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Filmfest München:Ganz nah dran

Stammheim

"Stammheim" war Reinhard Hauffs kontroversestes Werk - eine Prozess-Rekonstruktion mit Ulrich Tukur (hinten links) als Andreas Baader.

(Foto: Filmfest München)

Reinhard Hauff hat seine Zeit mitgestaltet - als Regisseur des Neuen Deutschen Kinos genauso wie als Filmakademie-Direktor in Berlin. Das Münchner Filmfest zeigt eine "Hommage".

Von Rainer Gansera

Von seinen Filmen erzählt Reinhard Hauff nüchtern und zurückhaltend, vorsätzlich entdramatisierend. Wenn aber die Sprache auf "Stammheim" (1986) kommt, seine Rekonstruktion des RAF-Terroristenprozesses, ändert sich der Ton. Denn das war ein heftig umstrittener, skandalträchtiger Film, den die einen als Beleidigung der Justiz empfanden, die anderen als Verunglimpfung der Angeklagten. Es gab Stinkbomben-Attacken auf Kinos, die Jury der Berlinale 1986 verlieh ihm den Goldenen Bären, aber die Präsidentin der Jury, Gina Lollobrigida, distanzierte sich, nannte ihn "banale, leere, einfallslose Berichterstattung" und "missverständlich" in seiner Haltung.

"All die massiven Reaktionen und Anfeindungen machten mir schon zu schaffen", erinnert sich Hauff, am Küchentisch seiner geräumigen Altschwabinger Wohnung. "Aber was Gina Lollobrigida sagte, berührte mich nicht so sehr. Ich habe zu ihr auf der Bühne, mit dem Rücken zum Publikum, gesagt: 'Take it easy!' Grundlage des Films waren die Protokolle der Gerichtsverhandlungen, in deren Besitz Stefan Aust gekommen war, authentisches Material, und die Konzentration auf die Gerichtssituation, auf das Gegenüber von Richtern und Angeklagten, mit wenigen szenischen Einschüben, das war für mich die Möglichkeit, den Stoff zu bewältigen."

Für die Bavaria drehte er Konzertshows - mit Louis Prima, Wilson Pickett, Janis Joplin

Hauff, der Provokateur? In seinem faszinierenden Reisebericht "Zehn Tage in Calcutta" (1984), einer Hommage an den indischen Filmemacher Mrinal Sen, sagt er: "Ich fand in den Filmen von Sen das verwirklicht, was ich selbst immer wollte: Film als Provokation!" Was aber nicht politisch-plakativ gemeint ist, sondern als Suche nach Lebendigkeit: "Wie Sen zum Beispiel in 'Calcutta 71' die Unruhen in der Stadt beinahe dokumentarisch filmt und derart nah dran ist, dass sich der Rhythmus des Lebens unmittelbar mitteilt."

Reinhard Hauff, geboren 1939 in Marburg, beginnt seine Karriere 1962 als Volontär, dann als Redaktions- und Regieassistent bei der Bavaria-Fernsehunterhaltung. "Ich suchte einen Ferienjob, bei der Bavaria suchten sie Leute. Und ich hatte das Glück, an einen Regisseur zu geraten, der damals der führende auf dem Gebiet der Unterhaltung war, Michael Pfleghar. So konnte ich auch relativ rasch, ab 1964, Shows machen."

Er gestaltet Shows wie "Louis Prima in Las Vegas" oder "Wilson Pickett in Concert", auch ein tolles Porträt von Janis Joplin. Es ist die Zeit des gesellschaftlichen Aufbruchs: Studentenrevolte, Aktionen der Außerparlamentarischen Opposition. Tagsüber arbeitet Hauff an den Bavaria-Shows, abends reiht er sich in APO-Demonstrationen ein, wird politischer. "Da gab es zum Beispiel einen, der hieß Martin Walser - damals noch kein so berühmter Schriftsteller -, der bei Suhrkamp die Reihe 'Sozialreportagen' aufmachte. Und wir setzten einige davon in einem Mix aus Dokumentation und Fiktion um."

Im Aufbruch des Neuen Deutschen Films entstehen dann Hauffs erste Regiearbeiten. 1971, bei seinem "Anti-Heimatfilm" über den "Wilderer, Räuber und Volkshelden Mathias Kneißl" übernimmt Rainer Werner Fassbinder einen größeren Part. "Fassbinder war damals schon immens produktiv. Immer, wenn er mich sah, fragte er: 'Na, recherchierst du noch?' Er hatte in der Zwischenzeit schon wieder zwei oder drei Filme gemacht."

Reinhard Hauff zählt zu den Protagonisten des jungen deutschen Autorenkinos, aber in deren Gruppenbild übernimmt er eine Außenseiterposition. Er geht seinen eigenen Weg. Stilistisch erinnert sein "Matthias Kneißl" mit den langen, szenisch kadrierten Einstellungen an Fassbinders Plansequenzen-Ästhetik, 1973 jedoch distanziert er sich davon und schreibt in einem programmatischen Text mit dem Titel "Wirkungsüberlegungen": "Ich habe mich bisher zu sehr an Bildern delektiert, an Einstellungen. Wenn wir ein gutes Bild hatten, haben wir es so lange gehalten, dass die Leute begreifen mussten, wie schön das war." Es folgt also die Abwendung vom "schönen Bild", die Hinwendung zur "normalen Bildsprache" im Dienst kritischer Realistik, die er im Gefängnisfilm "Die Verrohung des Franz Blum" (1973) nach einem Drehbuch des Schriftstellers Burkhard Driest sogleich versiert vorführt.

Mit Schriftstellern arbeitet Hauff gern zusammen und hält Ausschau nach Geschichten, die von Rebellen, Randexistenzen, gesellschaftlichen Außenseitern erzählen. Besonders interessieren ihn Figuren, die zwischen die Fronten politischer Ideologisierung und Funktionalisierung geraten, packend dargestellt in "Messer im Kopf" (1978), einem seiner meistprämierten und erfolgreichsten Filme. Die Geschichte des Biogenetikers Hoffmann (Bruno Ganz in einer Glanzrolle), der in eine Polizeirazzia gerät und nach einem Kopfschuss seine Erinnerung, Sprache und Identität wiederfinden muss. "Das war das Spannende an der Geschichte: Wie kann der Mann - eine Art Kaspar Hauser -, der zwischen die Fronten der Polizei und der politischen Aktivisten gerät, seine eigenen Worte, also sich selbst wiederfinden?" In seinen späteren Filmen wendet er sich noch ganz anderen Genres zu: dem waschechten Polit-Thriller in "Blauäugig", und in "Linie 1" verfilmt er das Erfolgsmusical des Berliner Grips-Theaters als schrill-buntes Spektakel.

An die Filmhochschule holte er berühmte Dozenten - von Mike Leigh bis Werner Herzog

Ein neuer wichtiger Abschnitt beginnt, als er 1993 Direktor der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin (DFFB) in Berlin wird. Sein Wahlspruch lautet "Low budget - high energy", er stärkt und professionalisiert das Profil der Akademie, indem er dem Ausbildungsgang Regie die Abteilungen Produktion und Drehbuch hinzufügt. "Es gab bislang ein Allroundverständnis vom Filmemachen, und ich wollte schon die Professionalisierung der Ausbildung vorantreiben. Wichtig aber war es mir, eine Fülle verschiedenster, interessanter Leute zu Seminaren an die Akademie zu holen - Filmemacher wie Theo Angelopoulos, Mike Leigh, Werner Herzog, Paul Schrader, Béla Tarr, Patrice Chéreau, Peter Lilienthal, Ulrich Seidl, Edward Yang, Tony Gatlif, Michael Ballhaus, Christopher Doyle, Tilda Swinton." Eine imposante Namensliste, in der sich die vielfältigsten Facetten des Autorenkinos spiegeln. Im Jahr seines Abschieds von der DFFB, 2005, wird er auch dafür beim Deutschen Filmpreis mit einem Ehrenpreis gewürdigt.

Das Filmfest München präsentiert in seiner "Hommage" nun eine Auswahl von dreizehn Filmen. Bei der "Hauff-Gala" am kommenden Dienstag wird "Messer im Kopf" gezeigt. Es sei doch fraglich, ob das eine "Gala" werde, sinniert Hauff - bei schönem Wetter wolle doch keiner am frühen Abend ins Kino gehen. Seiner Skepsis sei entgegengehalten, dass seine Filme nicht nur als spannender Geschichtsunterricht, sondern vor allem durch die Aktualität ihrer Themen eine Provokationskraft besitzen, die unbedingt - egal bei welcher Wetterlage - zur Wieder- oder Neuentdeckung verlockt.

© SZ vom 26.06.2017
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