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Filmfestival Cannes 2014:Perfekter Abschluss

Cast members Lars Eidinger, Chloe Grace Moretz and Juliette Binoche pose during a photocall for the film 'Sils Maria' in competition at the 67th Cannes Film Festival in Cannes

Lars Eidinger, Chloe Grace Moretz und Juliette Binoche beim Fototermin für "Sils Maria" in Cannes.

(Foto: REUTERS)

Reifer, ruhiger, älter kann ganz gut sein: Olivier Assayas liefert mit "Sils Maria" zum Ende des diesjährigen Cannes-Wettbewerbs ein wunderbares Essay übers Altern mit Juliette Binoche, Lars Eidinger und mindestens dreifachem Boden.

Cannes, das ist wüster Trubel vor zauberhafter Kulisse, cinephile Wichtigtuerei und Papparazzi-Futter, zu gleichen Teilen. Aber am Ende muss dann doch ein wenig mehr übrig bleiben. Beispielsweise ein Eindruck davon, wo das Kino steht und wie viel es mit der Welt zu tun hat, die es spiegeln sollte.

Insofern ist Olivier Assayas' neuer Film "Sils Maria" der perfekte Abschluss für den diesjährigen Wettbewerb - ein wunderbares Essay darüber, dass das Altern nicht schön ist, aber normal. Assayas, der spätestens seit "Carlos" als einer der ganz Großen im französischen Kino gilt, erzählt die Geschichte einer nicht mehr ganz jungen Schauspielerin, Maria Enders, verkörpert von Juliette Binoche.

"Sils Maria" hat nicht nur einen doppelten, sondern mindestens einen dreifachen Boden. Ein junger Regisseur (Lars Eidinger) bietet Maria noch einmal eine Rolle im selben Stoff an, mit dem sie einst berühmt wurde - als Sigrid, die die ältere Helena ausspielt. Nun soll sie Helena sein - ihre Assistentin Val (Kristen Stewart) redet ihr gut zu, und die beiden fahren nach Sils Maria, wo die Geschichte von Sigrid und Helena einst geschrieben wurde, in einem Tal, in das an manchen Tagen der Nebel hineinkriecht wie eine Schlange.

Schlangengleich

Kristen Stewart hat hier einen wirklich großartigen Auftritt hingelegt, im Limbo zwischen Spielen und Sein - die beiden üben zusammen den Text, und sie ist dabei Sigrid. Sie zeigt Maria einerseits, wie reizvoll die Rolle der Helena ist, und erinnert sie gleichzeitig daran, dass sich das Alter in ihr breitgemacht hat wie der Nebel im Tal. Sie erzählt ihr auch von dem jungen Sternchen Joann, das die Rolle der Sigrid im Film spielen wird - eine kleine Skandalnudel mit großen schauspielerischen Ambitionen, nicht unähnlich jener Kristen Stewart, die von diesem jungen Filmstar erzählt.

Assayas lässt offen, ob nicht vielleicht nur eine Frau in diesem einsamen Haus in Sils Maria ist, sich dort ihre neue Rolle auf der Bühne und im Leben herausarbeitet - während zwei Versionen ihres Selbst um die Macht streiten. Er zeigt Juliette Binoche auf zwei Arten, erst zurechtgemacht, als schöne Femme fatale - und dann mit nacktem Gesicht. Man sieht dieser Figur dabei zu, wie sie auch auf der psychologischen Ebene die andere Haut langsam abstreift, schlangengleich, während sie mit der jungen Assistentin darüber diskutiert, ob die neuen Schauspieler alles anders machen und ob das besser ist - oder eben bloß anders. Und dann sagt Val, die Assistentin: Gegenstände sehen anders aus, je nachdem, wo man steht. Maria steht nicht mehr auf derselben Seite des Lebens wie die junge Frau, die sie nicht loslassen will.

Assayas, der bald sechzig wird und eben nicht mehr der junge Wilde ist, meint damit natürlich auch sich selbst. Spielerisch verteidigt er seinen Begriff von Kino und Kunst gegen eine neue Popkultur, ohne sie zu denunzieren - es ist eben normal, dass Perspektiven sich mit der Zeit ändern. Auch das Kino ist ja nicht mehr das von damals. Als ich Sigrid spielte, sagt Maria zu Joann, dem Nachwuchs-Star, habe ich, wenn Helena zusammenbricht, einen Augenblick gezögert, bevor ich gehe, damit das Publikum sie noch einmal wahrnimmt. Das junge Sternchen schaut sie entgeistert an und antwortet: Nein, das werde ich nicht tun - Helena ist Geschichte. Dem anderen Raum lassen -das ist ja im Kino tatsächlich altmodisch geworden. Und in der Welt, die es spiegelt: Alles, was neu ist, bekommt das ganze Rampenlicht für sich.

Reifer, ruhiger, älter werden kann eben auch ganz gut sein - das sieht man auch dem neuen Film von Asia Argento an, "Misunderstood", gezeigt in der Reihe Un certain regard: Es geht um die Nöte eines kleinen Mädchens, das von seinen Eltern im Stich gelassen wird, auf sehr realistische Weise: Die Künstler-Eltern trennen sich, sind erst zu beschäftigt mit sich selbst, um die Probleme der Tochter wahrzunehmen, und dann wieder anfallsartig die Eltern, nach denen sie sich sehnt. Das ist manchmal sehr witzig, obwohl es um traurige Dinge geht.

Andrey Zvyagintsev hat sich mit "Leviathan", im Vergleich zu seinem Venedig-Sieger "The Return" (2003) als Filmemacher, mit fünfzig Jahren übrigens, noch mal komplett neu erfunden. "Leviathan" ist bis zu einem gewissen Grad ein Thriller, viel schneller als Zvyagintsevs frühere Filme, mit witzigen, scharfen Dialogen - und er ist auch eine Abrechnung mit dem Russland von heute: Zvyagintsev meint mit seinem Titel das Ungeheuer und Hobbes' allmächtigen Staat gleichermaßen.

Kolja ist Mechaniker in einem kleinen Fischerort im Norden, ein alter Freund aus Armeetagen kommt zu Besuch, inzwischen Anwalt in Moskau: Er soll Kolja helfen, sich gegen den Bürgermeister zu wehren, der im Begriff ist, sich das Grundstück mit Meerblick unter den Nagel zu reißen, auf dem das Haus steht, in dem Kolja und seine Vorfahren seit Generationen gewohnt haben. Dass er sich gegen eine korrupte Verwaltung wehrt, löst nun eine Reaktion aus, die seine gesamte Familie zerstören wird - der Anwalt aus Moskau zieht schnell den Schwanz ein und fährt nach Hause.

Zvyagintsev erzählt das mit einer erstaunlichen Leichtigkeit - wie einen Genre-Film eben. In einer sehr komischen Szene machen Kolja und seine Freunde ein Picknick, die Männer schießen zum Spaß auf Flaschen, bis einer mit einem automatischen Gewehr alles zerdeppert, und dann, als Alternative, die Fotos anbietet, die über die Jahre an seiner Bürowand hingen - von Breschnew bis Jelzin. Um die neuen Bilder schon dafür herzunehmen, sagt er, sei es noch zu früh. "Leviathan" erzählt von Stillstand, von ewiger Wiederholung, und im Grunde haben natürlich beide recht, Zvyagintsev und Assayas: In mancher Hinsicht ändert sich die Welt in rasender Geschwindigkeit, und in mancher ist sie starr wie Eis. Ob es immer die richtigen Dinge sind, die sich ändern, darüber kann man streiten - schon deswegen, weil sie natürlich ganz unterschiedlich aussehen, je nachdem, wo man steht.

© SZ vom 24.05.2014/ihe

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