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Filmfest München 2013:LSD-Trip ohne LSD

Jodorowsky, Kind ukrainischer Emigranten, wurde 1929 in der kleinen nordchilenischen Hafenstadt Tocopilla geboren. Mit zehn kam er in die Hauptstadt Santiago, mit vierundzwanzig ging er zum Studium nach Paris, wurde ein Schüler des Pantomimen Marcel Marceau. Und dann kam der große amour fou seines Lebens: der Film.

Während in Frankreich sich die Nouvelle Vague aufzulösen begann und Godard und Truffaut sich Hassbriefe schickten, während der Neue Deutsche Film sich vorsichtig aus dem Heimatkino heraustastete und die vorgeblich wilden Jungs des New Hollywood sich in verkopfter Symbolik verklausulierten, ging Jodorowsky Ende der Sechziger nach Mexiko und entlockte dem Kino Bilderräusche, wie es noch keiner gemacht hatte - Kater nicht ausgeschlossen. "Ich erwarte von einem Film das, was andere von Drogen erwarten!"

Jodorowsky hat, wie alle großen Regisseure, ein Herz für die Freaks und die Deformierten, die Säufer, die Clowns, die Clochards und die Huren - das sind die Helden, die durch seine Filme torkeln und tanzen. Sein erster Film, "Fando y Lis", entstand 1967, eine träumerische Hommage an Luis Buñuel und Salvador Dalí.

John Lennons persönlicher Guru

Der große Durchbruch kam drei Jahre später, mit dem mythischen "El Topo". Ein Western-Trip. Die Geschichte um einen schwarzgekleideten Revolverhelden - gespielt von Jodorowsky selbst - in einem aus der Zeit gefallenen Wilden Westen ist ein Mash-up aus surrealen und religiösen Elementen, Blut und Sex, Hoffnung und Desillusionierung - und Komik.

"El Topo" wurde zum Kultfilm einer sinnsuchenden, LSD-gierigen Generation, und hat gerade in manchen Künstlerköpfen ein paar verödete Synapsen neu verknüpft. Weshalb Glück und Unglück seines Regisseurs unter anderem mit John Lennon zu tun haben.

Der verliebte sich, frisch geschieden von seinen drei Beatles-Kameraden und auf der Suche nach neuen Erfahrungen, in "El Topo" und holte den Film nach New York, wo er ein Renner in den Spätvorstellungen wurde, eins der ersten wahnwitzigen Midnight Movies. Lennon wollte für seinen neuen Guru nur das Beste und überredete den Ex-Beatles-Manager Allen Klein, den Film zu kaufen und in den ganzen Vereinigten Staaten herauszubringen. Obendrein sollte er gleich noch Jodorowskys nächsten Film finanzieren.

Lennon hätte es besser wissen müssen. Jodorowsky steigerte sich wieder in seinen surrealistischen Rausch und legte, bezahlt von Klein, mit "Montana Sacra - Der heilige Berg" erneut einen Film vor, der sofort Kult wurde. Dummerweise passierte ihm dann, was auch den Beatles passiert war: Er zerstritt sich mit Klein, der beleidigt beide Filme aus dem Verkehr zog. Bis zu einer Aussprache im Jahr 2009 waren die Werke, die Jodorowsky berühmt gemacht hatten, nur als Raubkopien erhältlich.

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