Filmfest Venedig 2012:Isabelle Huppert, sehr fleißig

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Auch Marco Bellocchio ist vorab unter Generalverdacht gestellt worden, mit seiner schlafenden Schönen, "Bella addormentata", auf italienischen Empfindlichkeiten herumzutrampeln, aber auf gänzlich andere Art. Es geht in seinem Film um einen realen Fall, der Anfang 2009 Aufruhr verursachte - ob der Vater von Eluana Englara, die zu diesem Zeitpunkt seit siebzehn Jahren im Koma lag, die lebenserhaltenden Maßnahmen herunterfahren lassen dürfe. Die Kirche und Berlusconi waren dagegen, säkulare Gruppen dafür, die Emotionen kochten hoch.

Vor dem Hintergrund der letzten Tage, bevor die Frau, kurz vor einer Abstimmung im Senat, nun ganz definitiv starb, verwebt Bellocchio vier Geschichten: Ein Senator, Beffardi, will bei der Abstimmung gegen die Parteidisziplin stimmen, weil er den Vater verstehen kann. Seine schwer religiöse Tochter versucht, ihn unter Druck zu setzen, die lernt derweil einen Jungen von der anderen Seite kennen. Ein Arzt kümmert sich um eine Frau, die sich unbedingt umbringen will, und eine Schauspielerin (Isabelle Huppert) spielt sich selbst Gottgläubigkeit vor in der Hoffnung, ein Wunder könne ihre eigene Tochter aufwachen lassen, die ebenfalls im Koma liegt.

Es ist vollkommen klar, auf welcher Seite Bellocchio selbst steht, aber er gibt in "Bella addormentata" jeder Position die Gelegenheit, zu Wort zu kommen, und er tritt keinem auf die Füße. Vielleicht ist das ein wenig arg ausgewogen, und ein Film, der wie ein Essay aufgebaut ist, ist immer zu stark durchkonstruiert, um wirklich bewegend sein zu können - aber es sind interessante Momente dabei herausgekommen. Eine Szene beispielsweise, in der eine Frau dem Arzt vorwirft, er wolle ihre Mutter umbringen, weil er sagt, er könne nichts mehr für sie tun. Sind die Grenzen der Medizin eine Sünde?

Noch fragmentarischer als Bellocchios Gedankenspiele wirkt dann "The Lines of Wellington", eigentlich als TV-Miniserie gedreht, vorbereitet von dem im vergangenen Jahr verstorbenen Raúl Ruiz und vollendet von seiner Ehefrau Valeria Sarmiento. Es sind Geschichten vom Krieg, 1810, die Franzosen marschieren durch Portugal und hinterlassen eine Spur der Verwüstung, die Menschen fliehen vor ihnen Richtung Lissabon: ein Soldat, der einem Überfall entkommen ist und seine Einheit sucht, eine englische Familie mit einer nymphomanischen Tochter, ein Bücherwurm, der seine verschwundene Ehefrau sucht.

Vieles davon ist sehr theatralisch inszeniert, was dazu beiträgt, dass "The Lines of Wellington" in lauter Einzelteile zerfällt. Aber manche dieser Teile sind für sich genommen großartige Kurzfilme. Einmal kommt der französische Maréchal Massena in das Haus eines Schweizer Kaufmanns zum Essen. Am Tisch sitzen Isabelle Huppert, Catherine Deneuve und Michel Piccoli und lästern über die Franzosen. Oder einige Szenen mit John Malkovich, der Wellington als blasierten alten Sack angelegt hat - ein wunderbarer Moment, wenn die Franzosen auf die Befestigungen stoßen, die Wellington seit anderthalb Jahren hinter der Front hatte bauen lassen, ohne dass sie davon auch nur gehört hatten. Er steht oben auf der Außenmauer, mit einem Fernglas, und betrachtet sein Werk, mit so viel Arroganz im Blick, dass er den eigenen Triumph nicht genießen kann.

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