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Filmdrama:Verlust der Leichtigkeit

David (Vincent Lacoste) und seine Nichte Amanda (Isaure Multrier) müssen den Tod der Schwester beziehungsweise der Mutter gemeinsam verarbeiten.

(Foto: MFA)

Mikhaël Hers erzählt in "Mein Leben mit Amanda" von einem jungen Mann, der sein Leben nach einem Terroranschlag neu ordnen muss.

Von Philipp Stadelmaier

Was ist eine Redewendung?", erkundigt sich das Mädchen. Die Mutter erklärt es ihr. Eine Redewendung ist ein Sprachbild, eine Metapher. Eine Art, etwas zu umschreiben. Beispielsweise: "Elvis has left the building." Elvis hat das Gebäude verlassen.

Das Mädchen ist sieben Jahre alt und hat noch nie was von Elvis Presley gehört, aber sie versteht die eigentliche Bedeutung des Satzes: Hier gibt's nichts mehr zu sehen, geht alle nach Hause. Das also ist eine Redewendung.

Das Mädchen heißt Amanda (Isaure Multrier), die Mutter Sandrine (Ophélia Kolb) ist Lehrerin. Sie wohnen in Paris. Sie zieht sie alleine auf, aber alleine sind sie nicht: David (Vincent Lacoste) ist auch noch da, ihr Bruder, Amandas Onkel. Er ist vierundzwanzig und arbeitet für einen Wohnungsbesitzer, der Apartments vermietet, vor allem an Touristen. Eines Tages steht Léna (Stacy Martin) vor der Türe, eine neue Mieterin. Später begegnen sie sich beim Joggen im Park. Er zuckt sein Handy und schreibt eine SMS - ob sie nicht was trinken gehen wollen? Léna ist gerade noch in Sichtweite, als sie stehen bleibt und die Nachricht liest. Sie dreht um und ruft: "Okay!"

Es ist Sommer, die Sonne scheint, wir sind in Paris, die neue große Liebe ist gerade ins Leben gejoggt und wohnt jetzt nebenan. Im neuen Film des französischen Regisseurs Mikhaël Hers, "Mein Leben mit Amanda", hat man nach einer tollen ersten Viertelstunde das Gefühl, noch einen ganzen schönen Sommerfilm und wohlige Gefühle vor sich zu haben, inklusive Gefühlspädagogik. Amanda, so stellt man sich vor, wird für den Rest des Films Fragen stellen, und die Erwachsenen müssen antworten, und dabei natürlich feststellen, dass sie die Antwort nicht immer wissen. Denn Worte können täuschen. Sie können Gefühle verfälschen. Redewendungen sind Umschreibungen, man kann sich in ihnen verlieren.

Die Geschichte ist von den Folgen der Anschläge am 13. November 2015 in Paris inspiriert

Dies und mehr erwartet man sich, während David beschwingt mit dem Fahrrad durch Paris fährt, in der Sommerabenddämmerung, unterwegs zu einem Picknick in einem Park, wo seine Schwester und Léna, die mittlerweile seine Freundin ist, auf ihn warten. Plötzlich rasen ein Motorrad und ein Auto vorbei, im Höllentempo. Vincent denkt sich nichts dabei, fährt weiter. Dann kommt der Park, das Bild wird schattiger, das Licht verschwindet hinter den Bäumen. Es ist das Vorgefühl von etwas Schrecklichem. Vincent stellt sein Fahrrad ab, hört Geschrei und sieht Leichen, Verwundete, Schreiende. Überall auf der Wiese ist Blut. Ein Terroranschlag. Léna ist schwer verletzt. Vincents Schwester, Amandas Mutter, ist tot.

Der Rest des Films handelt davon, wie die Figuren mit diesem traumatischen Verlust umgehen. Zuerst sieht es aus, als könne man nur alleine weiterleben, jeder für sich, beschäftigt mit der eigenen Trauer. Vincent muss in seinem jungen Alter die Vormundschaft für Amanda übernehmen und gleichzeitig müssen er und Léna ihre Beziehung neu ordnen. Irgendwann beginnen die Wunden zu heilen.

In seinem letzten Film "Dieses Sommergefühl" (2015) hatte Hers gezeigt, dass sich Leichtigkeit und Trauerarbeit nicht ausschließen müssen. Auch hier starb eine junge Frau. Sie schlenderte durch einen Park in Berlin, entfernte sich von der Kamera - und fiel tot um. Warum, das erfährt man nicht. Der Film begann mit dieser Katastrophe, um sofort ins Leben zurückzukehren. Die Abwesende wurde immer mehr zu einer Idee, einer Erinnerung. Hers filmte, wie die Trauer aus dem Leben und Lieben der Hinterbliebenen verschwand. Und das war wunderbar.

In seinem neuen Film hat er diese Leichtigkeit leider verloren. Inspiriert ist die Geschichte offensichtlich vom Terroranschlag in Paris am 13. November 2015. Man kann Hers nicht den Vorwurf machen, das Thema auszuschlachten, aber das Problem ist, dass er erst zu lange das schöne, leichte, französische Leben inszeniert, das von Islamisten dann brutal zerstört wird. Dramaturgisch und politisch ist das wenig subtil. Es wäre interessanter gewesen, wenn der Terror die Familie nur gestreift hätte, wenn er wenig oder nichts im Leben der Personen verändert hätte und wenn diese sich später nur auf den Anschlag bezogen hätten, um sich wegen anderer Dinge zu rechtfertigen. So, wie man sich einer Redewendung bedient.

Daher liegt das zentrale Problem des Films im Umgang mit der Hauptfigur. Amanda, das Kind, wird von einer neugierigen und klugen Person zur Leidtragenden, zu einem Objekt, um das sich die Erwachsenen nach der Ermordung der Mutter kümmern müssen. Das ist schade. Sie hat die richtigen Fragen gestellt.

Amanda, Frankreich 2018 - Regie: Mikhaël Hers. Buch: Hers, Maud Ameline. Mit Vincent Lacoste, Isaure Multrier, Stacy Martin. MFA+ Filmdistribution, 107 Minuten.

© SZ vom 13.09.2019
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