Filmfestival Venedig Roadmovie mit Senioren

Eine Geschichte über Voyeurismus, Gewalt und Liebe - leider mit einer Wendung zu viel: Luis Silva im venezolanischen Wettbewerbsbeitrag "Desde Allá".

(Foto: Festival)

Endspurt im Wettbewerb des Filmfestivals von Venedig, mit Atom Egoyan, Christopher Plummer, Bruno Ganz und Jürgen Prochnow.

Von Susan Vahabzadeh

Eine der neuesten Ideen im Hotelwesen ist es, dass man einchecken kann und dann so tun, als sei man woanders. Eine amerikanische Hotelkette experimentiert in New York gerade mit virtueller Realität via Zimmerservice. Der Gast kann ein Headset bekommen, sich ein Eis bestellen und die Brille gaukelt ihm dann in 3-D und mit 360-Grad-Sicht vor, er wäre in einer Eisdiele in Ruanda. Oder er legt sich ganz bequem aufs Bett und lässt um sich herum die Anden aufragen. Da kommt man ja mit dem Fahrstuhl nicht hin. Man könnte einem Gast, der partout sein New Yorker Hotelzimmer nicht verlassen will und sich langweilt, natürlich auch raten, er solle sich einfach einen Film anschauen. Filme bringen einen ja auch an fremde Orte. Aber am Ende geriete er vielleicht an Atom Egoyans "Remember", und seine Fantasie müsste anschließend vor lauter Erschöpfung künstlich beatmet werden und er könnte sein Geld zurückverlangen. Im Vergleich zu diesem Film ist der Besuch einer Eisdiele in Ruanda eine sichere Sache.

Atom Egoyan war einmal der interessanteste kanadische Filmemacher, "Das süße Jenseits" (1998) brachte ihm zwei Oscar-Nominierungen, ganz meisterlich untersuchte er damals moralische Zweideutigkeiten. Der Nachhall ist, dass seine Filme immer noch in Cannes oder Venedig im Wettbewerb laufen. Nur hat er sich, das kann man an "Remember" sehen, derart in die Idee verrannt, alles als Vexierspiel zu erzählen, dass er selbst nicht mehr weiß, wo oben und unten ist.

"Remember" fängt eigentlich ganz großartig an, mit Christopher Plummer, selbst über achtzig. Er spielt Zev, der in einem Altenheim lebt und manchmal morgens nicht mehr weiß, dass seine Frau gestorben ist. Sein Freund Max (Martin Landau) ist geistig noch fit, sitzt aber im Rollstuhl, und der schickt ihn nun auf eine Reise, dirigiert ihn mit schriftlichen Instruktionen und per Telefon quer durch die USA. Er soll einen Otto Wallisch finden, der in Auschwitz ihre beiden Familien umgebracht haben soll und nun als Rudy Kurlander in Amerika lebt. Und dann wird die Sache langsam problematisch: Zev soll sich eine Waffe kaufen und den Mann erschießen, als Max' mörderische Marionette. Dieses Senioren-Roadmovie ist eine Weile trotzdem ganz spannend anzusehen. Und die Wendung, dass Otto Wallisch sich selbst längst vergessen hat, in seiner neuen Identität verschwunden ist, das könnte ein interessanter Blick sein auf die letzten noch lebenden Täter der Nazi-Zeit. Nur dreht Egoyan an der Geschichte noch so viel herum, dass er aus Max einen manipulativen, von maliziöser Rachsucht getriebenen Fiesling macht, als habe ihn sich das NS-Propagandaministerium ausgedacht. Und das geht einfach gar nicht.

Die zweifelhaften Figuren kristallisieren sich am Ende des diesjährigen Wettbewerbs von Venedig als eigenes Thema heraus, Typen, bei denen man nie so recht weiß, ob sie Mitgefühl verdienen oder Verachtung. So ist das auch mit dem ungleichen Paar in "Desde Allá" von Lorenzo Vigas aus Venezuela. Armando ist Zahntechniker, er lebt zurückgezogen, manchmal bittet er junge Männer für Geld in seine Wohnung - nur, um sie anzusehen. Elder ist einer davon, und beim ersten Mal schlägt er Armando nieder und haut mit dessen Brieftasche ab. Er kommt aber immer wieder - ein junger Raufbold aus einer Dynastie der Gewalttäter. Es entspinnt sich eine Beziehung zwischen den beiden, die in Liebe endet - was Elder betrifft, der sich erstmals jemandem öffnet. Armando kann das nicht - vielleicht, weil er sich so lange eingekapselt hat, dass es zum Lieben zu spät ist. Vigas hat aber im dritten Akt dann auch eine Wendung zu viel drin, und "Desde Allá", voller gewollter, aber missratener Unschärfen, verpufft.

Der Schauspieler Fabrice Luchini erhebt die Arroganz zu einer eigenen Kunstform

Wie faszinierend es sein kann, mit den Sympathien seines Publikums zu spielen, zeigt Fabrice Luchini in Christian Vincents "L'Hermine" - es ist eine Paraderolle für Luchini, der aus der Arroganz eine eigene Kunstform gemacht hat. Hier ist er Richter in der Provinz, ein Misanthrop, der gern beweist, dass er klüger ist als irgendwer sonst. Seine Frau hat ihn rausgeworfen, das Hausmädchen hasst ihn, und seine Assistentin behandelt ihn mit höflicher Furcht. Ein Ekel - und selbst als er hört, wie der Staatsanwalt mit der Verteidigung über ihn redet, ist er nur beleidigt, er zeigt keine Regung, die Selbstzweifel verraten würde. Der Angeklagte in seinem neuen Fall soll sein Baby umgebracht haben. Schon bei der ersten Befragung lässt der Richter seiner Verachtung freien Lauf. Aber da ist eine Frau in der Jury, die er kennt. Die große Liebe, die ihn nie erhört hat.

Und nun gibt er sich Mühe, ein für sie akzeptabler Zeitgenosse zu werden - eine ganz winzige Veränderung sieht man da, die ihr aber immerhin gefällt, weil sie schon versteht, dass er nicht aus seiner Haut kann. Der echte Fortschritt findet dann im Gerichtssaal statt - es ist völlig unklar, ob auf der Anklagebank nicht ein Unschuldiger sitzt. Recht sprechen erfordert vielleicht ein Minimum an Zuneigung zur Menschheit an sich. Der Richter wird darin besser, und dieser kleine komische Film ist dann plötzlich gar nicht mehr so leichtfüßig, wie er dank Luchinis leisem Sarkasmus zu sein schien. Eine Geschichte, die in jeder Szene ihrer Logik folgt, macht sich auf der Leinwand dann doch besser als ein großes Drama, das so aus den Fugen gerät, dass man sich noch lieber die Anden ansehen würde, in 2-D und ohne Ton.