Film "Terminal"Auf zur letzten Party

Lesezeit: 4 Min.

Playtime für Regisseur Steven Spielberg und Tom Hanks im abgehobenen Kinostück über einen gestrandeten Fluggast.

Von Fritz Göttler

Dies ist ein Meisterwerk der Indezision, ein Film, der zwischen verschiedenen Zeiten und Orten hin- und herschliddert und dabei doch immer auf der Stelle bleibt. Der irgendwann die Suche nach dem Moment, der eines "Verweile doch" wert wäre, aufgibt und die eigene Unschlüssigkeit zum Thema macht.

Gestrandet am Flughafen: Tom Hanks in "Terminal".
Gestrandet am Flughafen: Tom Hanks in "Terminal". Foto: ddp

Viktor Navorski, ein prächtiger Balkaneuropäer par excellence, steht zu Beginn des Films ein wenig verloren im New Yorker Kennedy Airport, frisch importiert aus seinem Heimatland Krakozia, der englischen Sprache nur bedingt mächtig. Er hat eine Dose Planters Peanuts dabei und kommt, das erfahren wir aber erst sehr viel später, nach New York in ganz spezieller Mission, auf den Spuren eines großen Tages in Harlem.

Doch während er unterwegs war hat, hinterrücks gewissermaßen, die Geschichte einen Riesenschritt vorwärts gemacht. Ein Umsturz in Krakozia. Die neue Regierung wird nicht anerkannt, Viktors Papiere sind ungültig. Die Rückreise ist unmöglich, aber auch die Einreise in die USA wird ihm verwehrt. Er sieht sich gezwungen, im Terminal zu verweilen, auf dem weiten Terrain des JFK Airport, zwischen schicken Modeboutiquen und Burgershops: It's playtime!

Der Engel der Geschichte, so die berühmte Formel von Walter Benjamin, hat das Antlitz der Vergangenheit zugekehrt und wird in dieser Haltung von einem Sturm Richtung Zukunft geweht. Von ähnlichen Vorstellungen gepackt dreht auch das längst erwachsene Hollywood-Wunderkind Steven Spielberg seine Filme, und womöglich sind sie ihm in den letzten Jahren deutlicher geworden als je zuvor.

Eine neue Furcht vor dem Draußen

Das Drehbuch zu "The Terminal" wurde lange vor 9/11 geschrieben, und der Film versucht immer wieder eine Ahnung davon zu vermitteln, wie durch dieses Ereignis Amerika sich verwandelt hat - eine neue Furcht vor dem Draußen, die Schikanen durch den Patriot Act, die Abschottungstendenzen. Von der ursprünglichen Geschichte - das Schicksal des Iraners Merhan Karimi Nasseri, der seine Passdokumente verlor und seit 1988 im Pariser Charles de Gaulle Flughafen wohnt - ist am Ende nichts mehr geblieben.

"Terminal" wirkt wie ein Gegenstück zu Spielbergs "Catch Me If You Can", wo Leonardo DiCaprio mit wundersamer Lässigkeit sich durchs Leben schummelt, in jede beliebige Rolle schlüpft und schließlich in schicker Uniform und einem Dutzend munterer Flugbegleiterinnen am Arm sich als Pilot bewährt. Tom Hanks hat in diesem Film den bodenständigen Bullen gespielt, der DiCaprio immer einen Schritt hinterdrein ist - im "Terminal" wird seine Behäbigkeit als Qualität entdeckt.

Mit schöner Unerschütterlichkeit richtet Viktor sich auf dem öffentlichen Gelände ein, profitiert von allen möglichen Verständigungsschwierigkeiten, schlurft morgens im Morgenmantel quer durch die blitzblanke Halle Richtung Waschraum, spart sich das Geld fürs erste richtige Mahl zusammen, indem er die Kofferkulis der eiligen Fluggäste zurückbringt.

Bis zu den Achseln

Der Film versteht sich, bei Spielberg nicht wirklich überraschend, als Familienunternehmen, auf jeder Ebene. Tom Hanks spielt seinen Robinson, den gestrandeten Überlebenskünstler Viktor als charmanten Hochwasserhosentyp: Ich habe ihn - den Akzent, die Bewegungen - nach meinem Schwiegervater gestaltet, gesteht Hanks, der bulgarischer Herkunft ist, und wenn er aufstand, zog er sich seine Hosen bis unter die Achseln hoch und lachte.

In der Gemeinschaft der Angestellten - Underdogs aus aller Welt, Deklassierte und Verfolgte, Erniedrigte und beleidigte - findet Viktor Zuflucht, Widerspruch, Motivation. Denn aus dem Überlebensversuch im Niemandsland ist schnell ein kleinkarierter Zweikampf geworden - der JFK-Sicherheitschef (Stanley Tucci) hat dem Niemand Navorski den Krieg erklärt. Es ist ein schöner Zufall, dass "Terminal" am gleichen Tag bei uns startet wie "Land of Plenty" von Wim Wenders - beide Filme liefen auch auf dem Filmfestival in Venedig -, der das Amerika der Ausgegliederten von der anderen Seite her beschreibt.

"Playtime als Modell"

Das Leben wird sich künftig von festen Orten lösen, in Transiträumen sich abspielen, prophezeien die Zukunftsforscher, Stadtplaner, Architekten. In Amerika, sagt Baudrillard neidisch, ist die Realität Fiktion und die Fiktion Realität. Bei Spielberg hat die Freiheit, die Fluidität, die das Terminal verheißt, auch einen düsteren Unterton - dann wird das Flughafengelände zu einem perversen Verwahrungstrakt, einem Luxus-Guantanamo. "Playtime" ist das Modell für dieses Kino, der legendäre Film von Jacques Tati - Tati und Chico Marx, erklären Spielberg und Hanks, waren unsere Vorbilder, auch die haben ihre Hosen ziemlich hochgezogen getragen.

Spielberg hat für seinen Film einen gigantischen Set konstruieren lassen, mit Panoramablick nach draußen, auf dem er sich souverän als Meister des Kamerakrans wie des Product-Placement bewährt. Die Perfektion wird ihm womöglich irgendwann zum Dilemma werden - immer wieder spürt man in seinen letzten großen Filmen eine Sehnsucht nach den kleinen, unspektakulären Momenten, aus denen das Kino letztendlich seine Vitalität bezieht - Momente wie jene, wenn im wahnwitzigen Taumel der Marx-Brothers-Filme sich Chico ans Klavier setzt und zu spielen anfängt, ganz weg von dieser Welt, und die Zeit hört auf zu fließen.

Irgendwann plumpst Viktor auch die Frau fürs Leben vor die Füße, die Flugbegleiterin Catherine Zeta-Jones, und er versucht, beider Lebenslinien zu koordinieren. I have to go, sagt die Frau. I have to stay, sagt der Mann. Die Story meines Lebens, sagt sie. Meine auch, sagt er. New York, schreibt Baudrillard, ist die Anti-Arche. "Auf die Arche brachte man die Tiere noch paarweise, um das Überleben der Gattung vor der Sintflut zu sichern. Auf diese Wunderarche wird jeder allein eingeschifft - ein jeder muss sich jeden Abend allein die letzten Überlebenden für die letzte Party zusammensuchen."

THE TERMINAL, USA 2004 - Regie: Steven Spielberg. Buch: Sacha Gervasi, Jeff Nathanson. Kamera: Janusz Kaminski. Schnitt: Michael Kahn. Musik: John Williams. Mit: Tom Hanks, Catherine Zeta-Jones, Stanley Tucci, Chi McBride, Diego Luna, Barry Shabaka Henley, Kumar Pallana, Zoë Saldana. UIP, 128 Minuten.

© SZ vom 6.10.2004 - Rechte am Artikel können Sie hier erwerben.
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