Filmfestival Venedig:Das Land muss brennen

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Filmfestival Venedig: In "Athena" kämpfen verzweifelte Jugendliche mit Feuerwerkskörpern und Signalmunition und auch ein paar echten Waffen gegen den Ansturm der Polizei.

In "Athena" kämpfen verzweifelte Jugendliche mit Feuerwerkskörpern und Signalmunition und auch ein paar echten Waffen gegen den Ansturm der Polizei.

(Foto: Romain Gavras/Iconoclast)

Romain Gavras erzählt in "Athena" grandios von einem Bürgerkrieg in der Pariser Banlieue. Auch sonst zeigt das Filmfest Venedig viele brutale Geschichten von Opfern und Tätern.

Von Tobias Kniebe

Pariser Banlieue, eine Polizeistation. Davor eine Menge von Vorstadtkids und ein paar Erwachsene. Ihre Wut ist auf dem Siedepunkt, kaum noch Zeit für Zusammenhänge. Ein Video kursiert, ein Teenager ist offenbar durch Polizeigewalt umgekommen, wieder einmal. Sein älterer Bruder fordert die Bestrafung der Täter und mahnt die Menge zur Ruhe. Doch in dem Moment explodiert schon ein Molotowcocktail. Der Funke ist gezündet, die Erstürmung beginnt. Und damit das Szenario eines kommenden Bürgerkriegs in Frankreich, wie man es drastischer im Kino noch nie gesehen hat.

Wenn in dem Film "Athena" von Romain Gavras, der das Filmfestival von Venedig am Wochenende durchgeschüttelt hat, einmal mehr die sprichwörtliche Zündschnur brennt, dann diesmal auf den letzten Millimetern. Danach wird Wirklichkeit, was schon so oft als Schreckensbild vorgezeichnet wurde - die Vorstädte explodieren im ganzen Land, eine hoffnungslose Jugend greift zu den Waffen, die Staatsgewalt schlägt mit stündlich wachsender Härte zurück, und ultrarechte Milizen mischen auch noch mit.

Das sieht man aber allenfalls zwischendrin auf den News-Bildschirmen. "Athena" ist ein Film mit klassisch festem Ort, mit unerbittlich durchlaufender Zeit, mit unausweichlicher Eskalation ins Tragische. Eine Viertelstunde dauert die Fahrt der jungen Krieger, bruchlos in einem Take gefilmt, von der zertrümmerten Polizeistation in ihre fiktive Hochhaussiedlung Athena, wo sie herrschen und wo sie sich nun verschanzen werden in ihrer brutalistischen Betonburg, gegen den Ansturm der Polizei, mit Feuerwerkskörpern und Signalmunition und auch ein paar echten Waffen.

Ein Klassiker ist auch die Familienkonstellation: Jeder Bruder des Ermordeten verkörpert eine Strategie der Vorstädte

Über allem aber hallt der Ruf nach Gerechtigkeit, nach der Auslieferung der Mörder aus dem Video, mit jeder Minute dringlicher und verzweifelter. Ein Klassiker ist auch die Familienkonstellation: Jeder Bruder des Ermordeten verkörpert eine Strategie der Vorstädte. Einer ist der Führer der Aufstands, einer ist Drogendealer und kämpft nur für sein Geschäft, und völlig zerreißen wird es den dritten, Soldat der französischen Armee, als Vermittler gebraucht, als Verräter beschimpft, mit derselben unstillbaren Wut in sich wie alle anderen auch.

Der Ruf nach Gerechtigkeit, schon immer eine starke Schubkraft in der Filmgeschichte, treibt auch noch drei weitere Arbeiten aus dem Wettbewerb des Festivals voran, genau wie ihre Protagonisten. Nan Goldin zum Beispiel, einst Fotografin von Sex, Drugs und wilder Identitätssuche bis hin zur Aids-Epidemie, fordert Gerechtigkeit von den Mitgliedern der Sackler-Familie, den milliardenschweren Pharmaunternehmern im Zentrum der gewissenlosen Vermarktung von Opioid-Schmerzmitteln in den USA, die auch Goldin selbst in die Sucht getrieben hat.

Noch viel brutalere Geschichten von Opfern und Tätern muss man in der Dokumentation "The Kiev Trial" von Sergei Loznitsa anhören

Die Dokumentarfilmerin Laura Poitras hat Goldin von Anfang an bei diesem Kampf begleitet, bei dem es auch darum ging, die Sacklers als führende Kunstsponsoren mit eigenen Flügeln vom Louvre bis zum Metropolitan Museum für alle Zeit unmöglich zu machen. "All The Beauty And The Bloodshed" zeigt, wie spektakulär das in vier Jahren gelungen ist, wie vollständig der Name inzwischen getilgt wurde - aber auch, wie wenig die Sacklers von der Justiz selbst zur Rechenschaft gezogen wurden. Einmal müssen im Film drei Familienvertreter, vom Gericht gezwungen, den bitteren Geschichten lauschen, die Hinterbliebene von Opioid-Opfern zu erzählen haben. Die steinernen, teigigen, stinkreichen und seelenlosen Gesichter in diesem Zoom-Call, die Poitras da eingefangen hat, das wird man so schnell nicht mehr vergessen.

Noch viel brutalere Geschichten von Opfern und Tätern muss man in der Dokumentation "The Kiev Trial" von Sergei Loznitsa anhören - aber nicht etwa aus der Gegenwart des Ukrainekriegs, sondern aus der Zeit der Nazi-Okkupation im Dritten Reich. In Zusammenarbeit mit der Gedenkstätte von Babij Jar hat Loznitsa das erstaunlich gute, bisher ungesehene Filmmaterial jenes Kriegsverbrecherprozesses, bei dem 1946 fünfzehn deutsche Täter von Wehrmacht bis SS zum Tode verurteilt wurden, in Kiew restauriert und in eine Form gebracht. Darin erstaunt nicht nur die offensichtliche Auskunftsfreude der Täter und deren oft fast roboterhafte Sprache, die dann für die Richter übersetzt werden muss. Vor allem scheinen sie bis zu ihren Schlussplädoyers gar nicht verstanden zu haben, dass der Ruf nach Gerechtigkeit für sie hier nur am Galgen enden kann.

Ganz ähnlich ging die Aufarbeitung jener Verbrechen vonstatten, welche die Handlanger der argentinischen Militärjunta in den Jahren von 1976 bis 1983 an politischen Gegnern und Zivilisten verübt haben, in der Zeit des großen Menschenverschwindens ohne jede Aufklärung und Rechenschaft. Der argentinische Regisseur Santiago Mitre hat daraus den Spielfilm "Argentina, 1985" gemacht, der wie Loznitsas Dokumentarfilm vor allem den Opfern und Überlebenden eine Stimme gibt, die endlich Gelegenheit bekommen, ihre Geschichten des Grauens zu erzählen und Gerechtigkeit einzufordern.

"Athena" ist ein hochaktueller Kriegsfilm der ganz anderen Art und wirft die Zuschauer mit großer Finesse selbst mit ins Feuer

Sein großer und genialer Trick dabei ist aber, dass er als Protagonisten den realen Strafverfolger Julio Strassera (Ricardo Darín) wählt, der am Anfang überhaupt nicht wie eine Heldenfigur wirkt. Er war unter der Diktatur zur Untätigkeit verdammt und traut jetzt der neuen Demokratie nicht recht, außerdem ist das Militär noch immer da und sehr mächtig. Also fürchtet er nicht ganz zu Unrecht um sein Leben und muss quasi auch erst zum Jagen getragen werden - von seinen Kindern, seiner Ehefrau, den jungen unbelasteten Rechtsanwälten, die er anheuert, um den wichtigsten Prozess in der Geschichte seines Landes zu führen. Wie dieser Mann dann aber doch in seine Rolle hineinwächst und am Ende das Urteil lebenslänglich für den Ex-Diktator Videla erreicht - das ist einer dieser unwahrscheinlichen Triumphe, für die das Kino wie geschaffen ist.

Zum Schluss aber noch einmal zurück zu "Athena" in die Pariser Vorstädte. Weil dieser hochaktuelle Kriegsfilm der ganz anderen Art, der die Zuschauer mit großer Finesse selbst mit ins Feuer wirft, sich stark an der griechischen Tragödie orientiert, gibt es im Inneren der Geschichte keine Hoffnung und auch keine Gerechtigkeit - das Land muss brennen. Hoffnung macht dafür aber seine Entstehung aus dem Filmkollektiv Kourtrajmé, das wirklich ein Projekt aus den Vorstädten ist. Da geht es um Kindheitsfreunde mit verschiedenen Herkünften, aus verschiedenen Schichten, die den sozialen Sprengstoff der Banlieues aus ihrem Inneren heraus in bewegte Bilder verwandeln wollten, zunächst in der Dokumentation von Polizeigewalt, dann in Musikvideos etwa für Justice und M.I.A.. Inzwischen sind sie eine wirkliche Macht im französischen Kino.

Wenn Romain Gavras, der jüngste Sohn des großen griechischen Politfilmers Costa-Gavras, mit seinem schwarzen Kindergarten-Kumpel und Filmautodidakten Ladj Ly (der mit "Les Misérables" quasi schon die packende Vorgeschichte dieses Stoffes verfilmt hat und hier mit am Drehbuch schrieb) inzwischen ein derart mächtiges Ding hinwuppen kann, mit dem Banlieue-Kids zu neuen Stars aufsteigen; und wenn dieses Ding nun die Kinocharts nicht nur in Frankreich stürmen und die Debatte bestimmen wird, nicht mehr vom Rand, sondern aus dem Herz der künstlerischen Gegenwart heraus - was folgt daraus? Sollte man dereinst auf eine Zeit zurückblicken, in der die große Explosion dann doch nicht kam ... könnte einer der Gründe dafür sein, dass ein Film wie "Athena" entstehen konnte.

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