Filmfestival Venedig Verrannt in die historische Brisanz

Abenteuer vor geschichtlichem Hintergrund: Nazaret (Tahar Radim, links) in "The Cut".

(Foto: Festival)

Fatih Akins Armenien-Epos "The Cut", "3 Coeurs" von Benoit Jacquot und Al Pacino als Schlossöffner in "Manglehorn" haben eins gemeinsam: eine fixe Idee. Überzeugen können sie das Publikum damit jedoch nicht.

Von Thomas Steinfeld, Venedig

Es soll ja so etwas geben, dass sich jemand etwas in den Kopf setzt, wider alle Erfahrung und Vernunft, und dann wird die fixe Idee praktiziert, koste es, was es wolle. Im Leben geht schon der Versuch oft in die Irre. In den erzählenden Künsten haben solche Ideen größere Chancen. Das liegt zum einen daran, dass erfundene Gestalten mitsamt fixer Idee erfunden werden können, und zum anderen hat es damit zu tun, dass spätestens nach ein paar Stunden Schluss ist und alle Bewährungsproben, für die große Liebe etwa oder die finale Läuterung, in einem Nirgendwo jenseits des gefallenen Vorhangs stattfinden müssen.

Eine gute Dramaturgie, prächtige Bilder, interessante Zeiten können sogar dafür sorgen, dass Leser oder Zuschauer erst eine Weile nach der Vorstellung merken, dass sie längst ins schwarze Loch der Abstraktion gefallen sind. Von drei Filmen im Wettbewerb des Filmfestivals in Venedig ist hier zu berichten, denen das leider nicht gelingt.

Der erste ist "The Cut" des Hamburger Regisseurs Fatih Akin, eine prächtige, für deutsche Verhältnisse auch teure Produktion, der ein großer Rumor vorausging. Der Film sei eine Auseinandersetzung mit dem Massenmord, hieß es, der in den Jahren 1915/16 im Osmanischen Reich an den Armeniern verübt worden sei. Aber das stimmt nicht. Die Geschichte beginnt zwar mit dem großen Schlachten, dem damals bis zu zwei Drittel der armenischen Bevölkerung des Reichs zum Opfer fielen, vor allem im Osten Anatoliens. Aber die Todesmärsche, die Lager und die Massenhinrichtungen dienen in diesem Film nur als - wenn auch ausführlich erzählter - Anlass eines ganz anderen Geschehens, nämlich der unendlich mühsamen und dann auch nur zum Teil gelingenden Zusammenführung einer Familie.

Die Kunst des Überlebens

In Venedig enthüllt Fatih Akin "The Cut", sein Epos über den armenischen Genozid. Zur Seite stand ihm der Armenier Mardik Martin, der für Scorsese "Raging Bull" schrieb - und dann für Jahrzehnte verschwand. Die wundersame Geschichte einer Wiederentdeckung. Von Tobias Kniebe mehr...

"The Cut" ist eine sentimentale Abenteuergeschichte vor geschichtlichem und vor allem sehr orientalischem Hintergrund, der sich nicht im Mindesten um historische Ableitungen, politische Auseinandersetzungen oder moralische Urteile schert. Gewiss, über den mordenden Soldaten weht der rote Halbmond. Aber sie hätten, ohne die eigentliche Intrige zu beschädigen, auch durch die Ustascha oder die Truppen des Imperators Palpatine ersetzt werden können.

Vielleicht ist die radikale Entpolitisierung der Preis dafür, überhaupt einen Publikumsfilm zu drehen, in dem der Massenmord an den Armeniern zum Gegenstand wird - zumal von einem Regisseur, der aus einer Familie türkischer Einwanderer stammt: Fatih Akin empfing schließlich, schon lange bevor der Film irgendwo zu sehen war, Drohungen türkischer Nationalisten. Aber ist der Preis nicht etwas zu hoch? Oder war es umgekehrt, so nämlich, dass das Bedürfnis, einen Publikumsfilm zu drehen, von vornherein alles intellektuelle Potenzial zum Erlöschen brachte?

Über gut zehn Jahre erstreckt sich die Geschichte, in der Nazaret, der junge Schmied aus Mardin (Tahar Radim), nach dem großen Morden nach seinen beiden Töchtern sucht, und auch wenn am Ende ein paar weiße Strähnen in seine dunklen Locken geflochten sind, so behält er doch, allen Strapazen zum Trotz, dasselbe Gesicht und dieselbe Statur, und immer wieder blickt er den Zuschauer mit seinen schönen, milden, dunklen Knopfaugen an. Wenn er zu Beginn, in dem Idyll, das der Katastrophe vorausgeht, seine Kinder liebkost, so tut er das auf dem Niveau einer Vorabendserie, und wenn er auf seiner langen Reise von einem Seifenfabrikanten aufgelesen wird, dann trifft er auf einen weisen alten Mann wie aus einem orientalischen Märchen.