Filmfest München 2014 Durch ein geträumtes Amerika

Helena Bonham Carter in "Die Karte meiner Träume".

(Foto: Filmfest München/ oh)

Jean-Pierre Jeunet, der Schöpfer der "fabelhaften Amélie", hatte immer schon ein Händchen dafür, aus schrägen Geschichten Filme zu formen. Nun eröffnet mit seinem Roadmovie "Die Karte meiner Träume" das Münchner Filmfest - ein Glücksfall.

Von Susan Vahabzadeh

Man müsste "Die Karte meiner Träume" eigentlich in einem Text voller Fußnoten verhandeln, als kleine Hommage an den Roman, der die Fußnote zur Kunstform erhoben hat. Das wäre aber in einem Zeitungsartikel eher störend; und auch auf der Leinwand sähen Fußnoten merkwürdig aus. Kann man einen Roman wie Reif Larsens Erstling, der vor fünf Jahren erschienen ist, eigentlich überhaupt angemessen verfilmen? Jean-Pierre Jeunet, der Schöpfer der "fabelhaften Amélie", hat sich daran versucht, und dass er es geschafft hat, liegt daran, dass er - "Delicatessen", "Stadt der verlorenen Kinder"! - immer schon ein Händchen dafür hatte, aus schrägen Träumen Filme zu formen. "Die Karte meiner Träume" ist in einem konsequenten Zickzackkurs erzählt, und doch ist der Film immer ganz bei sich.

"Die Karte meiner Träume" wird an diesem Freitagabend das Münchner Filmfest eröffnen, was für das Festival ein rechter Glücksfall ist: Eröffnungsfilme sind generell ein schwieriges Geschäft. Sie sollen nicht zu leicht sein und nicht zu schwer, sie sollen keinen langweilen und niemanden auf die Palme bringen, und überhaupt schafft eine Enttäuschung zum Einstieg gern schlechte Stimmung. Das klingt lösbar, wäre aber auch für Larsens Helden T.S. Spivet eine echte Herausforderung, obwohl er genau genommen, im Film zumindest, fast das Perpetuum mobile erfunden hat.

Jeunets Film erfüllt die geforderten Kriterien, und ein 3D-Film ist's noch dazu: technisch perfekt, wenn er auch nicht voller Effekte ist, die noch nie da gewesen sind - man erwartet viel von einem wie Jeunet - so verlangen seine träumerischen Exkursionen dann doch nach der dritten Dimension. Und dann ist die Geschichte von T.S. Spivet und seinen Abenteuern, eine Art bizarres Roadmovie mit Familienanschluss, auch noch ein bisschen rührend.

Der kleine T.S. Spivet (Kyle Catlett) macht sich ganz allein auf in Richtung Westen, um seine Erfindungen in Washington zu präsentieren.

(Foto: Filmfest München)

T.S. ist zehn Jahre alt, er lebt in Montana auf einer Farm, mit einer schrulligen Mutter, wunderbar gespielt von Helena Bonham Carter, die das Schicksal mit einem wortkargen Cowboy zusammengespannt hat. Wie das funktionieren soll, ist T.S. zu hoch. Die ganze Geschichte ist ja von vorneherein ein sonderliches Gespann: Sie betrachtet die Welt aus Kindersicht, aber eine Kindergeschichte ist sie dann doch nicht. Der Vater repariert also Zäune, während die Mutter wie besessen Insekten erforscht und die Schwester sich in die Großstadt sehnt. Der Junge schlägt nach der Mutter, er ist ein genialer Erfinder, leider mit einem fürchterlichen Schuldkomplex: Sein Zwillingsbruder ist bei einem Unfall umgekommen, und weil das mit einem von T.S.s Experimenten zu tun hatte, fühlt er sich verantwortlich. Und die verschrobene Familie Spivet ist ihm dabei keine Hilfe.

Da kommt es ihm gerade recht, als er eine Einladung nach Washington bekommt: Er hat dem Smithsonian in Washington einen seiner Entwürfe geschickt, für einen Apparat, der sich mit einem Magneten selbst am Laufen hält, nach der Methode haben schon Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer ein Perpetuum mobile entworfen. Das Smithsonian in Gestalt von Mrs. Jibsen (Judy Davis) ist beeindruckt, dabei weiß sie nicht mal, dass T.S. ein Kind ist. So macht er sich auf, ganz allein gen Osten. Es zieht ihn immer weiter hinein in die Zivilisation - nur nimmt er dorthin all seine Probleme mit und findet eine Welt, die keine grundsätzliche Frage gelöst hat: Auch dort sind die Menschen einsam.

Sklavisch hat sich Jeunet - die Adaption als Drehbuch hat er gemeinsam mit Guillaume Laurant selbst besorgt - nicht an die Vorlage gehalten, im Buch wird T.S. beispielsweise für seine Karten eingeladen, und als er sich im Morgengrauen auf den Weg macht, hat ihn der Vater im Buch sehr wohl gesehen, im Film nicht, was eigentlich einen erheblichen Unterschied macht für die Familienkrise, die die Reise des jungen Erfinders quer durch die USA heraufbeschwört.

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Aber Jeunet wird dem Buch doch gerecht, weil das genau sein Talent ist, sich ein ganzes Universum untertan zu machen und es zu sortieren, mit kleinen Exkursionen und Zeichnungen, wie das auch im Buch schon gemacht wird - so hat Jeunet damals seine Amélie inszeniert, er hat ganz viele Mosaiksteinchen zusammengefügt, bis man die Brüche dazwischen kaum noch spürt. Ganz so viel Drive wie sie entwickelt T.S. Spivet nicht, was vielleicht nicht nur daran liegt, dass er ein Kind ist, sondern auch an seinem fehlerfreien Charakter. Amélie hatte auch eine amüsante diabolische Seite. So etwas würde T.S. nicht einfallen, was auch geschieht - er bleibt immer süß.

Aber diese Reise in die amerikanische Seele, die kann so unbefangen wohl nur einer von außen antreten - T.S. fährt durch ein geträumtes Amerika, in dem die Hot-Dog-Stände in der Nacht in gelblichem Licht leuchten, die Güterzüge von kauzigen Tramps bevölkert sind und die Weite des Landes so unberührt zu sein scheint wie vor zweihundert Jahren. Ein Märchenreich, voller Nostalgie geschaffen für etwas, was es nie gegeben hat - was T. S. sieht, ist das Gegengewicht zu einer Wirklichkeit, mit der er sich auf dem Weg abfinden muss: Die Welt bleibt zu komplex, um ihr mit dem Verstand beizukommen. Im Kern geht es um Fragen, die analytisch nicht zu lösen sind, zum Beispiel, warum die Eltern Spivet dann doch ein gutes Paar sind - das kann T.S. nicht kartografieren; aber er hat gelernt, die Liebe in ihren schmerzhaften Widersprüchen zu akzeptieren, wie sie ist.