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Filmfestival Cannes 2014:Eine Ahnung der Wirklichkeit

Regisseur Xavier Dolan, Festival Cannes 2014

Regisseur Xavier Dolan beim Fototermin zur Premiere von "Mommy" am 22. Mai in Cannes.

(Foto: AFP)

Das Filmfestival in Cannes beeindruckt mit Filmen über Rebellion und Repression. Ein 25-jähriger Newcomer eifert Fassbinder nach, eine Doku über die Ukraine zeigt eindrucksvoll den dortigen Umsturz. Und Jean-Luc Godard, Grandpère terrible des Weltkinos, fasziniert mit seinem Hund.

Zu den Erkenntnissen, die Cannes immer wieder bieten kann, gehört auch, dass die Croisette, diese berühmte lange Uferpromenade, ziemlich exakt nach Westen führt. Für die Abendvorstellungen im Festivalpalast bedeutet das, dass man genau in Richtung der sinkenden Sonne läuft. Sie lässt das Straßenpflaster golden aufleuchten, zaubert Lichtsäume um die Frauen in ihren Galakleidern und entflammt die wirren Haarkränze älterer Filmkritiker - irgendwann kommt offenbar jeder Filmkritiker ins Alter des wirren Haarkranzes. Die Augen, so mit Licht geflutet, sind dann im Dunkel des Kinosaals umso empfindlicher für das Neue.

Mode in Cannes

Kleider zum Niederknien - und Darunterkrabbeln

Dazu gehört auf jeden Fall "Maidan" von Sergei Loznitsa, der außer Konkurrenz als Sondervorführung gezeigt wurde. Der in Deutschland lebende ukrainische Filmemacher, schon bisher in seinen Filmen von Gewalt und Gesetzlosigkeit in Geschichte und Gegenwart des Ostens fasziniert, hat die Ereignisse in der Ukraine dokumentiert. Von den ersten Massendemonstrationen auf dem Maidan in Kiew bis fast zur Flucht des Präsidenten Viktor Janukowitsch war er mit hochauflösenden Filmkameras präsent - aber doch anders als die meisten Dokumentarfilmer sonst. Seine Einstellungen sind beinahe ausnahmslos Totalen, weitgehend unbewegt, es gibt keine Interviews oder Kommentare - und keine Versuche, zu erklären, Schuld zuzuweisen, ganz nah ranzugehen und den Tumult der Ereignisse visuell zu verdoppeln.

Gerade dieser absolut analytische Blick aber enthüllt eindrucksvoll, wie wilde nationale Emotionen erst geschürt werden, mit pathetischen Dichterworten, fetzigen Umsturz-Popsongs und "We love EU"-Kitsch, wie der Preis dafür dann immer höher wird, wie Menschen jedes Alters und jeder Herkunft sich organisieren, wirklicher Heroismus sichtbar wird, wie die Lautsprecherdurchsagen schließlich nur noch Rufe nach Ärzten sind oder Anweisungen, um jeden Preis irgendeine Barrikade zu halten. Am Ende stehen Schlachtengemälde voll brennender Autoreifen, Todesopfer und flehender Appelle an die taktische Disziplin: "Emotionen sind jetzt unser schlimmster Feind". Die filmische Chronik eines Umsturzes, die endlich einmal eine Ahnung der Wirklichkeit vermittelt.

Das Thema Repression und Rebellion setzt sich dann auch fort, allerdings auf ganz andere Weise - mit Xavier Dolan, dem erst 25-jährigen schwulen kanadischen Filmemacher, der immer deutlichere Ansprüche auf jene Position im Weltkino erhebt, die seit Rainer Werner Fassbinder vakant ist. In seiner Themenwahl, in wilder Imagination und Radikalität, in seinem schnellen, hochproduktiven Output und multifunktionialer Unersetzlichkeit (als Autor, Regisseur, Produzent, Schauspieler, Cutter etc.) scheint er dem frühverstorbenen Meister nachzueifern.

Dazu passt auch "Mommy", sein neuer Film, der eine widerstandsfähige, lebensfreudige proletarische Single-Mom mit ihrem bezaubernden, aber auch sehr gewalttätigen und unberechenbaren Teenagersohn konfrontiert. Der Druck der Gesellschaft auf die beiden ist so stark, dass er sich sogar in einem ungewöhnlichen, handyvideoartigen, hochkantigen Filmformat manifestiert. Nur einmal, in einem Moment des wilden Glücks in der Mitte, schiebt der Sohn mit einer symbolischen Geste die Beschränkung beiseite, das Bild wird für ein paar Minuten breiter. Für einen echten Sieg über die repressiven Kräfte reicht das natürlich nicht - sie drücken vom Rand her alles wieder zusammen.

Und sie werden dann auch in Ken Loachs "Jimmy's Hall" die Oberhand behalten, im Irland der Dreißigerjahre sind das natürlich Kirche und Staat im engsten Verbund. Eine wahre Geschichte, die zeigt, wie eine umgewandelte Scheune auf dem Land zu "Jimmy's Hall" wird, zu einer Art unabhängigem Gemeindezentrum, zunächst vor allem mit Tanz und Jazz und einem brandneuen Grammofon aus Amerika, dann mit Malklassen, Literatur und Diskussionen - aber eben gerade nicht unter der Aufsicht der sonst allmächtigen Kleriker. Der lokale Pfarrer vermutet, dass hier Umsturzgedanken heranreifen, und so wie Ken Loach das zeigt, hat er natürlich recht.

Hasserfüllte Politik und Klassenkämpfe werden die Iren auch in diesen Jahren nicht loslassen, irgendwann muss man Stellung beziehen, und selbst für einen hedonistischen Freigeist wie Jimmy Gralton, der diese "Hall" ins Leben gerufen hat, kann der richtige Platz am Ende nur auf der Seite der Unterdrückten sein. Die wilden Reden hier reflektieren auch den Börsencrash von 1929, und es dürfte Absicht sein, dass sie klingen wie für die Gegenwart geschrieben. Mit seinem Helden teilt der inzwischen 77-jährige Loach so zwar am Ende keinen Triumph - aber doch das viel wertvollere Gefühl, die eigenen Überzeugungen niemals verraten zu haben.

Was zum ewigen Rebellen und Grandpère terrible des Weltkinos führt, der nun zunehmend wieder kindlicher und verspielter wird, dem 83-jährigen Jean-Luc Godard. Sein erster Akt des Widerstands war schon mal, dass er zu seinem eigenen Wettbewerbsfilm "Adieu au language / Abschied von der Sprache" gar nicht erschienen ist. So mussten jetzt ein paar alte Freunde und ein paar junge Schauspieler, die er für sein neuestes Werk angeheuert hat, allein über den roten Teppich gehen.

"Emotionen sind jetzt unser schlimmster Feind"

Und doch ist bei keinem Filmemacher in Cannes die Gefahr größer, wegen Überfüllung des Saals abgewiesen zu werden, denn der Mythos lebt. Wer es doch geschafft hatte, konnte die Fragmentierung erleben, die Godard immer weiter treibt, die Zerlegung aller gewohnten Erzählsicherheiten in Schnipsel, Bild- und Wortzitate und sehr kurze Spielszenen. "Adieu au language" ist in 3 D, aber auf einer winzigen Amateurkamera gedreht, mit zum Teil bizarren Effekten - manchmal sieht man mit dem rechten Auge einen anderen Schauspieler agieren als mit dem linken.

Man könnte nun ein paar Details wiedergeben, etwa die angebliche Verbindung zwischen Hitlers Machtergreifung und der Erfindung des Fernsehens, die Godard postuliert, aber im Grunde hat es keinen Sinn, aus diesem Stream of Consciousness Einzelnes herauszugreifen. Godard filmt jetzt auch in seiner eigenen Wohnung und mit seinen Nachbarn vom Genfer See, aber wenn sich jemand das Recht erkämpft hat, mit einem Home-Movie nach Cannes zu kommen, dann er. Faszinierend ist schließlich vor allem sein Hund, der in zahlreichen Aufnahmen auftaucht. Er hat einen tiefen, wissenden Blick, ohne Zweifel ist er noch weiser als der Meister selbst. Wahrscheinlich kennt er die Antwort auf alle Fragen, die je auf einem Filmfestival verhandelt wurden - und auf allen künftigen Festivals noch dazu.

© SZ vom 23.05.2014/ihe
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