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Filmbiografie:Beinah ein Briefroman

Fälscht aus schierer Not: Literatin Lee Israel (Melissa McCarthy).

(Foto: Fox)

In Marielle Hellers "Can You Ever Forgive Me?" spielt Melissa McCarthy eine Schriftstellerin Lee Israel, die mit ihrer Zeit hadert und zur Fälscherin wird - und sie macht das großartig.

Lee Israels Vorstellung von einem gelungenen Gesellschaftsereignis wäre wahrscheinlich der Algonquin Round Table gewesen, auch Teufelskreis genannt, bei dem täglich die Schriftstellerin Dorothy Parker, die Schauspielerin Tallulah Bankhead, der Kritiker Alexander Woollcott und andere New Yorker Intellektuelle beieinander saßen und Sarkasmen austauschten. Leider hörten die Treffen im Hotel Algonquin in Manhattan schon 1929 wieder auf - zehn Jahre, bevor Lee Israel überhaupt auf die Welt kam. Lees soziale Verpflichtungen erfüllen sie mit tiefster Abscheu. Und so tigert sie in "Can You Ever Forgive Me?" durch die Wohnsäle ihrer vermögenden Agentin, regt sich auf, fegt ein paar Garnelen in ihre Handtasche und haut wieder ab, um die Beute mit ihrer Katze zu teilen.

Die Rolle der Lee Israel ist ein grandioser Auftritt für Melissa McCarthy - sie ist für einen Oscar als beste Hauptdarstellerin nominiert, dafür, wie wunderbar sie in dieser Figur komische Bärbeißigkeit und intellektuelle Sturköpfigkeit zusammenfließen lässt; und in jedem Moment schimmern Einsamkeit und Verzweiflung durch, bis diese Frau sich auf der Leinwand so richtig mit Leben füllt. Das hat irgendwie mit ihrem legendären Auftritt als Megan in der Komödie "Brautalarm" zu tun, für die sie 2012 schon einmal für einen Oscar nominiert wurde - aber es hat mehr Tiefe, Raum für vielschichtigere Emotionen.

Lee Israel würde gern über Fanny Brice schreiben, jene Komikerin, die Barbra Streisand in "Funny Girl" (1968) spielte - aber inzwischen kann sich an diese Frau, die einmal legendär war, niemand mehr erinnern. Sagt zumindest die Agentin. Die Neunzigerjahre haben gerade begonnen, Lee hat eine Reihe sehr kluger Biografien geschrieben - aber kein Magazin gibt ihr mehr Aufträge, kein Verlag will ein neues Buch mehr mit ihr machen. Ihre Themen sind zu abseitig. Lee ist wie Dorothy Parker, die einmal gesagt hat, die schönsten Worte überhaupt seien "Scheck liegt bei". Das hat nichts mit Geldgier zu tun, sondern mit schierer Not.

Marielle Hellers Film basiert, wie so viele Filme, auf wahren Ereignissen - und also zeigt er auch die New Yorker Literaturszene so, wie sie Anfang der Neunzigerjahre war. Stargast auf der nervenden Agentenparty ist zum Beispiel der Vielschreiber Tom Clancy, so ungefähr zu dieser Zeit wurde sein Thriller "Die Stunde der Patrioten" mit Harrison Ford verfilmt. Zu so einem Bestseller-Garanten ist Lee der Gegenentwurf: Sie lebt wie Truman Capotes Erzähler in "Frühstück bei Tiffany", aber leider in der falschen Ära. Für eine misanthropische Eigenbrötlerin hat das Literaturbusiness keinen Platz mehr.

Wahr ist dann auch der Plan, den Lee in höchster Not entwickelt, als eines Tages die Katze krank wird und der Tierarzt unbezahlbar ist. Schreiben kann sie ja, gut genug, um den Witz und den Stil anderer Autoren nachzuahmen. In ihrer Verzweiflung beschließt sie also, Briefe von literarischen Berühmtheiten zu fälschen - Noël Coward, oder eben Dorothy Parker. Diese verkauft sie in Buchhandlungen in Manhattan. Das kommt ihr, zunächst einmal, nicht mal vor wie ein Verbrechen. Schon weil es ja endlich mal wieder eine Aufgabe ist, bei der sie ihre Fähigkeiten einsetzen kann - fast ein Briefroman.

Lee ist nicht nett, aber rührend - ihr Sarkasmus richtet sich auch gegen sie selbst

Es wird, sagt Lee Israel am Ende, in einem mitreißenden Monolog vor Gericht, die beste Zeit ihres Lebens. Und Lee kann den Erfolg genießen, weil sie ihn mit jemandem teilen kann. Sie liest in einer Kneipe den schäbig-flamboyanten Jack (Rupert E. Grant) auf, der sich zwischen zwei Saufgelagen bei seinen diversen Liebhabern einquartiert - auch keine Lebensweise mit viel Perspektive. Die beiden haben gelebt, als gebe es keine Zukunft; nun sind sie über fünfzig, und so geht es nicht mehr. Lee entrümpelt ihre Bude und nimmt Jack bei sich auf, so betreiben die beiden eine Weile eine Fälscherwerkstatt, und gelegentlich trifft sich Lee mit einer der Händlerinnen, die sie mit den Briefen betrügt. Denn in diese Frau hat sich Lee verliebt.

Lee Israel ist nicht nett, aber rührend, weil sich ihr gnadenloser Sarkasmus auch gegen sie selbst richtet. Aber kann man ihr vergeben? Mit den Opfern ihrer Taten ist es so eine Sache - was die da treiben, ist dem Reliquienhandel nicht unähnlich. Und wenn einer sich unbedingt einen Promi-Brief an die Wand hängen will, entsteht der Schaden für ihn ja eigentlich erst in dem Moment, in dem er erfährt, dass er einer Fälscherin aufgesessen ist. So gesehen ist es erst in dem Moment nicht mehr egal, ob der Brief echt ist oder nicht, in dem der Schwindel auffliegt.

Es gibt einen zweiten Hauptdarsteller in diesem Film, liebevoll wieder hergerichtet und fotografiert - die Stadt um Lee und Jack herum, ein New York, das es so nicht mehr gibt. Das waren noch Zeiten, als die Superreichen von Manhattan ihre Gäste noch mit Briefen von Noël Coward zu beeindrucken versuchten.

Es kommt einem in "Can You Ever Forgive Me?" vielleicht manchmal so vor, als hätten böse Mächte dieser Frau, von der alle immer sagen, sie sei ein so großes Talent, die wahre Karriere versagt. Aber sie hätte es wohl zu keiner Zeit geschafft: All die Autoren, deren Briefe sie fälscht, haben in der Erinnerung überlebt, weil sie genau jene selbstdarstellerischen Qualitäten hatten, die Lee fehlen. Die echte Zeitenwende, die ihr zu schaffen macht, ist eine wirtschaftliche - man ahnt, dass die düstere Bar, in der sich Lee und Jack vollaufen lassen, und ihre vermüllte Altbau-Mietwohnung an der Upper Westside inzwischen ein Edelrestaurant und eine Millionärsbehausung sind. Das heruntergekommene Manhattan verwandelt sich vor ihren Augen in einen Ort, an dem Verlierer nichts zu suchen haben - Verlierer wie sie.

Can You Ever Forgive Me? , USA 2018 - Regie: Marielle Heller. Buch: Nicole Holofcener, Jeff Whitty. Kamera: Brandon Trost. Mit: Melissa McCarthy, Rupert E. Grant, Dolly Wells, Jane Curtin. Verleih: Fox, 107 Minuten.