen, und jeder konnte sich seinen passenden Kommentar dazu selbst denken.

Im Publikum aber saß Jane Campion, die neuseeländische Regisseurin, die im Jahr 1993 mit "Das Piano" eben diese Goldene Palme gewonnen hat und in diesem Jahr ein paar neue Folgen ihrer Fernsehserie "Top of the Lake" zeigt. Sie wurde entdeckt, begrüßt und genötigt, aufzustehen. Aber man sah ihr an, wie unwohl sie sich in dieser Rolle fühlt, ewig die Einzige zu sein, die Abweichung von der Norm, das Aushängeschild und Feigenblatt.

Theoretisch könnte sie dieses Jahr Verstärkung bekommen. Drei Frauen mit Wettbewerbsfilmen kämen dafür in Betracht: die Japanerin Naomi Kawase mit "Hikari (Strahlung)", die Schottin Lynne Ramsay mit "You were never really here (Du warst nie wirklich hier)" und die Amerikanerin Sofia Coppola mit "The Beguiled (Die Betörten)". Das sind mehr Regisseurinnen als in den vergangenen Jahren, aber immer noch weniger als ein Sechstel der Wettbewerbsplätze.

Lynne Ramsays Film lief noch nicht. Die Chancen für Naomi Kawase sind schwer einzuschätzen. Sie war schon sieben Mal im offiziellen Programm von Cannes dabei, das Festival hält ihr die Treue, aber jenseits der Croisette scheint niemand so recht an ihre Bedeutung zu glauben. Das Problem dabei sind weniger Kawases Geschichten - diesmal erzählt sie einfühlsam von einem erblindeten Fotografen und einer sehenden Frau, die Audiodeskriptionen fürs Kino erstellt - sondern ihr Beharren auf seichten Pianoeinsätzen, goldenen Lichtstimmungen und dem permanenten Rascheln der Blätter im Wind. Mit ihr würde man leider auch ziemlich altbackenes Kunsthandwerk auszeichnen.

Coppolas Film ist ein Lehrstück darüber, was der weibliche Blick im Kino bedeuten kann

Ganz anders stellt sich die Lage bei Sofia Coppola dar, die am Mittwochabend ihre Galavorführung hatte. Ihr "The Beguiled" beruht auf dem Roman "The Painted Devil" von Thomas P. Cullinan, eine Geschichte aus den amerikanischen Südstaaten im Bürgerkrieg, die Don Siegel schon einmal im Jahr 1971 verfilmt hat, mit Clint Eastwood in der Hauptrolle. Was die Handlung betrifft, sind beide Filme nahezu identisch, aber das liegt daran, dass sie sich beide eng an die Vorlage halten. Ein Remake würde man das nicht nennen, viel eher ist Coppolas Version ein Lehrstück darüber, was der weibliche Blick im Kino bedeuten kann und warum er in großen Teilen der Filmgeschichte so bitterlich fehlt.

Kurz gesagt geht es darum, dass sich inmitten des schon länger tobenden Bürgerkriegs in den Wäldern von Mississippi eine Enklave der Ruhe erhalten hat, das "Farnsworth Seminary for Young Ladies". In einer großen alten Villa werden Mädchen verschiedener Altersstufen auf ein Leben als elegante Hausherrinnen vorbereitet - wieder einer dieser goldenen Käfige, die Sofia Coppola als Filmerzählerin so liebt und die stets auf ihre eigenen Erfahrungen als Kronprinzessin des Coppola-Clans zurückverweisen.

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Viele Schülerinnen gibt es in diesem Seminar nicht mehr, aber die Verbliebenen werden mit sanfter Strenge von Miss Martha (Nicole Kidman, ziemlich stark) geführt, und, wenn es sein muss, auch mit dem alten Familienrevolver beschützt. In ihre Mitte dringt nun ein Mann ein, ein Fremder, ein Feind, und das nicht nur metaphorisch. Nach Eastwood spielt nun Colin Farrell diesen Corporal der Nordstaaten, den die Frauen schwer verwundet aufnehmen und gesund pflegen, obwohl sie ihn eigentlich als Gefangenen an die Südstaatentruppen übergeben müssten.

Christliche Barmherzigkeit, Neugier, Begehren - die Frauen und Mädchen haben jeweils ihren eigenen Grund, sich dem Fremden zu nähern. Don Siegel hat das seinerzeit eher als krude Behauptung inszeniert. Da küsst Eastwood die Zwölfjährige auf den Mund, die ihn im Wald findet, und die siebzehnjährige Carol haucht ihm derart suggestive Sprüche ins Ohr, dass sie gleich nebenan im "Schulmädchenreport" mitspielen könnte. So richtig in seinem Element scheint Siegel nur in der Szene zu sein, in der Miss Martha dem Corporal mit einer Säge das Bein amputiert.

Können vier Frauen in der Jury Jane Campions Sonderstatus als einzige Preisträgerin beenden?

Dieses Blutbad überspringt Sofia Coppola interessanterweise völlig. Ihr geht es um Subtilitäten, die viele männliche Filmemacher wahrscheinlich nicht einmal bemerkt hätten - wie sich etwa das Verhalten von Frauen und Mädchen verändert, sobald ein Mann im Haus ist. Der Effekt zeigt sich in den Kleidern, den Frisuren, dem Schmuck, in den Gesprächen untereinander, in den wissenden Blicken, die quer über den Esstisch gehen. Die sexuelle Spannung ist hier viel unschuldiger und zugleich plausibler. Es reicht Carol (Elle Fanning) etwa, dem dösenden Soldaten einen unbeobachteten Kuss auf die Lippen zu pressen, um alle späteren sexuellen Eskalationen - und das bittere Ende des Corporals - zu rechtfertigen.

Sofia Coppolas Regieleistung ist hier allemal einen Preis wert, aber ob es für die Goldene Palme reicht? Da zählen noch andere Dinge. Zum Beispiel Relevanz und Zwangsläufigkeit, und in dieser Hinsicht leidet "The Beguiled" dann doch unter dem Handicap seiner männlichen Hauptfigur. Man versteht einfach nicht, was dieser charmante Idiot eigentlich von den Frauen will. Sofia Coppola will hier auch keine Grenzen austesten, was die Möglichkeiten des Kinos überhaupt betrifft. Viele Palmen-Jurys der Vergangenheit schienen aber gerade danach zu suchen.

Interessant war in diesem Zusammenhang der Jane-Campion-Moment der Jubiläumsgala, was die Reaktion von Jessica Chastain betraf. Diese schoß aus ihrem Sitz hoch und feuerte, mit anderen Frauen neben ihr, den Saal zu Standing Ovations an. Chastain, die rothaarige Schönheit aus Filmen wie "Interstellar" oder "Der Marsianer", sitzt dieses Jahr in der Jury. Zusammen mit der chinesischen Aktrice Fan Bingbing, der französischen Allround-Filmemacherin Agnès Jaoui und Deutschlands neuer Cannes-Botschafterin Maren Ade. Vielleicht gelingt es diesen vier Frauen ja doch, die Palmen-Diskussion in eine Richtung zu lenken, die Jane Campion endlich von ihrem bizarren Sonderstatus erlöst.

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