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Film:Unschärferelation

Film Giraffe

Fasziniert vom Tagebuch einer Fremden: Lisa Loven Kongsli als Dara.

(Foto: Grandfilm)

Dokumentarisch und fiktional: Anna Sofie Hartmanns Film "Giraffe" erkundet die Ostseeinsel Lolland.

Von Sofia Glasl

Der Bauer sitzt mit seiner Frau in der Wohnküche des Hofs. An der Klinkerwand hängen Zierteller. Der Kaffeetisch ist wie für Besuch gedeckt. Die beiden wirken angespannt. Leif erzählt, dass er den Betrieb in der dritten Generation führt. Die beiden Söhne seien hier aufgewachsen, sie hätten Höhlen gebaut und im Garten Feuer gemacht, erinnert sich Birte. Ihre Hoffnung, dass der Hof in der Familie bleibt, hat sich jedoch zerschlagen. Er soll einer Autobahn weichen. "So ist der Fortschritt, den hält man nicht auf", sagt Leif. Birte weint leise.

Ihnen gegenüber sitzt die Ethnologin Dara. Im Gegensatz zu Leif und Birte ist sie eine fiktionale Figur, gespielt von der Norwegerin Lisa Loven Kongsli. Ihre Interviews führt sie allerdings mit realen Inselbewohnern, die - ebenfalls ganz real - vom Bau des "Fehmarn Belt Fixed Link" betroffen sind, einem Tunnel zur deutschen Insel Fehmarn. Statt 45 Minuten mit der Fähre dauert die Fahrt dann nur noch zehn Minuten, für die umliegenden Wirtschaftsräume ein enormer Gewinn. Der Baustelle müssen einige Häuser weichen, die Familien sollen umgesiedelt werden. Daras Blick wird also der letzte hinter diese Fassaden sein, die bald abgerissen werden. Was bleibt für die Menschen hier, wenn ihre Erinnerungsorte einfach plattgemacht werden?

Die dänische Filmemacherin Anna Sofie Hartmann reflektiert in "Giraffe" über den Schwebezustand zwischen unvermeidlichem Wandel und persönlicher Erinnerung. Der Titel wird nie weiter erklärt - im ersten Bild sieht man zwar einer Giraffe auf Augenhöhe beim Blätterkauen zu, sie kommt aber nie wieder vor. Der Film folgt dann ganz der Ethnologin, ihren Interviews mit den Inselbewohnern. Dabei trifft Dara auch auf einen - ebenfalls realen - polnischen Bauarbeitertrupp, der die Infrastruktur für den Tunnelbau vorbereitet.

Anna Sofie Hartmann sucht die Spannung und den Austausch zwischen Dokumentar- und Spielfilm, die Regisseurin bettet die Wirklichkeit des Tunnelbaus und der daran geknüpften Geschichten und Schicksale in ihre fiktionale Erzählung ein. Was auf dem Papier wie eine sperrige Konstruktion klingt, fügt sich im Film zu einem schönen Gewebe aus privaten Anekdoten, Schicksalen und essayistischer Spurensuche. Im Mikrokosmos Lolland werden emotionale und gesellschaftliche Auswirkungen der Globalisierung sichtbar.

Und die Grenzen verschwimmen weiter. Unter die realen Tunnelbauer mischt Hartmann einen fiktionalen Bauarbeiter namens Lucek, gespielt von Jakub Gierszał. Dara wird sich in ihn verlieben. So kann die Regisseurin von den Sorgen und Nöten der Wander- und Gastarbeiter erzählen, die oft schon seit Jahrzehnten hoffen, bald ihre Familien nachholen zu können. Doch Subunternehmer wie sie haben meist keine Rechte und können froh sein, wenn sie überhaupt bezahlt werden.

In Beobachtungen wie diesen weitet sie die Perspektive und verknüpft die Nahaufnahmen auf Lolland mit der Totalen einer globalisierten Welt. In gewisser Weise betreiben Dara und die Bauarbeiter eine ähnliche Arbeit: Sie konstruieren, dekonstruieren und rekonstruieren diesen Ort mit jeweils anderen Mitteln. Dara versucht, die Erinnerungen, mit denen jeder Ort aufgeladen ist, Individuen zuzuordnen und so zu einem Bild und zu einer Geschichte zusammenzusetzen, ohne Anspruch auf Vollständigkeit, aber emotional nachvollziehbar.

In gewisser Weise vermittelt sie auch zwischen der Vergangenheit und seiner Zukunft. Einem seit über zehn Jahre leer stehenden Haus gibt sie Erinnerungen zurück, die ihm abhandengekommen waren: Sie findet darin ein Tagebuch, Aufzeichnungen einer Bibliothekarin namens Agnes Sørenson, liest immer wieder daraus vor, kehrt an den Fundort zurück. Zu Beginn macht sie nur Fotos, bleibt dann aber über Stunden in entspannter Untätigkeit dort und belebt die Erinnerungen neu. Dabei verliert und findet sie auch immer wieder sich selbst in der Geschichte einer Frau zwischen zwei Männern.

"Stop staring!" sagt ihr Geliebter Lucek immer wieder im Scherz, wenn Dara ihn lange anschaut oder beim Schlafen beobachtet. Sie solle aufhören, ihn anzustarren. Sie lernt langsam, aus diesem Fixieren ein Schweifen des Blicks zu machen, und auch die Kamera wird nach und nach mobiler. Aus starr abgefilmten Gegenständen und Einstellungen in dem verlassenen Haus wird ein Sich-Umsehen in langsamen Schwenks.

Dara liest Lucek einmal am Strand aus einem Essay der amerikanischen Autorin Rebecca Solnit vor: "Die Kunst, sich zu verlieren". Die Einübung in diese Kunst funktioniert in "Giraffe" immer zuerst über den Blick. Im Umherschweifen kommt sie den Menschen und Dingen näher als über das museale Starren. So führt die bewusste Unschärfe zwischen fiktionalem und dokumentarischem Material in "Giraffe" auch zu dem bemerkenswerten Effekt, dass die erfundene Handlung den Fokus auf die Realität erst scharf stellt. Fast so, wie scheinbar verloren gegangene Gegenstände erst wiederauftauchen, nachdem man aufgehört hat, nach ihnen zu suchen.

Giraffe, Dänemark, Deutschland 2019 - Regie, Buch: Anna Sofie Hartmann. Kamera: Jenny Lou Ziegel. Mit: Lisa Loven Kongsli, Maren Eggert, Jakub Gierszał. Grandfilm, 87 Minuten.

© SZ vom 10.08.2020

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