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39. Internationales Filmfestival Karlsbad:Triumph der Bambini und Jünglinge

Um zu den Hauptpreisträgern des diesjährigen Filmfestivals in Karlsbad zu gehören, waren offenbar folgende Eigenschaften notwendig: jung, italienisch oder deutsch.

Von Paul Katzenberger

Qualität ist nicht immer käuflich. Vom Umkehrschluss, dass nämlich hohe Qualität auch mit weniger Geld erreicht werden kann, profitierte in diesem Jahr das 39. Internationale Filmfestival im tschechischen Karlovy Vary (Karlsbad). Obwohl die wichtigste Filmschau des Nachbarlandes mit dem niedrigsten Budget seit zehn Jahren auskommen musste, galt das Programm als eines der stärksten der vergangenen Jahre. Insbesondere gegenüber dem Vorjahr hob sich das Festival nach Meinung vieler Besucher positiv ab, obwohl die Zahl der präsentierten Filme von 304 auf 235 deutlich zurückgenommen worden war.

Volle Säle

Trotz des abgespeckten Programms ließ sich die Prominenz auch in diesem Jahr wieder besonders zahlreich in Karlsbad zu blicken. Neben Jacqueline Bisset, Harvey Keitel, Elijah Wood ("Herr der Ringe") und John Cleese (Monty Python) traten etliche weitere international renommierte Filmstars den Gang auf dem blauen Teppich ins Festivalhotel Thermal an. Für ihr Lebenswerk ausgezeichnet wurden neben Keitel noch Roman Polanski sowie der tschechische Kameramann und Oscar-Preisträger Miroslav Ondříček.

Bei jugendlichen Besuchern erfreut sich der Karlsbader Filmwettberb bereits seit Jahren großer Beliebtheit, da im Gegensatz zu den anderen Festivals der A-Kategorie wie in Cannes und Venedig leicht an Eintrittskarten zu kommen ist. Lediglich 1200 Kronen (etwa 40 Euro) beträgt der reguläre Preis für den Festivalpass, der für die zehntägige Dauer der Filmschau bei vier Vorstellungen pro Tag Eintritt gewährt, wenn noch Plätze frei sind. Das ist immer der Fall, weil sich die Zuschauer mit Festivalpass auf den Boden setzen dürfen. Studenten und Behinderte bezahlen sogar nur 800 Kronen.

Das führt in Karlsbad regelmäßig zu ausverkauften Aufführungen, was der Atmosphäre des Festivals auch aus Sicht der professionellen Beobachter aus Filmwirtschaft und Medien gut tut. So zeigte sich etwa der deutsche Regisseur Dennis Gansel tief beeindruckt, als sein Film "Napola" vor einer Kulisse von mehr 1200 Zuschauern vorgestellt wurde.

Ethische Werte

Ganz im Zeichen der Jugend standen beim diesjährigen Festival auch die Wettbewerbsauszeichnungen. Wie im vergangenen Jahr ging der mit 20.000 US-Dollar prämierte Hauptpreis nach Italien. Mit ihrem Film "Certi Bambini" ("A Children's Story") sorgten die Zwillingsbrüder Andrea und Antonio Frazzi für den Verbleib des Kristallglobus im Stiefelstaat. Dorthin hatte ihn im vergangenen Jahr Ferzan Ozpetek mit "La finestra di fronte" geholt.

Erste Hoteladresse des Landes und Festival-Spielort: Das Grandhotel Pupp in Karlovy Vary mit Kristallglobus (rechts).

(Foto: Foto: Film Servis Festival Karlovy Vary)

Leben auf der Straße

Die Romanvorlage für "A Children's Story" lieferte Diego da Silva. Erzählt wird die Geschichte des 11-jährigen Rosario, der mit seiner bettlägrigen Großmutter in einem schäbigen Vorort von Neapel lebt. Rosario wird zunehmend zum Kind der Straße, wo er versucht mit zwei Freunden ein bisschen Geld aufzutreiben. Trotz seiner Jugend gibt es für Rosario fast nur Armut und Gewalt und statt sich in den Lehrern ein Vorbild zu nehmen, eifern Rosario und seine Freunde den älteren Kinder nach, die alle schon die kriminelle Haltung ihrer erwachsenen Umwelt angenommen haben. So gerät Rosario immer mehr in den Strudel der örtlichen Mafia-Szene, die ihm nur niederschmetternde Erfahrungen bringt. Auf langen U-Bahnfahrten entzieht sich Rosario der Realität durch Tagträumereien.

Die Jugend sorgte aber auch aus deutscher Sicht für einen Erfolg: Für seine Rolle als Boxer einer NS-Eliteschule in dem Film "Napola" wurde der erst 20-jährige Max Riemelt mit dem Kristallglobus für die beste männliche Hauptrolle geehrt.

In dem Kriegs- und Sportdrama "Napola" des 31-jährigen Dennis Gansel geht es ebenfalls um Orientierung in einer ausweglos erscheinenden Lage. In diese gerät der 17-jährige Friedrich (Max Riemelt), der im Deutschland des Jahres 1942 gegen den Willen seiner Eltern in einer NS-Eliteschule, einer sogenannten Napola (Nationalpolitischen Lehranstalt), als Boxer Aufnahme findet.

Der Film erzählt von der Freundschaft Friedrichs zu seinem Mitschüler Albrecht (Tom Schilling) und den Anstrengungen der beiden, sich ihre ethischen Werte innerhalb des barbarischen Nazi-Systems zu erhalten. Während sich Albrecht den Repressionen durch Selbstmord entzieht, wird Friedrich schließlich aus der Schule geworfen, weil er absichtlich einen Boxkampf verliert.

Max Riemelt steht derzeit auch in Dresden vor der Kamera. Er wirkt dabei im Drama "Der Rote Kakadu" mit, das eine Geschichte von Jugend und Rebellion in der DDR kurz vor dem Mauerbau erzählt.

Auch durch der Zuschauerpreis des diesjährigen Festivals konnten sich die Filmländer Italien und Deutschland direkt und indirekt prämiert fühlen: Der Preis ging an Byambasuren Davaa und Luigi Falorni für ihr dokumentarisches Familiendrama "Die Geschichte vom weinenden Kamel". Der Mongole und der Italiener sind beide Absolventen der Filmhochschule München. Der Film, der in der südmongolischen Wüste Gobi spielt, handelt vom Versuch nomadischer Hirten, das Leben eines frisch geborenen Kamels zu retten, nachdem es von seiner Mutter verstoßen wurde.

Internationale Ausrichtung

Seit dem 2. Juli hatten sich in Karlsbad neben "Certi Bambini und "Napola" 13 weitere Filme um den Hauptpreis beworben. Wie bereits in den Vorjahren waren die verschiedenen Weltregionen mit Ländern wie Kroatien/Bosnien-Herzegovina, Japan oder den USA sehr ausgewogen vertreten.

Im Gegensatz zu meisten anderen Filmschauen versuchen die Karlsbader Festivalmacher klare Länderdominanzen zu vermeiden und den internationalen Austausch von Filmen anzuregen. Bekannt ist das Festival besonders für seine Auswahl an osteuropäischen Filmen, für die mit "East of the West" eine eigene Reihe installiert wurde. Hier werden regelmäßig Filme gezeigt, die der deutsche Kinogänger nur im Ausnahmefall zu Gesicht bekommt.

Wenig Neues aus dem Westen

Auf Premieren groß angekündigter Hits aus dem Westen muss das Karlsbader Publikum allerdings häufig verzichten. Hier bot das Festival auch in diesem Jahr allerdings eine große Auswahl der besten Filme des diesjährigen Weltkinos - etwa in der Reihe "Horizons". Wem nicht nur an Erstaufführungen gelegen ist (und welchem der vielen Karlsbader Hobbycineasten ist das schon?), der war dieses Jahr allenfalls gut bedient. Mit "Gegen die Wand" fehlte der Siegerfilm der Berlinale ebensowenig wie Michael Moores diesjähriger Cannes-Gewinnerfilm "Fahrenheit 9/11".

Viel Applaus spendeten die Zuschauer auch den gut ausgesuchten Klassikern, die man gar nicht oft genug sehen kann. Hierzu zählte etwa das harsche Drama "Yol", Gewinner der Goldenen Palme aus dem Jahr 1982. Einer der größten Erfolge des türkischen Kinos bildete den Höhepunkt der Reihe "Ten best turkish films".

Zu den stärkeren Wettbewerbsbeiträgen zählte die tschechische Tragikomödie "Mistři" ("Champions") von Marek Najbrt sowie das Drama "Niceland" des isländischen Regisseurs Fridrik Thor . "Mistři" nimmt die in Tschechien omnipräsente Besessenheit kleiner Leute mit dem Volksport Eishockey auf die Schippe, während es Fridriksson in "Niceland" gelingt, in einer einfachen Geschichte über die Komplexitäten des Leben zu räsonieren, wie es tatsächlich abläuft - und wie es ablaufen sollte.

26 deutsche Filme

Insgesamt waren 26 deutsche Filme oder Koproduktionen in der böhmischen Kurstadt zu sehen. Für den Wettbewerb konnten sich nur solche Werke bewerben, die nach dem 1. Januar 2003 fertiggestellt wurden, höchstens auf deutschen Festivals zu sehen waren und damit in Karlsbad zumindest ihre internationale Premiere feierten. Unter den Weltpremieren fand sich der deutsche Beitrag "Napola".

Das Festival, das 1946 erstmals stattfand und anfangs im Wechsel mit dem Filmfestival in Moskau veranstaltet wurde, ist nach Venedig die älteste Filmschau Europas. Mit seiner A-Kategorie steht Karlsbad formal in einer Reihe mit den Festivals in Cannes, Venedig und Berlin. Unter den weltweit insgesamt 11 A-Festivals gehört die böhmische Kurstadt allerdings zur Gruppe der kleineren Filmfeste, wie sie etwa auch in Warschau, Moskau oder Tallinn veranstaltet werden.

© sueddeutsche.de
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