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Filmfest München:Underworld Bonn

Fuller

Christa Lang und Sam Fuller "shooting" in Bonn.

(Foto: Filmfest)

Das waren noch Zeiten, als Sam Fullers einen "Tatort" drehte. Die legendäre amerikanische Langfassung, "Dead Pigeon" ist nun beim Filmfest zu sehen.

Running along the Rhine, das ist eine ziemlich ungewöhnliche Vorstellung von amerikanischer Kino-Action, den Rhein entlang rennen, to the Bahnhof Rolandseck. Ein Killer rennt da, namens Charlie Umlaut, verfolgt von einem amerikanischen Privatdetektiv, Glenn Corbett. Sam Fuller hat diese Action inszeniert, im Jahr 1972, in und um Bonn herum - es war eine deutsche TV-Auftragsproduktion, für den WDR.

In den Sechzigern hatte Fuller das Register gewechselt, er war aus dem Hollywood-Studiosystem gerutscht, das sowieso bröckelte, und zur Leitfigur der Nouvelle Vague aufgestiegen, der jungen Filmemacher in Paris, bald verehrte man ihn in ganz Europa. Die Jungs versuchten ihm zu helfen, Godard holte ihn für "Pierrot le Fou" neben Jean-Paul Belmondo vor seine Kamera, und 1972 schafften es ein paar Cineasten in Köln, an der Spitze der Filmkritiker Hans C. Blumenberg und WDR-Fernsehspiel-Chef Günter Rohrbach, ihm ein Projekt zuzuschanzen. Es gab da eine neue Krimi-Serie, von den ARD-Sendern gemeinsam geschaffen: "Tatort" . . .

"Tote Taube in der Beethovenstraße" hieß Fullers Folge, eine wüste Story, inspiriert vom Profumo-Skandal der Sechziger, um eine Erpresserbande, die Politiker in schlüpfrige Situationen brachte, ablichtete und mithilfe der Fotos erpresste. Glenn Corbett, der amerikanische Detektiv, war der Bande auf die Spur gekommen, nun stolperte er ein wenig hilflos durch die deutsche Stadtlandschaft und Mentalität und war glücklich, wenn er in einem Kino plötzlich John Wayne auf einer Kinoleinwand entdeckte. Den ordentlichen Tatort-Ermittler des WDR, Zollfahnder Kressin, verkörpert von Sieghardt Rupp, entließ Fuller nach einer halben Stunde.

"Dead Pigeon" ist der Höhepunkt des jungen modernen Kinos, Sam Fullers "Außer Atem"

Als Tatort war die "Tote Taube" ein Desaster, die deutsche Fernsehkritik mokierte sich aufs Gemeinste und Besserwisserischste über diesen Insult - heute reagiert sie immerhin freundlich auf TV-Krimis von Christian Petzold oder Dominik Graf. Fuller hatte sich die Rechte für eine amerikanische Fassung gesichert, eine halbe Stunde länger als das vorgeschriebene 90min-Serien-Format, und in den USA und England war "Dead Pigeon on Beethoven Street" ein Erfolg. Diese Langfassung wird nun (nach der Retro im Münchner Filmmuseum) auf dem Münchner Filmfest noch einmal gezeigt, dazu ein Bericht von Robert Fischer über die Entstehung, "Return to Beethoven Street".

"Dead Pigeon" ist anders als die meisten Filme des Filmfests, ist Erzeugung eines Raums, den keine Sprache zusammenfassen oder begreifen kann. Komprimierte Jahrzehnte Geschichte und Kinogeschichte - quasi der Höhepunkt der Nouvelle Vague, man könnte sagen: Fullers "Außer Atem". Der Film zeugt von Fullers unerschöpflicher Energie und seinem Mut, und ist am Ende auch eine ganz große Love Story - wenn Fuller seine Frau Christa Lang ins Licht setzt, als Prostituierte zwischen den Linien. Christa Lang hat auch einen wesentlichen Part in Robert Fischers Film, unterstützt von der Tochter Samantha, den deutschen Fuller-Fans Wim Wenders und Dominik Graf, die in diesem Film ihr Land gefilmt sahen, wie es deutsche Filmemacher nicht schafften, und dem enthusiastischen Filmkritiker Bill Krohn, den Fuller fürs furiose Finale persönlich filmt mit seiner Bell & Howell, der Kamera, mit der er Deutschland durchquert hatte im Weltkrieg. Deutsche Orte wollte Fuller den Amerikanern zeigen, Kölner Dom, Drachenfels, Rolandseck - das sei deutsche Geschichte, Heine und Nietzsche waren da. Als authentischen amerikanischen Primitiven hat man Fuller immer wieder deklariert, dem widerspricht Christa Lang vehement: Sam war sehr sophisticated, absolut modern. Er machte, was Jacques Derrida tat - er dekonstruierte.