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Filmbusiness-Satire:Hollywood? Haiti!

Chris Rock, Komiker, Künstler und Zebra, dekonstruiert in "Top Five" mit großer Lust das US-Showgeschäft - und sich selbst.

"Ich will nicht nur ein Zebra sein", ist ein Satz, den man nicht oft zu hören bekommt - außer von Chris Rock in diversen Interviews. Dessen Kinopräsenz beschränkte sich in den letzten Jahren vor allem darauf, das lustige Zebra Marty im Animationshit "Madagascar" und seinen beiden Fortsetzungen zu sprechen. Das ist für einen ehemals sehr erfolgreichen Stand-up-Comedian und Filmschauspieler, der zudem eine große Liebe zum europäischen Autorenkino im Herzen trägt, natürlich nicht tagesfüllend. Weshalb Rock das tat, was viele deprimierte Hollywoodschauspieler machen, wenn der frühe Ruhm und die darauf folgenden exzessiven Räusche abgehakt sind: Regie führen.

Oft entpuppt sich das als keine besonders schlaue Idee, weil aus künstlerischer Unterbeschäftigung gerne Überambitioniertheit entsteht. Auch Rock flog mit seiner Zweitkarriere zunächst ordentlich auf die Schnauze: Er inszenierte, noch Jahre vor Obama, die äußerst mäßige Komödie "Das weiße Haus sieht schwarz", in der er in seiner gewohnten Rolle als Plapper-Tollpatsch das höchste Amt im Land kaperte. Noch schlimmer wurde es mit "Ich glaube, ich liebe meine Frau", dem Versuch einer Tragikomödie, in der er seine Bewunderung für Éric Rohmer mit seinem Stand-up-Gequassel unter einen Hut bringen wollte.

Chris Rock

Comedy-Star in der Krise: Chris Rock als abgehalfterter Schauspieler in "Top Five".

(Foto: Ali Paige Goldstein)

Weshalb Bedenken jetzt natürlich berechtigt sind, wenn Chris Rock in "Top Five" mal wieder Chris Rock spielt - nach einem Drehbuch von Chris Rock und unter der Regie von Chris Rock. Tatsächlich ist der selbsttherapeutische Plot des Films zunächst einmal nicht besonders einfallsreich: Rock spielt den abgehalfterten Schauspieler und Stand-up-Comedian Andre Allen, dessen lustigste Tage längst vorbei sind, der außerdem ein paar Orgien zu viel absolviert hat - und nun ins Charakterfach wechseln will.

Was Rock aber aus dieser etwas abgelutschten Comeback-Geschichte macht, ist nicht nur eine lustige Parodie seiner eigenen Biografie geworden, sondern auch ein zynischer Kommentar zu der beschränkten Rolle, die das überwiegend weiße Hollywood seinen schwarzen Stars zugesteht. "Top Five"-Protagonist Andre hat, um sein Blödel-Image abzustreifen, einen sehr, sehr, sehr ernsthaften Film gedreht. Und zwar über die haitianische Revolution 1791, in der die schwarzen Sklaven gegen die Kolonial-Franzosen aufbegehrten. "Uprize!" heißt der Film, und Rock lässt keinen Zweifel daran, dass es sich dabei um vollkommen überambitionierten Bockmist handelt. Aber Rock, der schon in zahlreichen Artikeln und Interviews über die Stellung schwarzer Unterhaltungskünstler geflucht hat, trifft damit genau den Punkt: Als schwarzer Akteur darf man in USA in der Regel entweder den Clown oder den Sklaven spielen.

Rock sagt, er sei zum Beispiel ein großer Bewunderer des US-Indie-Kinos, er liebe Wes Anderson, Richard Linklater und Alexander Payne. Nur sei ein schwarzer Schauspieler in deren Kosmos praktisch nie vorgesehen. Außerdem findet er, die Popkultur stehe Schwarzen überhaupt erst seit einer erschreckend kurzen Zeitspanne offen. "Lassen Sie es mich so sagen", polterte er im Rolling Stone: "Ich möchte wirklich mit nichts etwas zu tun haben, was vor den Jackson Five passiert ist. Alles davor war nur schwarzes Unglück, Sklaverei, oder zumindest nah dran. Was mich betrifft, haben erst Michael, Marlon, Tito, Jermaine und Jackie die Sklaverei beendet."

Thesen dieses Zuschnitts sind auch die wichtigste Zutat in den quirligen Dialogen, die er sich in "Top Five" mit einer hübschen Journalistin der New York Times (Rosario Dawson) liefert. Die soll über den geläuterten Schauspieler Andre ein Porträt schreiben, und natürlich verlieben sich die beiden auf ihrem langen Spaziergang durch den wuseligen Big Apple.

Apropos Big Apple: Trotz aller Kritik an der weißen Showbusiness-Übermacht huldigt Rock auch weiterhin seinen weißen Vorbildern. "Top Five" ist eine Verbeugung vor Woody Allens "Stardust Memories", der eine ähnliche Künstlerkrisen-Tragikomödie war. Und damit trotz der hohen Gag-Quassel-Dichte auch niemand seinen Kunstanspruch in Frage stellt, hat er sich für die visuelle Umsetzung seines New York-Streifzugs den chilenischen Kameramann Manuel Alberto Claro geholt, der vor allem für seine Arbeiten für Lars von Trier bekannt ist.

Top Five, USA 2014 - Regie, Buch: Chris Rock. Kamera: Manuel Alberto Claro. Mit: Chris Rock, Rosario Dawson, J.B. Smoove, Cedric the Entertainer, Adam Sandler. Paramount, 102 Minuten.

© SZ vom 16.04.2015

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