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Filmarchiv über DDR-Alltag:Grobkörnig flackernd

Das Archiv "Open Memory Box" hat 400 Stunden Filmmaterial aus der DDR zusammengestellt: private Erinnerungen aus einem verschwundenen Land.

Von Peter Richter

Sonne lacht: Super 8! Auch im Osten wurde nicht nur zum Fotoapparat gegriffen, wenn das Leben Höhepunkte zu bieten hatte, die es festzuhalten galt, sondern eben manchmal auch zur Filmkamera. Die Super-8-Technik, ursprünglich von der amerikanischen Firma Kodak in den Sechzigerjahren vor allem für den Gebrauch durch Privathaushalte entwickelt, hatte auch in der DDR ihre Anhänger. Rund Hunderttausend sollen das gewesen sein, und organisiert waren sie zwar in sogenannten Filmklubs. Aber gefilmt wurde nicht zuletzt zuhause. Und wo das Material noch knapper, also wertvoller war als im Westen, wird man annehmen dürfen, dass auch die damit gefilmten Momenten im Leben als besonders wertvoll, bedeutsam, signifikant betrachtet wurden. Die Idee, diese vielen Filmrollen aus den Schubladen des Privaten ins Bewusstsein der Öffentlichkeit zu überführen, sie zu versammeln und zu einem Archiv der visuellen Erinnerungen an den Alltag in einem verschwundenen Land zu machen, dieser Gedanke ist vielleicht einfach zu naheliegend, als dass nach dem Ende der DDR jemand hätte darauf kommen können.

Der schwedische Filmemacher Alberto Herskovits und der kanadische Politologe Laurence McFalls haben die Initiative gestartet.

Es sind nun zwei Männer mit dem Blick von außen gewesen, die das initiiert haben, der schwedische Filmemacher Alberto Herskovits und der kanadische Politologe Laurence McFalls. 400 Stunden privater DDR-Erfahrungen sind so zusammengekommen, und die wurden nun mit Unterstützung durch die Stiftung Aufarbeitung der SED-Diktatur auf wunderbare Weise online gestellt. Auf "Open Memory Box" sieht man eben vergleichsweise wenig "SED-Diktatur", aber sehr viel pralles, grobkörnig flackerndes Leben. Verschlagwortet nach so schönen, knappen Begriffen wie "Balaton", "Bett" oder auch "Bier" kann man sich da durch fremde Erinnerungen klicken. Ja, das hat etwas Voyeuristisches, andererseits kennt man die Leute im einzelnen ja nicht. Und dann kennt man sie wiederum doch irgendwie, als Typen. Es erinnert damit immer auch an den sonderbaren Genuss des Erledigten, mit dem in den Neunzigern private Dia-Sammlungen von Ostberliner Flohmärkten an die Wände von Technoclubs projiziert wurden. Gleichzeitig dürften Soziologen und Historiker des Alltags hier reiche Funde machen. (Irre, wie viele Baumstämme zum Beispiel über die Jahre von Hochzeitspaaren rituell zersägt werden mussten ...) Auf der Website kann man sich die in ihrer Ton- und Kontextlosigkeit mitunter sehr bizarr wirkenden Filmsequenzen auch als zufällig zusammengeschnittenes Potpourri ansehen. Näher gehen sie einem naturgemäß da, wo sie von ihren Besitzern kommentiert werden, etwa von der Lehrerin, die ihr einziges Kind von dessen Großmutter aufziehen lassen musste, weil sie damals Studentin war und partout keinen Krippenplatz bekam. Die Bilder zeigen die zeitlose Niedlichkeit eines Kleinkindes, die Tonspur zeigt das Drama eines ganzen Lebens - und eines nicht zuletzt an den eigenen Ansprüchen oft genug gescheiterten Systems.

© SZ vom 27.09.2019

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