Filmfestival Leipzig Kein Gespür für Realität

In diesem Film ist sie geglückt, die Poetisierung des Wirklichen, die viele Filme im internationalen Wettbewerb anstrebten. Ob ein Film nun viertel- oder halbinszeniert ist, ist dabei nicht die Frage. Bei manchen Arbeiten aber kam vor lauter Kunst- und Gestaltungswillen das Gespür für die Realität abhanden.

Jacques Perrin etwa ("Nomaden der Lüfte", "Unsere Ozeane") verwandelt mit Éric Deroo in L'empire du milieu du sud die Geschichte Vietnams in eine ästhetisch überwältigende Symphonie, der die Fähigkeit zur Analyse im überschwappenden Fluss der Bilder und dem dröhnenden Konzert vieler Stimmen schnell verlorengeht.

Das Gegenprogramm dazu: Gaza crève l'écran (Gaza on Air) von Samir Abdallah, der Schreckensbilder palästinensischer Kameramänner von der Bombardierung von Gaza-Stadt Ende 2008 mit ausführlichen Interviews mit diesen Journalisten verbindet. Das Ergebnis ist leidenschaftlich parteiisch, eine schreiende Klage und Anklage, die sich nicht so leicht überhören lässt wie die üblichen wohltemperierten Nachrichten. Hier ist die fehlende Analyse provozierend und deshalb kein Mangel.

40 Quadratmeter Deutschland

Festivalleiter Claas Danielsen stellte Gaza on Air persönlich vor, gewissermaßen als Ausweis seiner Haltung. Angesichts einer durchformatierten Fernsehlandschaft kann man die entschiedene ästhetische wie politische Haltung der Festivalmacher bei der Programmauswahl nur bewundern.

Die Auseinandersetzung selbst mit weniger gelungenen Filmen war meistens fruchtbar: mit dem Zorn in Gaza on Air oder der Melancholie in Titus Faschinas fast sprachlosem Dem Himmel ganz nah, dem einzigen deutschen Beitrag im internationalen Wettbewerb. In schwarz-weißen Panoramabildern wird darin die fast verschwundene Welt einer Schafzüchterfamilie in den Karpaten konserviert. Das Sujet ist wenig originell, die Inszenierung aber so archetypisch gültig wie bei August Sander.

Überzeugender noch als der Internationale Wettbewerb war in diesem Jahr in Leipzig die deutsche Reihe. Mit einer Goldenen Taube wurde Gereon Wetzels und Jörg Adolphs mitreißender How to Make a Book with Steidl ausgezeichnet (SZ vom 22.10). Unbedingt sehenswert ist auch Wir sitzen im Süden, ein Dokument der Globalisierung. Darin geht es um in Deutschland geborene Türken, die unfreiwillig wieder in der Türkei leben und dort in einem deutschsprachigen Callcenter arbeiten. Grotesk, wie sie in den Hörer schwäbeln und sich daheim ihre "40 Quadratmeter Deutschland" konservieren, wie einer witzelt. Auf der Suche nach Geborgenheit und Identität wird Deutschland zum Sehnsuchtsort - Sarrazin dürfte schwindlig werden bei so viel hoffnungslosem Integrationswillen.

Verschleppte Konflikte

Bei der Preisvergabe ging Martina Prießners präziser, konzentrierter Film leider leer aus, dabei stecken all die unterschwelligen Themen dieses 53. Leipziger Dokumentarfilmfestivals darin: die Generationenkonflikte - manche der Deutsch-Türken wurden von ihren Eltern regelrecht verschleppt-, die hoffnungslose Leidenschaft vieler Protagonisten und ihre Melancholie. Außerdem das - zutiefst demokratische - Interesse für die vielen Provinzen dieser Welt.

Wie das Globale und das Regionale zusammenhängen, ließ sich exemplarisch in There Once Was an Island von Briar March studieren. Über drei Jahre hinweg begleitet ihr Film die Bewohner des Pazifik-Atolls Nukutoa, deren Insel langsam im Meer versinkt. Es ist die alte Klimawandel-Geschichte vom Eisbären, dessen Scholle schmilzt, die hier allerdings so unsentimental und packend erzählt wird, dass sie frisch ans Herz geht. Ist ja nicht viel, was da untergeht, 500 Meter Sand - und eine ganze Kultur. Da kann man schon mal kalte Füße bekommen

Was aus Stars geworden ist

Und raus bist du