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Film über George Harrison auf DVD:Wie ein Beatle die teuerste Kinokarte der Welt löste

Mantra und Materie: Zehn Jahre nach dem Tod des stillen Beatle erscheint in Deutschland Martin Scorseses Film über George Harrison auf DVD. Man merkt, wie sehr der Regisseur von dem Musiker fasziniert ist, man kann "George Harrison: Living in the Material World" deshalb unkritisch nennen. Aber es gibt ungewohnt viele private Einblicke.

Fritz Göttler

Paul Newman wollten sie treffen und Jayne Mansfield, verkündeten die Beatles, als sie sich auf den großen Trip machten, nicht nach Indien, zur Selbstfindung, sondern erst mal nach Hollywood. Colonel Tom Parker brachte ihnen dort Colts vorbei und meldete, dass Elvis sie sehen wollte, sie planschten im Pool von Burt Lancaster... Nun hat die Picture-Industrie an der Westküste sich den dritten Beatle vorgenommen und ihm einen eigenen Film gewidmet, zehn Jahre nach seinem Tod - "George Harrison: Living in the Material World", für die TV-Gesellschaft HBO produziert, bei uns eben auf DVD herausgekommen (Studiocanal/ Arthaus).

GEORGE HARRISON IST TOT

"The lovely sweet little George": Harrision auf der Bühne im Jahr 1963.

(Foto: DPA)

Martin Scorsese hat den Film gemacht, zwei Teile, dreieinhalb Stunden, ein Filmemacher, der vom Hollywoodkino besessen ist, aber von Anfang an Distanz dazu gewahrt hat.

Olivia Harrison hat den Film koproduziert, die zweite Frau von Harrison, sie hat Scorsese und seinen Leuten Zugang zu einer Menge neuem Material gewährt, Briefe an die Mutter und Karten aus der Ferne, Tagebücher und Songtexte, Fotos und home movies aus der Familie. Diverse ungewohnte Georges blitzen da zwischen den bekannten Konturen des frühen Pilzkopf-Boys und des langmähnigen und -bärtigen Maharischi-Jüngers auf - einer zum Beispiel in den Sechzigern, mit kurzem Haar und Schnauzer, vor dem Taj Mahal.

Der Film schlägt einen Bogen von der Dickenswelt der frühen Jahre - Paul McCartney deklariert sie so, in seiner Rückschau im Film - in die viktorianische Gartenwelt des Friar Park, den Harrison 1970 erwarb. Ein Bogen von einer merkwürdigen Abhängigkeit von der Gruppe, geduldig und selbstironisch ertragen, in eine neue Freiheit, mit eigenen Songs und Platten und Konzerten, später dann: eine Isolation.

"The lovely sweet little George", sagt Astrid Kirchherr im Film von Harrison, sie hat ihn in Hamburg erlebt, mit den jungen Beatles. Der Freundlichkeit und Gelassenheit verpasst Scorseses Film einen rauen Untergrund, eine angenehme Schroffheit, die in schönem Kontrast steht zur soften Verspieltheit von Paul, zur intellektuellen Raffinesse von John Lennon.

In seinen späten Jahren wirkt Harrison kantig wie Eastwood, verspielt dekadent wie James Mason. Da sind Understatement und Coolness in dieser Figur, und intensiv ist die Symbiose zwischen Beatles und Monty Python. Harrison hatte durch eine Hypothek persönlich die Finanzierung von deren ikonoklastischem "Life of Brian" gesichert - weil er Lust hatte, den Film zu sehen. Mit Sicherheit die teuerste Kinoeintrittskarte der Welt, vermerkt Regisseur Eric Idle.

Scorsese sei zu nah dran, haben Kritiker moniert, zu unkritisch, zu mythenverliebt, den Vorwurf gab es auch schon bei seinen Filmen zu Bob Dylan und den Stones. Scorseses Harrison-Film handelt - wie immer bei ihm, von den frühen New-York-Filmen, mit Robert De Niro, bis zum neuesten, dem fabelhaften "Hugo" - von einem Einzelgänger, der nicht leben mag, ohne die Welt zu ändern.

Change, sagt George mal im Film, darum handelt es sich in der wirklichen, der physischen Welt, das ist von ihm nicht als inhaltliches Programm gedacht, sondern als Vorgabe für einen Rhythmus: All things must pass . . . Leben als Mantra, das hat auch Scorsese fasziniert, als er die Montage dieses Films besorgte.

Es sei Ravi Shankar gewesen, sagt Harrison, der indische Sitarmeister, der ihm zurückgeholfen habe, ein popsinger zu sein. Er betont das Wort beschwingt und ein wenig stolperig, auf der zweiten Hälfte, und es klingt, als wundere er sich selbst über diese Zuschreibung, als belächle er diese Kategorie. Und freue sich doch über die Einfachheit und Gradlinigkeit, die hier zum Ausdruck kommen. Über einen Professionalismus, dem auch der Filmemacher Scorsese sich nicht verschließen kann.

© SZ vom 22.12.2011/gr

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