Filmfestival von Cannes 2022:Austerninferno

Lesezeit: 4 min

Filmfestival von Cannes 2022: Operieren gerne an sich herum: Léa Seydoux und Viggo Mortensen in "Crimes of the Future".

Operieren gerne an sich herum: Léa Seydoux und Viggo Mortensen in "Crimes of the Future".

(Foto: Nikos Nikolopoulos)

Aufruhr beim Filmfestival in Cannes: Ruben Östlund lässt Gedärme explodieren, David Cronenberg zerschneidet Körper, und der Ukrainer Sergei Loznitsa zeigt historische Bilder vom Bombenkrieg.

Von David Steinitz

Widmen wir uns heute aus gegebenem Anlass dem Kotzen in Cannes. Nein es geht an dieser Stelle nicht um die vielen Fischrestaurants in der Rue Félix Faure, bei deren Preisen einem zwar auch ein bisschen schlecht werden kann. Aber die Meeresfrüchte sind in der Regel sehr in Ordnung. Es geht vielmehr um die Komödie "Triangle of Sadness", die im Wettbewerb um die Goldene Palme Weltpremiere feierte. Würde der Preis an den Film mit dem meisten Erbrochenen verliehen - der Sieger stünde fest.

Der schwedische Regisseur Ruben Östlund hat schon 2017 für seine Kunstmarktsatire "The Square" in Cannes die Goldene Palme gewonnen. Und diesmal dürfte er wieder mindestens zum engeren Kreis der Siegerkandidaten unter den 21 Filmen im Wettbewerb gehören. In "Triangle of Sadness" erzählt er von einem hübschen, jungen und reichen Paar. Yaya (Charlbi Dean) ist Influencerin, Carl (Harris Dickinson) ist Model, und im ersten Akt darf man sie ein Weilchen bei ihren Influencer-Model-Beziehungsschwierigkeiten beobachten. Das ist schon recht lustig. Richtig los geht es aber erst, als die beiden eine Kreuzfahrt auf einer Luxusyacht mit anderen reichen Leuten machen. Dort treffen alle Formen des Reichtums aufeinander, alt und jung, analog und digital - und allesamt gaga.

Alle Schließmuskeln versagen, das Premierenpublikum schaut pikiert

Die Kernszene des Films ist das Captain's Dinner an Bord der Yacht. Dieses große Austernfressen findet während eines heftigen Sturms statt. Es wird folglich allen schlecht. Aber nicht weicheischlecht wie nach einem Glas Champagner zu viel. Sondern so richtig. Das Schiff wankt und wackelt, die Weingläser und das teure Geschirr klappern, und nach und nach fangen die Gäste an zu kotzen. Östlund steigert die Szene immer weiter ins Absurde. Sobald man denkt, mehr Erbrochenes geht nicht, kommt noch mal deutlich mehr. Und dann noch mal mehr. Und dann noch mal richtig viel.

Filmfestival von Cannes 2022: Hier rebellieren die Mägen noch nicht: Charlbi Dean und Harris Dickinson in "Triangle of Sadness".

Hier rebellieren die Mägen noch nicht: Charlbi Dean und Harris Dickinson in "Triangle of Sadness".

(Foto: Festival de Cannes)

Bald kotzt der ganze Speisesaal wie wahnsinnig, bei einigen kommt's auch hinten raus. Am weitesten treibt es die Schauspielerin Sunnyi Melles, die in diesem Film (so wie übrigens auch Iris Berben) eine kleine Gastrolle hat. Ihre Gedärme explodieren in wahrlich filmhistorischen Ausmaßen, bis sie in einem unglaublichen braunen Kot-Kotze-See schwimmt. Dagegen war das Finale von "Das große Fressen" eine ziemliche Babypupserei.

Auch wenn die Premierengäste von "Triangle of Sadness" zunächst eher ungläubig bis pikiert reagierten: Das ist natürlich große Slapstick-Kunst. Irgendwann lachten dann auch alle wie verrückt. Der Film ist bislang der mit Abstand lustigste im Wettbewerb und der Film mit der meisten Power, der die Zuschauer zweieinhalb Stunden kräftig durchschüttelt. Nicht nur wegen der Dinner-Szene. Im dritten Akt explodiert die Yacht - Piratenangriff! -, und die Kreuzfahrttruppe strandet auf einer Insel. Es folgt ein "Herr der Fliegen" in der Luxusverwahrlosungs-Edition, mit einem bizarren Ende, das man natürlich nicht verraten darf. Im Herbst soll der Film in Deutschland im Kino starten, macht eure Mägen bereit.

Womit wir beim Kotzen in Cannes, Teil zwei wären. Ebenfalls im Wettbewerb zeigte der Horrorveteran David Cronenberg seinen Sci-Fi-Thriller "Crimes of the Future". In der Zukunft dieses Films mutieren die Menschen willkürlich und widerlich vor sich hin und empfinden keinen physischen Schmerz mehr. Bei nächtlichen Kunstaktionen werden Körper mit Skalpellen eingeritzt und aufgeschlitzt. "Operationen sind der neue Sex", erfahren wir mehrfach. Es gibt sehr viele Detailaufnahmen von Messern, die in Körper gleiten, von glitschigen Eingeweiden, Geschwülsten und Tumoren - wieder nichts für schwache Mägen.

Saul (Viggo Mortensen) und Caprice (Léa Seydoux) sind die Stars der Kunstoperations-Untergrundszene in diesem Film. Saul wachsen ständig neue Organe, und seine Freundin entfernt sie ihm vor Publikum. Für einen besonders schnellen und unkomplizierten Zugriff in seine Gedärme bekommt er von einem Arzt einen Reißverschluss in die Körpermitte, damit man seinen Bauch jederzeit öffnen kann. Caprice ist begeistert und erregt, kniet sich vor ihn hin, öffnet den Reißverschluss und performt so eine Art, tja, wie soll man das nennen ... cunnilingus stomachus?

David Cronenberg hat viele großartige Filme gemacht, "Die Fliege" natürlich, "Dead Ringers", "A History of Violence". Bei diesem kleinen Kammerspiel-Horrorfilm, den er schon vor zwanzig Jahren geschrieben, aber erst jetzt verfilmt hat, weiß man aber nicht so recht, worauf er hinauswill. Das Ganze bleibt merkwürdig statisch und ungelenk und manchmal auch unfreiwillig komisch. Für die Goldene Palme dürfte das nicht reichen.

Der ukrainische Regisseur Sergei Loznitsa hat schon lange vor einem Angriff auf seine Heimat gewarnt

Nicht im Wettbewerb, aber trotzdem in Cannes mit einem "Special Screening" vertreten ist der in Berlin lebende ukrainische Regisseur Sergei Loznitsa. Ausgerechnet er, der Ukrainer, hat einen Dokumentarfilm über die Luftangriffe auf Deutschland im Zweiten Weltkrieg gemacht. Dass die Premiere mit dem Angriffskrieg der Russen auf seine Heimat zusammenfällt, ist natürlich Zufall, der 57-Jährige hat seit drei Jahren an dem Film gearbeitet. Er hat aber auch schon seit Jahren gewarnt, dass es zu diesem Angriff der Russen kommen werde. Sein letzter Spielfilm "Donbass" (2018) über das russisch-ukrainische Grenzgebiet war bereits ein fiktionaler Episodenreigen über das politische Pulverfass, dass diese Region darstellt.

Filmfestival von Cannes 2022: "Es heißt, nie wieder - und dann passiert es doch wieder." Deutsche Trümmerfrauen in einer Szene aus "The Natural History of Destruction".

"Es heißt, nie wieder - und dann passiert es doch wieder." Deutsche Trümmerfrauen in einer Szene aus "The Natural History of Destruction".

(Foto: Festival de Cannes)

Seine neue Dokumentation hat auf den ersten Blick nichts mit der Gegenwart zu tun. "The Natural History of Destruction" wurde inspiriert von dem Buch "Luftkrieg und Literatur" des deutschen Schriftstellers W.G. Sebald. Die darin versammelten Texte basieren auf einer Vorlesung, die Sebald 1997 an der Universität Zürich hielt. "Wir Deutsche", konstatiert er da im Vorwort, seien ein "auffallend geschichtsblindes und traditionsloses Volk". Sebald kritisiert, dass sich die deutsche Nachkriegsliteratur kaum mit der Erfahrung der flächendeckenden Bombardierung und Zerstörung Deutschlands durch die Alliierten auseinandergesetzt habe.

Sebalds These wurde in den Neunzigerjahren vielfach kritisiert (und auch teilweise widerlegt, weil es durchaus einige Beispiele der literarischen Aufarbeitung des Bombenkriegs gibt). Sergei Loznitsa löst "The Natural History of Destruction" (so der englische Titel des Buchs) aber weitgehend von dieser sehr innerdeutschen Vergangenheitsbewältigungsfrage los. Ihm geht es um eine allein aus Archivmaterial zusammengestellte Rekonstruktion der historischen Luftangriffe auf Deutschland in den Vierzigerjahren - und dass diese Aufnahmen auf fast schon unheimliche Weise zeitlos sind. Leider.

Der Film beginnt in heilen deutschen Städten, geht dann mit Aufnahmen der Alliierten hoch in die Luft, macht einen kleinen Ausflug in die Bombenfabriken und landet schließlich wieder unten in den entstandenen Trümmerlandschaften. Natürlich war das ein anderer Krieg als heute, zumal Deutschland ihn selbst anfing, die Ukraine aber überfallen wurde. Loznitsa geht es aber vor allem darum, aus diesen vielen, vielen körnigen Schwarz-Weiß- und wenigen Farbaufnahmen der Kriegspraxis etwas universell Deprimierendes abzuleiten: Das dumme Menschlein hat in den vergangenen 80 Jahren anscheinend nichts dazugelernt - und ausbaden muss das wie immer die Zivilbevölkerung.

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