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Toni Erdmann:Ein Blick für die Unerträglichkeit des Alltags

Schon auch, aber eben auch so viel mehr als das. Man kann sich jedenfalls ungefähr vorstellen, was passiert, wenn der Vater der Tochter einen Überraschungsbesuch in Rumänien abstattet und sie aus Zeitnot gezwungen ist, ihn zu einem Empfang mitzunehmen, auf dem sie auch ihren heikelsten Großkunden bei Laune halten muss. Jedenfalls hat man sich selten im Kino so unwohl gefühlt wie im Moment ihres ungelenken Abschieds nach diesem verkorksten Wochenende.

Die Sekunden der Sprachlosigkeit, bis der Aufzug endlich kommt, zeigen einmal mehr Maren Ades unbeirrbaren Blick für die Unerträglichkeit des Alltags, den sie auch schon mit "Der Wald vor lauter Bäumen" (2003) und "Alle Anderen" (2008) bewiesen hat. Auch damals ist sie schon einigermaßen gefeiert und preisgekrönt worden, beispielsweise auf der Berlinale. Aber für den größten Teil der Kinowelt kommt sie hier doch praktisch aus dem Nichts.

Die absurdeste Party aller Zeiten

Und dann geht es erst richtig los, denn Winfried bleibt heimlich in der Stadt und nimmt nun ganz seine Perückenrolle an - als zwielichtiger Coach Toni Erdmann drängt er ins Leben seiner Tochter zurück, mit der Idee sie zu "befreien". Als Erstes befreit Toni allerdings das Publikum, das ihm bald frenetisch folgt und jedes Klopfen an der Tür mit Jubel begrüßt. Mit jeder neuen Wendung erhöht Maren Ade nun den Druck und geht das Risiko ein, dass ihr der Film komplett um die Ohren fliegt.

Toni beim Mädelsabend, Toni in der Koksdisko, Toni auf Landpartie in den rumänischen Ölfeldern, ein Whitney-Houston-Karaokeangriff auf eine nichts ahnende rumänische Familie und schließlich die wahrscheinlich absurdeste Teambuilding-Party aller Zeiten. Das ist immer auf der Kippe, funktioniert dann aber doch. Und jedes Mal ist man auf einer neuen Stufe des Lachens, des Wahnsinns und der Erkenntnis angekommen. Irgendwann hat man das Gefühl, ins Unbekannte vorzustoßen, auf ein Terrain, wo es gar keine Referenzpunkte mehr gibt - und zugleich diesen Menschen so nah zu sein, wie es überhaupt nur möglich ist.

Kurzfristig hat das dann auch den Effekt, dass der Rest des Wettbewerbs sehr viel erwartbarer und damit irgendwie auch grauer aussieht. Ken Loach und sein Kampf für die Entrechteten etwa: "I, Daniel Blake" führt durchaus zornerregend vor, wie die Kälte im Gesundheits- und Sozialsystem der britischen Torys gerade die Schwächsten in Armut, Verzweiflung und Prostitution treiben kann. Das ist toll gespielt und sehr effektiv - und wenn es nicht nur Anti-Regierungs-Propaganda sein soll, lädt der Film dazu ein, nach England zu schauen und seine Anklage genauer zu überprüfen. Nur geht das naturgemäß auf einem Festival nicht so gut.

Das Kino von Bruno Dumont verbindet man meist mit verschlossenen Gesichtern in kargen Landschaften, Vergewaltigung, Mord und Totschlag. Zuletzt hat er sich etwas aufgewärmt und dem Leben an den nordfranzösischen Küsten zugewandt, dort spielt auch sein neuer Film "Ma Loute".

Der ist nun allerdings eine Farce um dekadente Sommerfrischler, kannibalistische Seemänner und einen sehr dicken Polizeichef. Alle Schauspieler müssen hemmungslos überdreht spielen, das fühlt sich wie rigides Konzeptkino an, Juliette Binoche und Fabrice Luchini trifft es hart. Letzterer hat seine Wut inzwischen auch öffentlich gemacht - er sei vom Regisseur als Mime "total kastriert" worden, klagt er.

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