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Filmfestival:Der Reiz der Berlinale als Publikumsfestival

Tykwer kennt das Festival schon lange, erst als normaler Besucher, dann als geladener Filmemacher. Um zu wissen, was man an Kosslick habe, müsse man sich erinnern, wie die Berlinale vor ihm gewesen sei, sagt er. "Das Klima damals war deutlich klammer. Die Berlinale war kein dem Kino zugewandtes, huldigendes Festival, sondern hatte eine steife, staubige Fünfzigerjahre-Atmosphäre, zumindest im Wettbewerb. Dass sie sich dem Kino und den Machern und dem Publikum so geöffnet hat, ist auch Kosslick zu verdanken."

Auch Wettbewerbsteilnehmerin Emily Atef, deren Romy-Schneider-Studie "3 Tage in Quiberon" im Rennen um die Bären mitmischt, hat nur Lob für den Festivalleiter übrig: "Über Kosslicks Einladung hab ich gejubelt, und ich finde es auch toll, dass diesmal vier deutsche Filmemacher im Wettbewerb sind. In Cannes haben sie auch immer drei, vier, sogar fünf Franzosen im Wettbewerb. In Berlin sollten wir diese Plattform auch bekommen."

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Genauso sieht es Thomas Stuber, dessen Wettbewerbsbeitrag "In den Gängen" in der Lagerhalle eines Großmarkts spielt. "Ich freue mich, dabei zu sein, ich freue mich, dass es vier deutsche Filme in diesem Jahr sind, was hoffentlich bald Normalität ist und keine Ausnahme."

Was von Jahr zu Jahr mehr fehlt, ist eine echte Einladung zum Diskurs

Tom Tykwer hebt auch den Reiz der Berlinale als Publikumsfestival hervor. "Die Berlinale ist ein antielitäres Festival. Der größte Gegensatz dazu ist Cannes, elitärer geht es nicht." In der Praxis bedeutet das möglichst gute Ticketverkäufe und möglichst viele Filme. 385 sind es in diesem Jahr laut Festivalangaben insgesamt - theoretisch müsste man sich also 38,5 Filme pro Tag anschauen, wenn man das komplette Programm schaffen will.

Man muss gar nicht gegen solche Vielfalt argumentieren - aber was von Jahr zu Jahr mehr fehlt, ist eine echte Einladung zum Diskurs. Also klare ästhetische Positionen der Festivalmacher, die vielleicht auch mal provozierend sind, die sich an bestimmte Filme knüpfen, die dann auch benannt werden, die vielleicht sogar Anlass liefern zu echten Debatten. Wenn diese nun stattfinden, wie ganz sicher bei der Premiere von Kim Ki-duks Werk, dann wohl eher ohne Zutun der Festivalmacher.

Wie stark Rhetorik und reales Engagement auseinanderklaffen, zeigt auch die Besetzung der groß abgekündigten "Me Too"-Diskussionsrunde. Sie findet am kommenden Montag im Tipi am Kanzleramt statt und trägt den Titel "Kultur im Wandel - Eine Gesprächsrunde zu sexueller Belästigung in Film, Fernsehen und Theater". Die Berlinale veranstaltet sie in Kooperation mit dem Bundesverband Schauspiel, der Initiative Pro Quote Film sowie der Antidiskriminierungsstelle des Bundes. Teilnehmer unter anderem: die Schauspielerinnen Jasmin Tabatabai und Natalia Wörner, ZDF-Intendant Thomas Bellut ist angefragt.

Jetzt mal im Ernst: Ist das die beste und internationalste Besetzung, die ein weltweit beachtetes Festival zustande bringt, wenn sich der Chef ein Thema persönlich auf die Fahnen schreibt, das virulenter nicht sein könnte? Es scheint leider so. Aber vielleicht könnte man ja noch eine Teilnehmerin aus Südkorea einladen.

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