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Filmfestival Venedig:Noch mal alles falsch machen

Hanni und Nanni auf Speed, letzte Minuten mit Al Gore und dem Dalai Lama: Die neuen Filme in Venedig beschwören die Jugend - und den Weltuntergang.

Wenn in Häusern tatsächlich alle Toten spuken, die einst in ihnen gelitten haben, dann ist die Sala Grande übervölkert: Verzweifelte Festivalchefs vergangener Jahrzehnte, vom Kampf mit den italienischen Behörden zermürbt, verlorene Kritikerseelen, die bei jedem Festival mindestens drei Versionen des bevorstehenden Weltuntergangs absitzen mussten, oder - ein Einzelschicksal - das Gespenst des brasilianischen Regisseurs Glauber Rocha, der 1980 ein Riesengeschrei veranstaltete und Louis Malle als Faschisten und zweitklassigen Filmemacher beschimpfte, weil der für "Atlantic City" den Goldenen Löwen bekam, den Glauber Rocha zu verdienen meinte. Vielleicht ist das Problem der meisten Gespenster, dass sie sich allein durchschlagen müssen - wie Ernessa, die in ihrer Geisterheimat jede Menge lebendiger Mädchen und Motten um sich hat, aber keinen, mit dem sie spuken kann, in Mary Harrons' "The Moth Diaries".

Sarah Gadon

Schauspielerin Sarah Gadon posiert in Venedig für ihren neuen Film "The Moth Diaries".

(Foto: AP)

In der ersten Szene kommen die Mädchen im Internat an, Bryglaw, eine Schule in einem alten Hotel. Das Ganze lässt sich an wie Hanni und Nanni auf Speed, bis eine neue Schülerin auftaucht, Ernessa eben (Lily Cole), die alle mögen, nur Rebecca nicht - sie klammert sich an ihre beste Freundin Lucy und wird von Eifersucht zerfressen.

Eine schön doppelbödige Geschichte - entweder ist Ernessa wirklich ein blutsaugendes Gespenst, der Geist eines Mädchen, das sich mehr als hundert Jahre zuvor umgebracht hat im Hotel Bryglaw, oder man sieht nur einem Haufen kleiner einsamer Mädchen beim Durchdrehen zu, die sich schwertun mit dem Erwachsenwerden, abgeschoben, weil ein Elternteil gestorben ist oder die Eltern sich haben scheiden lassen. Es gibt ein paar träumerische Rückblenden auf die lebende Ernessa, die um die Jahrhundertwende versucht, sich vom Selbstmord ihres Vaters zu erholen in Bryglaw - und die Frau hat tatsächlich ein Gesicht, das am besten in eine andere Zeit passt, in der Gegenwart wirkt sie seltsam deplatziert.

Die Literatur war ganz oft getrieben von der Angst vor weiblicher Sexualität und Unabhängigkeit, erklärt der Lehrer den Mädchen in "The Moth Diaries", der außer Konkurrenz gezeigt wurde. Man kann sich heute nur schwer vorstellen, dass zu Lebzeiten der Brontë-Schwestern offiziell die Romane, die die drei geschrieben hatten, als die Werke eines Brüdertrios namens Bell galten, weil so vieles da offenkundig aus weiblicher Sicht beschrieben ist. Emily Brontës "Wuthering Heights" hat Andrea Arnold nun neu verfilmt - und man fragte sich, wie die Frau, die "Fish Tank" drehte, über ein desorientiertes Mädchen im Jetzt, eine Story anpacken würde über ein Mädchen auf einem entlegenen Hof in Yorkshire des 18. Jahrhunderts. Die Antwort lautet: genauso. Sie ist auch in diesem Kostümdrama ihrem Stil treu geblieben, ihr "Wuthering Heights" ist überwiegend mit Handkamera gedreht, und sie findet in Catherine Earnshaw ein ganz ähnliches Mädchen, bockig, unwillig und unfähig, sich einzuordnen.

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