Filmfest München Schürfwunden

Solche wilden Filme könnte das deutsche Kino öfter vertragen: "Der Nachtmahr" von AKIZ.

(Foto: Filmfest)

Das Filmfest München zeigt wilde deutsche Filme - und schaut, was das US- Independent-Kino so treibt.

Von David Steinitz

Zunächst zu einem etwas merkwürdigen Künstler-Pseudonym, an dem indirekt vermutlich Uschi Obermaier schuld ist. Auf dem Filmfest München, das an diesem Wochenende zu Ende geht und das sich in den letzten Jahren zur spannendsten Festival-Plattform für deutsches Kino gemausert hat, hatte dieses Jahr der großartige deutsche Film "Der Nachtmahr" Premiere. Eine moderne E.T.A. Hoffmann-Horrorstory im neonfarbenen Look der Bikini-Groteske "Spring Breakers". Drehbuch und Regie verantwortet laut Abspann eine Person namens AKIZ.

Das klingt ein bisschen nach dem Künstlernamen eines Hip Hop-affinen Filmhochschülers. Hinter AKIZ verbirgt sich aber der Regisseur Achim Bornhak, Jahrgang 1969, der der Welt vor einigen Jahren die trashige Sixties-Sause "Das wilde Leben" über die wilde Uschi Obermaier geschenkt hat. Die größte Leistung dieses Werks war es, die Obermaier-Darstellerin Natalia Avelon sehr oft nackig zu zeigen, was wirklich kein unangenehmer Anblick ist - in der Bilanz dann aber doch etwas mau.

Vielleicht sieht das der Schöpfer mittlerweile genauso, zumindest verschweigt Achim Bornhak unter seiner neuen AKIZ-Existenz im Festivalkatalog, wo sonst eine ausführliche Filmografie der Regisseure steht, geflissentlich seine Uschi-Vergangenheit. Aber egal, mit "Der Nachtmahr" ist ihm nun ein wirklich irrer Sinnesrausch gelungen, der hoffentlich sehr bald einen Verleih für eine reguläre Kinoauswertung finden wird. Der Film handelt von der 17-jährigen Schülerin Tina (Carolyn Genzkow), die nach einer besonders rauschenden Party plötzlich Nacht für Nacht von einem hässlichen kleinen Gnom heimgesucht wird. Niemand außer ihr kann ihn sehen, und ihr hedonistisches Leben als begehrte, hübsche Teenagerin verwandelt sich in eine höllische Existenzkrise.

Achim/AKIZ erzählt diese Geschichte als erotischen Pubertäts-Albtraum, im blitzenden Stroboskoplicht und mit heftigen Technobässen, gespeist aus dem Geist der fiesesten Märchen der deutschen Romantik. Und genau wie in jenen Schauergeschichten entpuppt sich das Monster nicht als übernatürliche Erscheinung, sondern als düstere Ich-Spiegelung und finsterer Doppelgänger: der Gnom, der Tina heimsucht, ist das zum Leben erwachte Destillat ihrer adoleszenten Teenie-Wirren.

"Nightsession": die Milieustudie der Münchner Skater-Hipster

Solche heftigen Filmräusche könnte das deutsche Kino öfter vertragen. Schaut man sich unter den 18 Beiträgen der Reihe Neues deutsches Kino auf dem Münchner Filmfest um, sind es selten die größeren Produktionen, die hervorstechen. Während die Beiträge, die ohnehin in nächster Zeit relativ groß starten - die Benedict Wells Verfilmung "Becks letzter Sommer" mit Christian Ulmen zum Beispiel - den Zuschauer eher emotionslos zurücklassen, pulsiert das wilde Leben in den Nischenfilmen, die ein bisschen aus dem Nichts kommen. Im "Nachtmahr" natürlich oder in der anderen großen deutschen Entdeckung dieses Filmfests, dem Film "Nightsession", der lässig die fließenden Übergänge zwischen Spiel- und Dokumentarfilm erkundet.

Untersucht wird ein sehr interessantes Subexemplar der Spezies Mensch: der Münchner Skater-Hipster. Für seinen Film hat Philipp Dettmer vier junge Männer - Profi-Skater und Amateurschauspieler - eine heiße Sommernacht lang begleitet, wie sie auf ihren Skateboards die Stadt erkunden, Bier trinken, Döner essen, quatschen. Das klingt zunächst nach einer Reportage, mit der auch RTL 2 Sendezeit füllen könnte. Aber Dettmer inszeniert "Nightsession" als eine sehr lustige Jungmännerstudie und als lässiges München-Stadtporträt. Wenn seine Jungs nach diversen Bieren und Schürfwunden dann im Morgengrauen auf ihren Skateboards durchs Schlachthofviertel heimtrudeln und gemeinsam "Wannabe" von den Spice Girls singen - dann ist das noch so ein anarchisch-merkwürdiger Moment, den das deutsche Kino öfter vertragen könnte.

Dass es im Schatten des Mainstream-Kinos trotz solcher hübschen Experimente nie leicht ist, sich künstlerisch zu entfalten, davon können auch amerikanische Filmemacher ein Lied singen. Das US-Independent-Kino, das auf dem Münchner Filmfest traditionell einen wichtigen Platz im Programm einnimmt, mit schrägen Beiträgen, die oft nie in Europa ins Kino kommen, leidet in letzter Zeit noch ein bisschen mehr als sonst unter der erdrückenden Macht von Hollywood.

Das US-Indie-Kino zeigt: Superkrisen statt Superhelden

Der Blockbusterwahn der großen Entertainment-Firmen macht es immer schwieriger, im amerikanischen Filmbusiness kleine und mittlere Filme zu realisieren. Weshalb die Stars des Independent-Kinos sich mit künstlerischer Konsequenz von den Großen unterscheiden wollen. Statt Superhelden gibt es: Superkrisen.

Einmal klassisch-komisch, mit vielen Woody Allen-Reminiszenzen, dessen Großstadtneurosen immer noch großen Einfluss auf junge Regisseure und Schauspieler haben. Zum Beispiel auf Jason Schwartzman, der regelmäßig in den Filmen von Wes Anderson zu sehen ist, zuletzt im "Grand Budapest Hotel". Schwartzman ist einer der wenigen US-Stars, der der Indie-Szene stets treu geblieben ist und trotz großer Erfolge immer wieder auch an ganz kleinen Produktionen mitwirkt.

In München war er nun mit gleich drei Komödien über deftige Persönlichkeitskrisen und Selbstumkreisungen vertreten. Die lustigste: die Pärchen-Swinger-Comedy "The Overnight", in der auch die wunderbare Taylor Schilling mitspielt, die mit der Netflix-Serie "Orange Is the New Black" berühmt geworden ist.

Härtere Indie-Kost und wohl der heftigste amerikanische Beitrag im Münchner Programm: "99 Homes". Eine brutale Story über die US-Immobilienkrise, im Gewand eines mephistophelischen Thrillers. In der Hauptrolle: Ex-Spider-Man Andrew Garfield, der eine Blockbuster-Auszeit gebraucht und den Film koproduziert hat. Er spielt einen jungen Familienvater und Bauarbeiter, der die Raten für sein kleines Vorstadthaus nicht mehr bezahlen kann und mit seiner Familie zwangsgeräumt wird. Dabei gerät er an den skrupellosen Makler Rick, gespielt von Michael Shannon ("Boardwalk Empire").Der zieht ihn in ein florierendes Immobilien-Trickbetrüger-Geschäft hinein, das durch die katastrophal Heuschrecken-freundliche US-Wirtschaftspolitik der vergangenen Jahrzehnte quasi gesetzlich legitimiert ist. Und Shannon als Immobilienhai kann allein durch einen kurzen Zug an seiner kleinen E-Zigarette eine solche Widerlichkeit in seine Rolle legen, dass er eines Tages einfach zwangsweise Bond-Bösewicht werden muss -auch wenn das dann kein Indie-Kino mehr ist.