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Filmentdeckung:Dschungelreise

Der Schamane und die Schlange

Ein Team? Antonio Bolívar als Karamakate und Brionne Davis als Evan.

(Foto: MFA)

Der kolumbianische Film "Der Schamane und die Schlange" zeigt magische Schwarzweißbilder.

Von Martina Knoben

Dieser Dschungel ist keine grüne Hölle und auch kein kunterbuntes Artenvielfaltsparadies. Es ist ein Dschungel in Schwarz-Weiß. Mal wirkt er düster und undurchdringlich. Dann wieder sind die Bilder von erschütternder, gläserner Klarheit - jedes Blatt, jede Spiegelung im Wasser ist überdeutlich zu sehen. Es sind großartige Bilder, inszeniert vom kolumbianischen Regisseur Ciro Guerra mit seinem Kameramann David Gallego. Sie haben dem Film "Der Schamane und die Schlange" unter anderem eine Nominierung für den Fremdsprachen-Oscar eingebracht.

Nicht von ungefähr erinnert ihre Ästhetik auch an die ersten Fotografien, die weiße Forscher aus dem Amazonasgebiet mitgebracht haben. Denn um zwei dieser Forscher geht es hier: den deutschen Anthropologen Theodor Koch-Grünberg, im Film Théo genannt und vom flämischen Schauspieler Jan Bijovet verkörpert, und um Evan (Brionne Davis), der dem Botaniker Richard Evans Schultes nachempfunden wurde.

Théo kam zu Beginn des 20. Jahrhunderts nach Amazonien, Evan knapp vierzig Jahre später. Raffinierte Zeitsprünge aber lassen die Zeiten verschmelzen. Plausibel wird das durch den Erzähler, der - das ist das Besondere in diesem Film - kein Weißer ist, sondern der indianische Schamane Karamakate. Laut Presseheft ist es das erste Mal, dass im kolumbianischen Kino ein Indio eine Hauptrolle in einem Film spielt. Sein Blick ist stolz und kriegerisch, sein Körper muskulös wie der eines Bodybuilders, als die Kamera Karamakate (Nilbio Torres) das erste Mal in den Blick nimmt. Unzählige kleine Schmetterlinge umschwirren ihn - es ist ein Zauberbild. Dann taucht ein Kanu auf, darin Théo, ausgemergelt, mit langem Bart wie ein Eremit. Widerstrebend willigt Karamakate ein, dem Fieberkranken zu helfen, mit ihm die geheimnisvolle Yakruna-Pflanze zu suchen, die ihn retten kann. Rund vierzig Jahre später wird Karamakate auch Evan helfen, der - geleitet von Théos Aufzeichnungen - ebenfalls Yakruna sucht. "Ich widme mein Leben den Pflanzen", stellt sich der Botaniker dem alt gewordenen Schamanen (Antonio Bolívar) vor. "Das ist das Vernünftigste, das ich je von einem Weißen gehört habe."

Die Rollen sind hier vertauscht. Als exotische und immer wieder auch lächerliche Figuren bestaunt werden hier die Weißen, die an Dingen hängen oder an Nichtanwesenden. Einmal schreibt Théo seiner Frau in Deutschland und "drückt ihr seine Gefühle aus", wie er es nennt. Worauf Karamakate und Théos Assistent Mancusa sich schier kaputtlachen.

Als Théo in einem Brief seiner Frau "seine Gefühle ausdrückt", lachen die Indios sehr

Dass er und auch Evan immer wieder komische Figuren abgeben, täuscht allerdings nicht über die Wucht und Brutalität der Geschichte hinweg. Der Dschungel mag bedrohlich sein - gleich zu Beginn des Films ist eine lebendgebärende Boa zu sehen, die eines ihrer Kinder verschlingt. Wirklich angsteinflößend aber sind die Kolonialisten. Theos Assistent Manduca ist ein befreiter Kautschuk-Sklave mit furchtbaren Narben auf dem Rücken. Und einmal treffen er, Théo und Karamakate auf einen Indio, dem der rechte Arm abgeschnitten wurde, um ihn zum Kautschuk-Sammeln zu zwingen. Der Dschungel ist ein Kriegsschauplatz, und von den Gräueln der Kolonialisierung, der Kautschukkriege wird nicht nur erzählt - das Grauen steckt in den Bildern. Eine wahre Höllenfahrt ist Evans und Karamakates Begegnung mit einer Sekte: Kinder ermordeter Kautschuk-Sklaven, die von einem sadistischen katholischen Priester "bekehrt" wurden, verehren einen "Messias" genannten Führer, geißeln sich und hängen gekreuzigte Fremde an Dschungelbäume. Hier kommt "das Schlimmste beider Welten" zusammen, wie Karamakate kommentiert. So einen Film hat es noch nicht gegeben. "Der Schamane und die Schlange" ist Abenteuerkino, spirituelle Reise, ein fiebriger Traum und Dokument einer vergessenen Kultur. Der alte Schamane hat das Wissen seiner Vorfahren vergessen, erst die Begegnung mit Evan hilft ihm, sich zu erinnern. Dies ist auch das Credo des Films, der die Kultur der Amazonas-Indianer bewahren und davon erzählen will - weil die Indianer es nicht mehr können, weil sie ihr Wissen nur mündlich überliefert haben und viele Stämme ausgerottet wurden.

Angeblich sind die beiden indigenen Hauptdarsteller zufrieden mit dem Film. Das grundsätzliche Dilemma einer solchen Reise aber bleibt bestehen: Auch Ciro Guerras Blick ist ein Blick "von außen", sein Film will eine Kultur auf eine Weise festhalten, die ihr selbst völlig fremd ist. Der Regisseur ist sich dessen sehr bewusst, das beweisen nicht zuletzt seine Anspielungen und Parodien auf andere Dschungelfilme. Einen Ausweg aber gibt es nicht, Guerra simuliert ein Eingeständnis der Indios: Als Théo vom jungen Karamakate ein Foto macht, empfindet dieser das Bild als "Chullachaqui", als eine leere Hülle seiner selbst. Aber er erlaubt Théo, es mitzunehmen.

El abrazo de la serpiente - Kolumbien/Venezuela/Argentinien 2015 - Regie: Ciro Guerra. Buch: C. Guerra, Jacques Toulemonde. Kamera: David Gallego. Schnitt: Etienne Boussac, Cristina Gellego. Mit: Jan Bijovet, Brionee Davis, Nilbio Torres, Antonio Bolivar. Verleih: MFA, 125 Minuten.

© SZ vom 21.04.2016

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