Filmfestspiele Cannes Sehnsucht nach Emotionen

In den "Chansons" sind es auch Kleinigkeiten, die zu Honorés cineastischen Helden Jacques Demy führen und seinen Musikfilmen - der Anfang eines Lieds, eine Fahrt über eine mit Plakaten vollgeklebte Mauer, der Regen, der weiße Catherine-Deneuve-Mantel, den Ludivine Sagnier trägt, und die Schönheit der Melancholie. Honoré sehnt sich nicht nach den Sechzigern selbst, sondern nach der Romantik, die er in alten Filmen findet, nach der Selbstverständlichkeit, mit der sich sentimentale Sätze singen lassen, die gesprochen schal klingen würden - lieb mich, aber nicht zu sehr...

Ländliches Idyll?

Wenn man singt, sagt Louis Garrel, entledigt man sich der irdischen Fesseln. Der russische Wettbewerbsbeitrag "Izgnanie" von Andrej Zviagintsev bemüht ein noch viel weiter von Hollywood entferntes Referenzsystem. So schön es ist, zuzuschauen, wie der rumänische Beitrag "Vier Monate, drei Wochen und zwei Tage" vom Abtreibungsdrama zum Thriller wird, wie Wong Kar-Wai Edward Hopper für sich entdeckt - das Kino spricht auch noch eine andere Sprache.

Zviagintsev (auch er ein Neuling in Cannes, der mit "Die Rückkehr" allerdings vor vier Jahren in Venedig gewonnen hat) leistet sich sein eigenes Erzähltempo, sehr lange Fahrten, einen verharrenden Blick. Es geht um einen furchtbaren Urlaub auf dem Lande, ein Mann fährt mit Frau und Kind ins verlassene Haus seines Vaters, und in den Feldern und den Bergen dort, im Verlauf eines Baches, der sich seien Weg bahnt, findet Zviagintsev den Überlebenswillen und die Anpassungsfähigkeit, die seinen Figuren fehlt.

Ausgehend von dem lapidar ausgesprochenen Satz "Es ist nicht dein Kind" legt er, qualvoll und langsam, eine zerrüttete Beziehung frei hinter einer idyllischen Fassade - Mark und Vera spielen Ehepaar für ihr Publikum, die Freunde, die Kinder. Auch hier geht es wieder um Abtreibung, vor allem aber um die Unfähigkeit zu kommunizieren. Wenn die Kamera das Elternhaus auf dem Land abtastet, dämmert einem, dass Menschen, die hier aufgewachsen sind, keine weichen Stellen haben können.

Asche zu Asche...

Der Mann hört nicht zu und schaut nicht hin, er will für alle nur das Beste, ist durchaus bereit, Opfer zu bringen, entscheidet am Ende, dass Vera das Kind abtreiben soll. Und setzt erst nach ihrem Tod die Puzzleteile zusammen, die ihm klarmachen, dass er lange schon nichts mehr mitbekommen hat von dem, was in ihr vorging. Wie man tatsächlich seine Irritationen und Missverständnisse teilt, wie das Gesagte, die fehlinterpretierten Gesichtsausdrücke sich schließlich logisch zusammenfügen, das hat Zviagintsev ganz unaufgeregt inszeniert.

Der Einzige, mit dem Mark reden kann, ist sein Bruder - aber auch diese Gespräche bleiben ergebnislos, als hätten beide vor allem den Kontakt zu sich selbst verloren, zu irgendwas innen drin, was hinausgeht über bloßes Funktionieren."Izgnanie" ist am Ende von der selben Sehnsucht nach Emotionen erfüllt wie Honorés "Chansons d'amour", bloß ohne jede Hoffnung. Die Toten von Zviagintsev sind für immer Vergangenheit, die von Honoré erfüllt die Erinnerung mit Wärme und Leben.