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Filmfestival in Venedig:Wettbewerb der einsamen Helden

Judi Dench begeistert in "Philomena" das Publikum bei den Festspielen in Venedig.

Judi Dench hat mit "Philomena" bei den Festspielen in Venedig Chancen auf den Darstellerpreis.

(Foto: AFP)

Beim Filmfestival von Venedig laufen die letzten Wettbewerbsfilme. Judi Dench begeistert in "Philomena" - die Jury muss entscheiden, ob sie den Goldenen Löwen einem Film geben will, den Publikum und Kritiker haushoch favorisieren. Die unentschiedenen Kritiker bringen sogar Ex-US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld als besten Schauspieler ins Gespräch.

Jurys lassen sich eher ungern vorschreiben, wen sie auszuzeichnen haben. Und in Venedig ist das nun eine schlechte Nachricht für Stephen Frears: Sein Film "Philomena", in dem Judi Dench eine Irin spielt, der fanatische Nonnen einst ihr Kind weggenommen haben, ist auf allen Bestenlisten die Nummer eins - bei den italienischen und internationalen Kritikern genauso wie beim Publikum. Die Jury um Bernardo Bertolucci aber könnte das nun zum Anlass nehmen, ganz bewusst einem anderen Film den Goldenen Löwen zu geben - einfach, um Unabhängigkeit zu demonstrieren. Ein Darstellerpreis für Judi Dench sollte aber auf jeden Fall drin sein.

Eine gute Ersatzwahl wäre zum Beispiel Patrice Lecontes "Une promesse" gewesen, aber der lief außer Konkurrenz. Leconte hat Stefan Zweigs "Widerstand der Wirklichkeit" verfilmt, in England, mit Rebecca Hall und Alan Rickman als ihrem wesentlich älteren Ehemann. Der holt dann einen jungen Angestellten (Richard Madden) als Privatsekretär ins Haus - mit der Absicht, ihm seine junge Frau in die Arme zu treiben, nur um sie glücklich zu machen. Und als der Plan aufzugehen droht, tut ihm das dann doch so weh, dass er den Jungen nach Mexiko schickt, kurz vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs.

Das ist ganz meisterlich und mühelos gespielt, von allen dreien: Alan Rickman, der tatsächlich in jeder Szene der verletzte alte Mann hinter einer jovialen Maske ist; Richard Madden, der schweigsam betreten durch einen Türspalt einen Blick auf das zerwühlte Ehebett erhascht; Rebecca Hall, die es schafft, mit dem jungen Mann zu flirten, ohne dass man je daran zweifeln würde, dass sie auch den älteren liebt. Die Gefühle der Eifersucht, das Überschätzen der eigenen Großzügigkeit, all das funktioniert auch hundert Jahre später noch wie damals - aber die drei einsamen Helden weisen einander keine Schuld zu, verletzen sich nie gegenseitig ohne Not. "Une promesse" ist eine grausame Geschichte ohne jede Rachsucht.

Auch Philippe Garrel hat eine kleine Schwarzweiß-Studie vorgelegt über die Eifersucht, die Unruhe und Traurigkeit, die sie erzeugt. "La Jalousie" zeigt seinen Sohn Louis Garrel als erfolglosen jungen Schauspieler. Seine Frau hat er verlassen, kann die innig geliebte kleine Tochter nur noch manchmal sehen, wegen einer Kollegin, nach der er verrückt ist, und die ihn eifersüchtig bewacht. Sie entpuppt sich dann aber bald als Schmetterling, der von einer Blume zur nächsten fliegt. Ein echtes Familienwerk: Louis' Filmschwester Esther ist auch im richtigen Leben seine Schwester, und die Geschichte ist eine Reflexion über die Trennung von Garrel seniors Eltern. Louis Garrel spielt also sozusagen seinen eigenen Großvater.

Die einsamen Helden treten sich gegenseitig auf die Füße

Philippe Garrel war schon 2005 mit seinem 68er-Epos "Les Amants Réguliers" in Venedig vertreten, und gemessen daran ist "La Jalousie" kein großer Wurf; im diesjährigen Wettbewerb kann er sich aber durchaus sehen lassen. Die zwei italienischen Filme, die noch für die letzten Festivaltage übrig bleiben, werden ihm jedenfalls nicht gefährlich. Gianni Amelio, der mit "Lamerica" (1994) den Goldenen Löwen gewonnen hat, ist in diesem Jahr mit "A Lonely Hero" dabei - noch ein Beitrag also zum Thema Einsamkeit, in einem Programm, in dem sich die einsamen Helden gegenseitig auf die Füße traten: Im All (George Clooney und Sandra Bullock in "Gravity"), aus dem All (die außerirdische Scarlett Johansson in "Under the Skin"), im Auto ("Locke"), in einer bizarren Zukunft (Christoph Waltz in "The Zero Theorem").

Amelio erzählt die Geschichte eines Mannes, der dauernd irgendwelche absurden Jobs in Vertretung annimmt und dabei eine Frau kennenlernt, die sich nicht für ihn interessiert, und sich dann umbringt. Nichts darin hat mit der Wirklichkeit zu tun. Man könnte dann fast vermuten, dass Amelio, wo der Film doch schon so heißt, irgendetwas zu berichten hat über Einzelkämpfer und den Mangel an Gemeinschaft, aber dafür müsste er seinen Protagonisten schon mal irgendwann in einem gesellschaftlichen Kontext zeigen. Stattdessen steuert der fröhlich eine Trambahn und putzt Fußballstadien. Originell gefilmt ist das nur in der Hinsicht, dass einige Szenen einfach nicht stimmen, und was dann übrig bleibt, ist schlecht gemachter Eskapismus ohne Unterhaltungswert. In der Hauptrolle Antonio Albanese, dem man anmerkt, dass er bestimmt sehr lustig ist, wenn er in einem lustigen Film mitspielt.

Amelio ist halt ein Veteran, die bekommen gelegentlich Carte blanche, und Festivalchefs müssen sich, wenn sie gestandene Filmemacher vor den Kopf stoßen, einiges anhören aus der Branche. Vielleicht war 2013 auch einfach kein gutes Jahr fürs italienische Kino, und in Venedig läuft, was da ist - Gianfranco Rosis "Sacro Gra" beispielsweise, ebenfalls im Wettbewerb. Eine wunderhübsche Dokumentation über das Leben rund um die Ringautobahn von Rom, bei der am Ende nicht viel herauskommt. So was wünscht man sich zwar für einen interessanten, unaufregenden Fernsehabend zu Hause - aber nicht unbedingt für den Wettbewerb eines der wichtigsten Filmfestivals.

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Die Frage, wer an diesem Samstag die Preise bekommen soll, wird durch diese Filme nicht einfacher. Die Unentschiedenheit auch der Kritiker geht schließlich so weit, dass ein Kollege fröhlich den amerikanischen Ex-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld vorschlägt - als besten Schauspieler. Der ist theoretisch tatsächlich prämierbar, denn er ist der alleinige Star in einem Wettbewerbsbeitrag. In Errol Morris' Gesprächs-Dokumentation "The Unkown Known" legt der Pensionär recht ungeniert seine Sicht der Welt im Allgemeinen und des Irak-Kriegs im Besonderen dar; und für eine Szene, in der er Tränen der Rührung vergießt über das Schicksal eines Soldaten, der gegen jede Chance überlebt hat, hat er jeden Respekt der Schauspielergemeinde verdient. Im Wettbewerb der einsamen, unverstandenen Helden heißt es also zum Schluss: jeder für sich und Rumsfeld gegen alle.