Filmessay Glücklich erregte Poeten

Spielerische Goetheforschung, inszeniert von Rosa von Praunheim.

(Foto: missingfilms)

In seinem Film "Männerfreundschaften" spekuliert Rosa von Praunheim, wie schwul Goethes Weimar war.

Von Philipp Stadelmaier

"Bin mal gespannt, wie das wird", sagt ein Darsteller zum anderen, der ihm nur erwidert: "Schwul wird's." Der eine ist Schauspieler am Theater in Dresden, der andere Dragqueen. Noch sitzen sie rauchend draußen, in Weimar, im Hochsommer. Bald laufen sie verkleidet durch die Stadt und zitieren Goethes "Faust": Die "schwulen" Stellen, an denen sich Mephisto über appetitliche Jünglinge delektiert. Fast stöhnen sie den Text, sodass er schön anzüglich und dreckig wirkt. Zu viel für die Ohren einiger bildungsbürgerlicher Touristen, die sich irritiert von der Performance abwenden.

"Könnt ihr euch vorstellen, dass Goethe auch was mit Knaben hatte?", ruft ihnen einer der Schauspieler zu. Denn nicht nur den "Faust", sondern auch die Person Goethes kann man aus einer schwulen Perspektive studieren, wie der US-amerikanische Queer-Forscher Robert Tobin das tut: "Warm Brothers" heißt sein Buch, darin geht es um queeres Leben zu Goethes Zeiten, in der Weimarer Klassik.

Es ist dieses Buch, das am Anfang des Interesses von Rosa von Praunheim steht, einen Film über diese Zeit und ihre Protagonisten zu machen. Von Praunheim, mittlerweile sechsundsiebzig Jahre alt, ist selbst eine schwule Ikone und hat mit seinen provokanten, trashigen, lustigen Avantgarde-Filmen viel zur politischen Schwulenbewegung beigetragen. Anfangs steht er in seiner Wohnung, mit Perücke und Gehrock und führt in sein Projekt ein, das nun "Männerfreundschaften" heißt.

Goethe hätte ihn eigentlich immer eher gelangweilt, erzählt von Praunheim, gerade wegen dem Klatsch über seine Frauengeschichten. Dann aber stößt er auf Tobins Buch und geht nach Weimar, um mit einigen Schauspielern einen Workshop zu veranstalten, in dem sie der Frage nachgehen wollen, inwieweit die Weimarer Klassik schwule Züge hatte. Von Praunheim steckt seine Schauspieler in historische Kleider, lässt sie Goethe, Schiller und andere spielen und in der Sommerhitze - man kann ruhig sagen: reichlich schwul - durch Weimar flanieren.

1775 kommt Goethe nach Weimar, sechsundzwanzig Jahre alt. Es ist die Zeit einer großen sexuellen Liberalität, von der zumindest die Männer profitieren. Überall finden sich Spuren intimer Freundschaften zwischen Männern, die sexuelles Begehren nicht auszuschließen scheinen. Schriftsteller wie Goethe und Friedrich Heinrich Jacobi schreiben sich zuneigungsvolle Briefe, und Schillers letztes, unvollendetes Stück, "Die Malteser", handelt von zwei sich liebenden Rittern im Kampf gegen die Türken. Goethe selbst entdeckt die Liebe zwischen Männern auf seiner Reise in Italien. Hier starb auch der Begründer der modernen Kunstwissenschaften, Johann Joachim Winckelmann, der sich für die Schönheit antiker Knaben begeistern konnte, durch die Hand eines Mannes.

Begleitet wird das alles von Interviews mit Experten, die auf teils sehr spezielle Art vor Verallgemeinerungen warnen: Polysexuelle hätten es zu dieser Zeit auch mit rasierten Affen getrieben, meint ein Historiker. Das späte achtzehnte, frühe neunzehnte Jahrhundert sei eben das Jahrhundert "des glücklich vögelnden Mannes" gewesen. Der hätte sich in erster Linie den Frauen gewidmet, andere Männer aber auch nicht gerade verachtet: Zur Pathologisierung der Homosexualität kam es ja erst viel später. Auch die Schauspieler diskutieren: Waren Leute wie Goethe nun "schwul" nach heutigem Verständnis? Und macht das einen Unterschied? Einer sagt: Was letztlich zählt, ist ihre Sprache. Ein anderer: "Wenn Goethe in den ersten dreißig Jahren seines Lebens keine Schwänze gelutscht hat, weiß ich auch nicht weiter."

Von Praunheim nimmt die Relativierungen an, aber nicht ganz ernst. Wenn es heißt, dass Jacobi und der Dichter Johann Wilhelm Ludwig Gleim trotz intensiven Briefverkehrs nicht unbedingt schwul im heutigen Sinne waren, zeigt er in einer nachfolgenden Spielszene das Gegenteil. Goethe und Schiller - die, wie selbst er zugeben muss, nichts miteinander hatten - symbolisiert er durch einen goldenen und einen rosa Totenkopf: Die Gebeine der Weimarer Klassik werden durch von Praunheim zu neuem, schwulen Leben erweckt.

Weimar queer zu machen - das ist für ihn keine Frage historischer Akkuratesse, sondern eine Frage der Travestie, und eine spielerische Hypothese. Was äußerst vergnüglich ist.

Männerfreundschaften, D 2018 - Regie, Buch: Rosa von Praunheim. Kamera: P. Richter. Mit Matthias Luckey, Valentin Schmehl. Missingfilms, 92 Min.