Filmfestival Cannes Kein herkömmlicher Serienkillerfilm

Der Thriller erzählt die Geschichte des fiktiven Serienmörders Jack (Matt Dillon). Sie spielt in den Siebzigerjahren im amerikanischen Hinterland, wo die verschneiten Straßen nachts schlecht ausgeleuchtet sind und die Besiedlung so dünn ist, dass die Gewaltorgien des Mörders zunächst niemandem auffallen.

Der Film ist in vier Kapitel aufgeteilt, in denen Jack einem alten Mann (Bruno Ganz) seine Taten schildert und schließlich von diesem, der eine Art Mephisto zu sein scheint, wortwörtlich ins Fegefeuer geführt wird. Opfer Nummer eins (Uma Thurman) ging leicht, erzählt Jack. Er schlug der Frau, die eine Reifenpanne hatte, mit einem Wagenheber - im Englischen "jack" - das Gesicht ein. Später wurden seine Taten ausgefeilter. Er zelebriert Folter und Hinrichtung, lernt das Würgen, schneidet einer Frau die Brüste ab, jagt eine Familie mit dem Gewehr vom Hochstand aus und bindet ein ganzes Männergrüppchen aneinander, um zu testen, ob er mit einer einzigen Kugel durch all ihre Köpfe kommt.

Und weil Trier natürlich keinen herkömmlichen Serienkillerfilm erzählt, unterbricht Jack seine Beichte auch für andere Ausführungen. Zum Beispiel über die Vor- und Nachteile der verschiedenen Methoden der Süßweinproduktion. Oder die architektonischen Visionen des Nazi-Architekten Albert Speer. Jack sieht sich nicht als Mörder, sondern als Künstler, genauer gesagt als Architekt. Und in seinem Kühlhaus in einem abgelegenen Industriegebiet, wo sich die gefrorenen Leichen stapeln, plant er sein ultimatives Meisterwerk aus menschlichem Baumaterial.

Immer wenn man denkt, krasser geht's nicht mehr, setzt er noch eine Pointe drauf

Diese Story ist so pervers, dass man als Zuschauer ganz froh ist, nur für zweieinhalb Stunden und nicht dauerhaft in Lars von Triers Kopf zu stecken. An manchen Stellen ist "The House That Jack Built" aber auch sehr komisch, zum Beispiel, weil der Protagonist an einem manischen Putzzwang leidet und ständig zu seinen Tatorten zurückkehren muss, um noch einmal nachzuschrubben. So eine Achterbahnfahrt durch Obsessionen, Depressionen und Weltuntergangsvisionen ist natürlich nicht jedermanns Sache. Aber wie Trier sich hier wirklich allen dramaturgischen und ästhetischen Konventionen entzieht, hat man so radikal lange nicht mehr im Kino gesehen. Immer wenn man denkt, jetzt könne man voraussehen, was als Nächstes passiert, schlägt er einen neuen Haken, und immer wenn man denkt, krasser geht's nicht mehr, setzt er noch eine neue Pointe oben drauf.

Dagegen wirkt der neue Film von Spike Lee, einst einer der radikalsten Autorenfilmer der USA, fast brav. Dabei erzählt Lee in "Blackkklansman" (sic!), der am selben Abend Premiere feierte, eine ziemlich irre Geschichte nach einer wahren Begebenheit. Dem Polizisten Ron Stallworth gelang es in den Siebzigern in der US-Kleinstadt Colorado Springs, die örtliche Niederlassung des Ku-Klux-Klan zu unterwandern und bis in die höchste Führungsebene der Rassistenorganisation vorzudringen. Die nicht ganz unwichtige Hintergrundinformation: Ron Stallworth ist schwarz. Gespielt wird er von John David Washington, dem Sohn Denzel Washingtons, einer echten Entdeckung des Festivals.

Wie die Charade gelang, dass ausgerechnet ein Schwarzer mit einem Täuschungsmanöver die Schwarzenhasser infiltrierte, das ist natürlich der perfekte Stoff für den Black-Power-Regisseur Spike Lee. Vielleicht fast schon ein bisschen zu perfekt, weil er seiner Steilvorlage so sehr vertraut, dass er sie letztlich wenig radikal erzählt - eher nach den Regeln einer klassischen Verwechslungskomödie aus dem alten, weißen Hollywood. Dieses Genre beherrscht er aber erstaunlich gut, und so viel Szenenapplaus und Gelächter hatte bislang noch keiner der Filme, die um die Goldene Palme konkurrieren.

Im Gegensatz zu Lars von Trier entschied sich Spike Lee nach der Premiere dementsprechend auch für die große Show und führte zu lauter Hip-Hop-Musik mit seinen Darstellern eine kleine Tanzperformance auf dem roten Teppich auf.

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