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"Du hast das Leben noch vor dir" auf Netflix:Stolz und Herzensgüte als Überlebensstrategie

Du hast das Leben noch vor dir

Ibrahima Gueye spielt den senegalesischen Waisenjungen Momo, der sich mit Madame Rosa, verkörpert von der großen Sophia Loren, anfreundet.

(Foto: Netflix/Netflix)

Edoardo Pontis Film zeigt die legendäre Sophia Loren als Madame Rosa - eine Holocaust-Überlebende, die auf die Kinder von Prostituierten aufpasst.

Von Annett Scheffel

Ein zwölfjähriger Waisenjunge aus Senegal, der einer alten italienischen Signora erst die Handtasche klaut und dann über Umwege in ihrer Obhut landet, das klingt nach einer Geschichte aus der Gegenwart der Flüchtlingskrisen. Tatsächlich aber stammt die Idee für diesen Film aus den Siebzigerjahren, aus dem Roman "Du hast das Leben noch vor dir" des französischen Autors Romain Gary, der im Pariser Einwandererviertel Belleville spielt und schon damals mit Simone Signoret verfilmt wurde. Der italienische Regisseur Edoardo Ponti hat die Geschichte nun in die Gegenwart und nach Apulien geholt, in die Hafenstadt Bari mit ihren Palmen, Betonpromenaden und dem buttrig warmen Sonnenlicht.

Die Themen, um die es Gary in den Siebzigern ging - das Aufeinandertreffen und gegenseitige Verständnis verschiedener Generationen, Kulturen und Traumata -, sind heute so dringlich wie damals. Im Mittelpunkt steht Madame Rosa, eine Holocaust-Überlebende, die auf die Kinder der Prostituierten im Viertel aufpasst. Für diese Rolle hat Ponti eine ganz besondere Hauptdarstellerin gefunden - seine Mutter. Sophia Loren, 86 Jahre alt, ist seit zehn Jahren das erste Mal wieder in einem Spielfilm zu sehen. Als toughe, warmherzige Signora steht sie ganz im Mittelpunkt, obwohl die Geschichte eigentlich aus der Perspektive ihres charismatischen Co-Stars erzählt wird: Ibrahima Gueye spielt den senegalesischen Waisenjungen Momo.

Seit ihren klassischen Komödien mit Vittorio De Sica hat man Sophia Loren in vielen Rollen italienischer Frauen gesehen: Sie kann sprunghaft sein und verführerisch, mütterlich, glamourös, aber auch düster. In "Du hast das Leben vor dir" scheinen all diese Facetten noch einmal aufs Neue durch. Loren spielt die Madame Rosa mit einer charmanten Mischung aus Beharrlichkeit und Erschöpfung. Auch Rosa war früher Prostituierte, jetzt ist sie eine alte Frau, ein bisschen abgehalftert, aber immer noch schön und mit aufrechtem Gang. Etwas anderes als Stolz und ein wenig Herzensgüte ist ihr als Überlebensstrategie in den ärmlichen Vierteln, in denen sie ihr Leben verbraucht hat, nicht geblieben.

Und Rosa ist geschwächt. Von einer Herzkrankheit und den quälenden Erinnerungen an Auschwitz, unter deren Eindruck ihr langsam der Verstand zu entgleiten droht. Loren vermag es, das zusammenzubringen: seelische Gebrochenheit und ungebrochene physische Präsenz, amerikanischen Kritikern fiel dafür immer wieder das Wort "königlich" ein. Ganz falsch ist das nicht. Aber Loren gibt auch viel von ihrem natürlichen Humor in die Figur. Und ihren neapolitanischen Tonfall. Vollmundig klingt das und warm. Und es erdet das ansonsten durch und durch melodramatisch konstruierte Drehbuch.

Alle sind verbunden in einem Milieu aus Armut und Kleinkriminalität

Denn natürlich nähern sich der Waisenjunge und die Signora nach dem holprigen Start an. Momo, der sich anfangs vor allem dafür interessiert, möglichst viel Geld mit dem Gras zu machen, das er für einen Drogendealer auf den Straßen von Bari verkauft, wird tief hineingezogen in Madames unkonventionelle Familie: die Kinder der Prostituierten, die Transgender-Nachbarin, der muslimische Ladenbesitzer. Sie alle sind verbunden in einem Milieu aus Armut und Kleinkriminalität - und in ihren Erfahrungen als Bürger zweiter Klasse. Die Kinder verstehen zwar nicht, was die Nummer bedeutet, die auf Rosas Arm tätowiert ist, aber sie verstehen das Gefühl der Schwere, das sie umgibt.

Edoardo Ponti hat diesen Film von Anfang an für Netflix gedreht. Er versucht, daraus ein Melodrama zu machen, das sich ein bisschen in beiden Welten bewegt: in der Arthouse-Welt und jener der glatten, leichter verdaulichen Netflix-Produktionen. Neorealistische Traditionslinien sind im Drehbuch zwar grob angelegt, aber die verschiedenen sozialen Konflikte werden eher in kleinen Dosen beigemischt als auserzählt. Stattdessen konzentriert sich Ponti auf den emotionalen Kern: Von der unwahrscheinlichen Freundschaft zwischen dem Jungen und der alten Frau erzählt er mal mit Hang zur Sentimentalität, mal mit aufrichtiger Empathie. Für den Anfang eines langen Winters des Abstandhaltens ist so eine Geschichte der Annäherung aber vielleicht genau das Richtige. Und Sophia Loren sowieso.

La vita davanti a sé, Italien 2020 - Regie: Edoardo Ponti. Buch: Ugo Chiti, Edoardo Ponti. Kamera: Angus Hudson. Schnitt: Jacopo Quadri. Mit: Sophia Loren, Ibrahima Gueye, Renato Carpentieri, Iosif Diego Pirvu, Abril Zamora, Babak Karimi. Auf Netflix, 94 Minuten.

© SZ/kni

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