Filmfestival goEast Mord als Alltäglichkeit

Da wird in einer russischen Provinzstadt im Minutentakt gemordet - doch ein flotter Gitarrensound konterkariert jede Ernsthaftigkeit: Das Festival des osteuropäischen Films in Wiesbaden überschreitet Grenzen.

Von Paul Katzenberger

Mitten im Westen dem Osten begegnen - so beschrieb das diesjährige goEast-Filmfestival in Wiesbaden seinen Auftrag, den es nun knapp eine Woche lang zum elften Mal erfüllte. Dabei ist kaum ein größerer Gegensatz vorstellbar, als der zwischen der heilen Welt dieser offensichtlich wohlhabenden Kurstadt und der rauen Provinz Russlands oder den Hinterhöfen Bukarests, wo einzelne der insgesamt 127 gezeigten Filme aus 30 Ländern spielten.

Mörderisch, aber auch atemberaubend schön: Die Gegend um Krasnojarsk in Sibirien. Monamour.

(Foto: IDSiDE)

Doch die neue Festivalleiterin Gaby Babic ist gegen das ausschließliche Denken in räumlichen Grenzen - für sie kann der Osten im Zeitalter der Globalisierung auch schon in Wiesbaden beginnen. Beispielsweise in der polnischen Eckkneipe oder beim russischen Lebensmittelhändler.

Ein Thema wie Migration sei keine Problematik des Ostens und keine des Westens, sondern längst eine globale, sagt sie. Um diesen Ansatz zu unterstreichen, präsentierte Babic bei ihrem Debüt in der neuen Festivalsektion "Beyond Belonging" Filme wie den US-amerikanischen Look Stranger oder den belgischen Illegal, jenseits aller Zuordnungen, die einen Fokus auf transkulturelle Phänomene legen. Ein Grundgedanke, der in diesem Jahr allerdings auch in den zwei Wiesbadener Wettbewerben mit zehn Spiel- und sechs Dokumentarfilmen klar erkennbar war.

In der ungarischen Komödie Kinder des grünen Drachens - A Zöld Sárkány Gyermekei lehrt etwa der vereinsamte Chinese Wu den gleichfalls vereinsamten ungarischen Immobilienmakler Máté, wie er an seiner Verlierermentalität arbeiten kann.

Diese sei für die Menschen in Osteuropa typisch sagte Regisseur Bence Miklauzic bei der Deutschlandpremiere seines Filmes in Wiesbaden. "In ganz Osteuropa herrscht eine ganz andere Lebenseinstellung vor als im Westen. Die Menschen betrachten sich als Opfer." Diese Haltung zu hinterfragen, gelang den Kindern des Grünen Drachens mit Humor und ohne besserwisserische Attitüde.

Osteuropäische Verlierermentalität

Auch in dem bulgarischen Wettbewerbsfilm Spuren im Sand - Stupki v Pyasuka erhält ein Osteuropäer Rat von einem Ausländer - in diesem Fall der Bulgare Slavi von einem weisen Indianer in Utah, der ihm begreiflich macht, wie er seine große Liebe zurückgewinnen kann.

Bei Spuren im Sand geht es also ebenfalls um die großen Themen des Lebens, die dem Publikum mit Humor und mittels ausländischem Wissen näher gebracht werden sollen. Doch leider vertändelt sich der Film zu sehr im Skurrilen und verliert so seine Glaubwürdigkeit.

Von Grenzüberschreitungen handelte in Wiesbaden auch der russische Wettbewerbsbeitrag Der Heizer - Kochegar von Aleksej Balabanow, indem er sich nebenbei mit dem Verhältnis der Russen zum indigenen Volk der Jakuten befasst.