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Filmemacher Peter Weir:Australischer Film-Prophet

Regisseur Peter Weir wird 65

Peter Weir auf einem Archivbild aus dem Jahr 2004

(Foto: dpa)

Mit "Die Truman-Show" sah er Big Brother voraus und im "Club der toten Dichter" zeigte er einen grandiosen Robin Williams: Der Filmemacher Peter Weir hielt sich jahrzehntelang in der Oberliga der Hollywood-Regisseure. Nun wird er 70 Jahre alt.

Von Susan Vahabzadeh

Gott ist Produzent, er beherrscht sein kleines Universum aus einem Schaltraum über dem Himmel. "Die Truman-Show" (1998), Peter Weirs Film über einen Mann im ewigen Container, war eine Mischung aus Märchen und Mediensatire, abstoßend und faszinierend gleichzeitig - und er war schon deswegen Peter Weirs ganz großer Wurf, weil es damals noch gar keine Container-Bewohner gab: "Big Brother" ging erst ein Jahr nachdem der Film in den Kinos gelaufen war zum ersten Mal auf Sendung. Eine furchtbare Geschichte hatten sich Weir und Drehbuchautor Andrew Niccol da ausgedacht, von Truman (Jim Carrey), in einen Fernsehsender hineingeboren und ausgebeutet. Er lebt ein künstliches Leben in einer Seifenoper, und jeder weiß das, nur er nicht. Eine düstere Vision - aber offensichtlich nicht ganz abwegig.

Es war nicht selbstverständlich, dass Hollywood sich den Australier Peter Weir schnappen würde - die Filme, die er machte, bevor er nach Amerika ging, waren auch schon spektakulär gut, aber eher nach den Maßstäben der Australian New Wave, die er prägte, als nach denen, die die großen Filmstudios anlegen. Seinen Durchbruch hatte Weir, am 21. August 1944 in Sydney geboren, mit "Picknick am Valentinstag", 1975: Er nahm sich einen verstörenden Roman vor und machte einen verstörenden Film daraus. Drei Mädchen und eine Lehrerin verschwinden an einem wunderschönen Februartag im Jahr 1900 bei einem Schulausflug zum Hanging Rock. Als Weir den Film in den USA zeigte, um ihn zu verkaufen, machte man ihm erst einmal die Hölle heiß: "Ein Verleiher warf seinen Kaffee an die Leinwand, als es vorbei war, weil er meinte, zwei Stunden seines Lebens verschwendet zu haben - ein Rätsel ohne gottverdammte Auflösung!"

Das Rätsel war dann aber verdammt erfolgreich. Ein Meisterstück, weil Weir so viel hineinlegte in einen Film, der erst daherkommt wie ein unblutiger Horrorthriller, und dann doch unendlich viel erzählt über die Mechanismen, die die Hinterbliebenen der Verschwundenen in den Wahnsinn treiben. Über unterdrückte Sexualität und das merkwürdige Verhältnis, das man als Australier europäischer Abstammung haben muss, in einem Land, das man zu beherrschen glaubt, dessen Bräuche und Geister aber so unendlich viel älter sind. Das Spannungsverhältnis zu einer Welt, die einem fremd bleibt, blieb Weirs Thema: in dem mystischen "The Last Wave", den er noch in Australien machte, aber auch in den amerikanischen Filmen, "Der einzige Zeuge" (1985), in dem Harrison Ford als Cop bei den Amischen in einem Mordfall ermittelt, oder "Der Club der toten Dichter" (1989), in dem der Freigeist Robin Williams sich an den starren Regeln eines Internats in den Fünfzigern stößt.

Casting, sagt Weir, ist ganz wichtig, ein Film wird nur etwas mit dem richtigen Hauptdarsteller. Er hat dann tatsächlich aus ein paar Hollywoodgrößen ihre besten Leistungen herausgeholt: Ford bekam für "Der einzige Zeuge" seine einzige Oscar-Nominierung; Robin Williams erfand sich neu im "Club der toten Dichter" - und Jim Carrey war nie wieder so gut wie als Truman.

Wichtig und nicht wichtig

Weirs Filme wurden zugänglicher in Amerika, und vielleicht hielt er sich deswegen so lange in der Oberliga der Hollywood-Regisseure, weil er mit der Zeit ging, sich neuen Sehgewohnheiten anpasste: Die Neunziger kamen, das Kino erzählte schlichtere Geschichten, und Peter Weir machte den wunderschönen "Green Card" (1990), der aus der Schlichtheit eine Tugend machte: Gérard Depardieu, in seiner Hochphase, der in einer Scheinehe Andie MacDowell den Kopf verdreht und eine Lüge in die reine Wahrheit verwandelt. Außerdem "Master and Commander" (2003) mit Russell Crowe, der fast vollständig an Bord eines Schiffes spielt - spektakulär in den Bildern, aber dabei sehr altmodisch genau in der Zeichnung seiner Figuren.

Er habe einmal einen Tagtraum gehabt, sagt Peter Weir, in dem er einen Film-Buddha fragte: Meister, wie soll ich mich als Regisseur verhalten? Und der Film-Buddha seiner Träume antwortete: Du musst die Dinge wichtig nehmen und nicht wichtig nehmen, beides gleichzeitig. Weir hat damit ganz gut selbst zusammengefasst, was seine Filme so besonders gemacht hat - er hat mit ihnen einen Balanceakt hinbekommen zwischen ganz ernst und großem Entertainment. Nun wird er siebzig Jahre alt.

© SZ vom 21.08.2014/mkoh

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