Filmfestival in Venedig:Menschenfresser unter sich

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Filmfestival in Venedig: Harry Styles und Florence Pugh in "Don't Worry Darling".

Harry Styles und Florence Pugh in "Don't Worry Darling".

(Foto: Warner/dpa)

Brendan Fraser gilt schon jetzt als Oscar-Kandidat für seinen Auftritt in "The Whale", und bei "Don't Worry Darling" gab es Zoff hinter der Kamera: Neues vom Filmfestival in Venedig.

Von Tobias Kniebe

Wenn schon alle Welt in Venedig das Kino feiert, wollen dann auch die Carabinieri nicht zurückstehen? Diesen Eindruck gewinnt man, wenn man täglich an den Straßensperren vorbeikommt, mit denen sie alle Zugänge zum Festivalgelände am Lidostrand kontrollieren. Dort spielen sie schon mal den imperialen "Star Wars"-Marsch scheppernd durch ihre Polizeilautsprecher, nur so zum Spaß, und besonders freut man sich, wenn man auf einem ihrer Wagen den Schriftzug "Carabinieri Cinofili" entdeckt.

Könnte es wahr sein, dass es einen offiziellen Klub der Cinephilen unter den Carabinieri gibt, eine Art Vereinigung der Kinoliebhaber im Polizeidienst? Notiz im Gehirn: Muss dringend recherchiert werden. Allerdings erst nach der Vorstellung, denn jetzt gibt es etwas, das auf streng kuratierten Festivals nicht immer einen leichten Stand hat - das Kino als Wunschmaschine. Träume dürfen zwar auch hier in Venedig schon mal erfüllt werden. Aber bitte doch eigentlich nur dann, wenn die Wünsche darin eine dunkle Kehrseite haben.

Wie im Drama "Don't Worry Darling" der aufstrebenden Hollywood-Regisseurin Olivia Wilde ("Booksmart"), das vor allem durch die Mitwirkung von Pop-Superstar Harry Styles einen Ansturm der Fans ausgelöst hat. Styles spielt darin den Ehemann einer Fünfzigerjahre-Musterehefrau (Florence Pugh) in einer Fünfzigerjahre-Mustersiedlung irgendwo in einer Wüste des amerikanischen Westens. Dort arbeiten die Männer tagsüber an einem streng geheimen Projekt, die Frauen aber sollen ein geschütztes, angenehm klimatisiertes Hausfrauenleben führen, mit Pool-Drinks und Cocktailpartys und endlosem Smalltalk. Vor allem sollen sie nicht zu genau nachfragen, was hier eigentlich passiert.

Timothée Chalamet spielt einen Kannibalen in "Bones and All"

Die Antwort könnte so etwas Ähnliches wie der Bau der Wasserstoffbombe sein, zumindest denkt man das zunächst. Sie liegt dann aber eher zwischen den großen dystopischen Lügengebäuden von Filmvorbildern wie "Truman Show" oder "The Stepford Wives" - man könnte sagen, das Wüstenprojekt entpuppt sich als Tru-Woman Show. Mehr darf hier noch nicht verraten werden, viel dringender will die Kinowelt allerdings auch wissen, was beim Dreh des Films eigentlich passiert ist. Wurde der Schauspieler Shia LaBeouf von Olivia Wilde gefeuert, wie sie sagt? Oder ging er freiwillig, wie er behauptet? Und spielt es eine Rolle, dass der Ersatzmann Harry Styles jetzt mit Olivia Wilde zusammen ist, während Florence Pugh anscheinend nicht mehr mit ihr redet? Fragen dazu wurden in Venedig erst mal abgeblockt, und auf dem roten Teppich ließen sich alle nichts anmerken.

Wem gönnt man überhaupt noch die ganz großen Träume, die das Kino ja noch immer zu vergeben hat? In einer Zeit, in der nach dem Willen der Tugendwächter jeder erst einmal seine Privilegien offenlegen, streng hinterfragen und dann das Wünschen vielleicht besser sein lassen sollte, sind es die maximal Ausgegrenzten und Entfremdeten. Was könnte eine arme, ohne Mutter aufgewachsene schwarze Frau von achtzehn Jahren etwa mehr bedrängen als ihre unterprivilegierte Herkunft? Im Wettbewerbsbeitrag "Bones and All" spürt sie einen Hang zum Kannibalismus, der in ihrer Jugend auch schon Todesopfer gefordert hat. Ganz schöne Fallhöhe fürs Heranwachsen. Kann da noch jemand mithalten, was intersektionale Benachteiligung betrifft?

So fühlt sich Maren (Taylor Russell) allein in einer Welt, in der sie nicht überleben kann. Und dann wird ihr doch ein herrlicher Wunsch erfüllt - sie trifft einen gleichaltrigen Menschenfresser-Kollegen in der berückend bleichen Gestalt von Timothée Chalamet. Der nimmt sie mit durch den mittleren Teil der USA, und gemeinsam geht natürlich alles leichter. Welch toller Zufall, werden sich Hunderte sehr junge Venezianerinnen am roten Teppich gedacht haben, die von genau so einer Begegnung mit dem anderen Mädchenschwarm der Stunde (neben Harry Styles) träumen. Ganz kriegt der italienische Regisseur Luca Guadagnino ("Call Me By Your Name") diese sehr amerikanischen Story aber nicht in den Griff, obwohl Außenseiterromantik eigentlich sein zweiter Vorname ist. Die zarte Teenager-Romanze und das fortgesetzte Menschenfressen neutralisieren sich eher gegenseitig, als dass sie sich verstärken.

Filmfestival in Venedig: Welche Spuren Lebenskrisen im Körper hinterlassen: Brendan Fraser in "The Whale".

Welche Spuren Lebenskrisen im Körper hinterlassen: Brendan Fraser in "The Whale".

(Foto: AP)

Auch der Protagonist Charlie in "The Whale" von Darren Aronofsky hat das schwere Paket eines kompletten Außenseiters zu tragen. In diesem Fall ist es sein eigener Körper, der auf lebensbedrohliche 600 Pfund angeschwollen ist, seit sein Partner, die große Liebe seines Lebens, sich umgebracht hat. Mit dieser Rolle kehrt der Schauspieler Brendan Fraser nach einer langen Abwesenheit wuchtig ins Kino zurück. Bevor es losgeht, hat man ihn vielleicht noch als braungelockten Abenteurer mit Waschbrettbauch aus den "Mumie"-Filmen der Jahrtausendwende vor Augen. Auf das, was dann kommt, ist man nicht vorbereitet. Zwar hilft noch ein mächtiger, krass realistischer Fatsuit, doch Fraser ähnelt jetzt wirklich seiner Figur. Dass Lebenskrisen Spuren in den Körpern der Menschen hinterlassen können - dafür steht er mit seiner eigenen Biografie und Physis ein, und die Bilder dieses mutigen Schritts gehen von Venedig aus auch schon um die Welt.

Alles spielt in Charlies Apartment, das er nicht mehr verlassen wird, da verrät der Film seine Herkunft aus dem Theater - Samuel D. Hunter hat für "The Whale" sein eigenes, gleichnamiges Theaterstück in ein Drehbuch verwandelt. Diese Einheit des Ortes ist zwingend, denn Treppensteigen kann der Mann sicher nicht mehr, man bräuchte wohl einen Kran, als er ins Krankenhaus gebracht werden müsste. Nur verweigert er das eben kategorisch. Eine Krankenschwesterfreundin deckt ihn bei dieser Entscheidung, die wohl sein Todesurteil bedeutet. Letzte Wünsche werden ihm dennoch gewährt, seine entfremdete Tochter (Sadie Sink aus "Stranger Things") und ihre Mutter kommen noch mal vorbei, harte Dinge werden ausgesprochen, am Ende wird zumindest von Charlies Seele ein Gewicht genommen. Brendan Fraser spielt das wirklich großartig, sechs Minuten Standing Ovations hat er dafür bekommen und dabei geweint. Ein wenig verstörend ist nur der sofort einsetzende Oscartalk, der in einer Art Zwangskoppelung nun wieder, wie schon so oft, ans Zunehmen oder Abnehmen des Körpergewichts geknüpft ist - als wäre ,,Bester Schauspieler" inzwischen eine Kategorie, bei der man sich vorher einwiegen muss, wie beim Boxen.

Was schließlich die Frage der so besonders kinofreundlichen Sicherheitskräfte in Venedig betrifft, die sich den Codenamen "Carabinieri Cinofili" auf ihre Fahrzeuge geschrieben haben, was der Reporter in einer ruhigen Minute ja noch recherchieren wollte ... also, na ja. Das Internet enthüllt schnell, was ein des Italienischen wirklich mächtiger Reisebegleiter auch gleich hätte sagen können - dieser Name bedeutet schlicht "Hundestaffel". Auch wenn die Liebe zum Polizeiköter und zum Kino sich in Italien nur in einem Buchstaben unterscheidet - ganz dasselbe ist es nicht.

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