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Film:Schweigen ist ein Skandal

Die Dokumentation "Kongo Tribunal" läuft vor Ort; die Zuschauer kennen das Grauen, von dem der Film handelt. Und sind fasziniert von dem Stück.

Milo Rau (rechts) und Kollegen im Ostkongo.

(Foto: Foto: Fruitmarket, Langfilm & IIPM/Bertschy)

Bunte Tücher bedecken die Leichen. 35 tote Körper liegen im Massengrab. Ein junger Mann deutet auf eine Stelle: "Hier drunter sind die Babys". Der Schweizer Regisseur Milo Rau stößt die Zuschauer mitten ins Grauen. Der Massenmord ist 2014 im ostkongolesischen Dorf Mutarule geschehen. Weder die Armee noch die Friedenssoldaten der Vereinten Nationen sind den Menschen zur Hilfe gekommen, obwohl sie nur wenige Kilometer von Mutarule stationiert waren. Weshalb?

Diese Frage treibt Rau in seinem Dokumentarfilm "Das Kongo Tribunal" um. Eher zufällig sind die Morde in den Film gerutscht. Rau war damals in der Gegend und recherchierte für sein eigentliches Thema: die Kriegswirtschaft mit Rohstoffen. So bezeichnet er den Handel mit den Bodenschätzen aus der Demokratischen Republik Kongo.

Die Zuschauer in Goma lieben das Stück. Sie wollen mehr davon haben. Und sie wollen reden

Das Urteil fällt nun klar aus bei der Filmpremiere in Goma, der Großstadt im Osten des Kongo: Internationale Firmen ergattern Rohstofflizenzen, damit Elektronikkonzerne westlichen Konsumenten billige Handys und Laptops verkaufen können. Wie der Staat die Lizenzen vergibt, bleibt undurchsichtig. Gleichzeitig streiten Milizen um die Macht in den Minengebieten. Sie stehlen, vergewaltigen, morden. Polizei und Armee schauen zu, oder machen gar gelegentlich gemeinsame Sache mit den Kriminellen. So bleiben die Kongolesen im Elend. Da nützt es wenig, dass manche Bergbaufirmen hier eine Schule, dort ein Krankenhaus bauen.

Die Goldmine in Twangiza und die Kassiteritmine in Bisie liegen idyllisch zwischen sanften Hügeln. Die Bilder, aus der Luft aufgenommen, lassen die Zuschauer bei der Filmpremiere aufatmen. Welch ein Naturparadies! Felder, Ziegen, Frieden. Doch der Schwenk zurück in den Gerichtssaal straft diese Gedanken Lügen. Bisie und Twangiza stehen als Beispiele für den Konflikt zwischen Bergbaufirmen und Bevölkerung. "Sie haben mich aus der Mine vertrieben, ich habe nichts mehr", klagt ein Schürfer. Eine Dorfbewohnerin fordert ihre Hütte zurück. Eine andere erzählt, dass die Tiere sterben, wenn sie aus dem See trinken.

Ähnlich wie in den früheren Werken "Moskauer Prozesse" und "Zürcher Prozesse" inszeniert Rau im Kongo-Tribunal ein symbolisches Strafverfahren mit echten Richtern, Anwälten, Opfern und mutmaßlichen Schuldigen. Das Tribunal tagte 2015 zuerst in der kongolesische Stadt Bukavu, später in Berlin. Mehr als 60 Zeugen, Politiker, Vertreter von internationalen Konzernen und Menschenrechtler erklärten vor der Kamera ihre Sicht der Dinge. Das Projekt kostet rund eine Million Euro. Zahlreiche kulturelle und bildungspolitische Institutionen aus Deutschland und der Schweiz haben einen Beitrag geleistet.

Mal Mine, mal Massenmord. Es geht etwas durcheinander im Kongo-Tribunal. Manches gerät auf gruselige Weise komisch. Weshalb die Polizei das Morden in Mutarule nicht verhindert hat? Der Innenminister der Provinz Süd-Kivu erklärt: "Solche Verbrechen geschehen leider oft in der Nacht." Ob die Polizei nur tagsüber arbeitet? "Die Polizisten sind gerade auf Fortbildung", ergänzt der Gouverneur. 250 Zuschauer johlen bei der Filmpremiere.

Der Innenminister, der Minenminister und der Gouverneur der Provinz mussten inzwischen zurücktreten. Die Kongolesen verlieren die Geduld. Im Dezember hätten sie einen neuen Präsidenten wählen sollen. Doch Amtsinhaber Joseph Kabila verschleppt die Abstimmung. Die Inflation galoppiert. Schule, Lebensmittel, Benzin können viele kaum noch bezahlen.

Die Filmaufführung kommt Vital Kamerhe daher gerade recht. Der frühere Weggefährte und jetzige Rivale des Präsidenten schimpft auf die Regierung und verspricht, alles besser zu machen. Milo Rau schaut etwas verkniffen, als sein Gast Wahlkampf macht. Aber sie kennen sich nun mal von den Dreharbeiten. Im Film erzählt Kamerhe den Kongolesen, dass der weiße Mann gekommen ist, um das Unrecht zu dokumentieren, das ihnen geschieht. Und dann werde er den Menschen im fernen Europa die Wahrheit sagen.

Das will Rau in der Tat, wenn das KongoTribunal im August auf dem Filmfestival in Locarno läuft. "Sechs Millionen Tote und nur Schweigen, seit Jahrzehnten, das ist ein Skandal", empört er sich. Im November kommt der Film in die Kinos. Spätestens dann hofft Rau auf einen Aufschrei. Irgendwie muss den Menschen im Kongo geholfen werden. Vielleicht sollten alle Fairphones kaufen? Aber dazu hat sich selbst Rau noch nicht durchgerungen.

Der Aktivist Fidèle Bafilemba kämpft seit Jahren gegen illegale Rohstoffgeschäfte im Kongo. Er fordert Respekt für sein Land: "Wir haben ein größeres wirtschaftliches Potenzial als Europa und die USA zusammen." Bafilemba hat selbst mitgewirkt im Film, glaubt aber nicht, dass die Dokumentation zum Wohl der Bevölkerung beiträgt. Die weltweit größte UN-Mission, Hilfsorganisationen, niemand habe es bisher geschafft, die Akteure im Rohstoffgeschäft zum Umdenken zu bewegen. Wie sollte das einem Film gelingen? "Das Geld für den Film ist zum Fenster hinausgeschmissen. Man hätte es lieber den Opfern als Mikrokredite gegeben", sagt Bafilemba. Er fehlt bei der Premiere. Sie würde ihn nur wütend machen. Der Aktivist braucht seine Energie für andere Gefechte.

Das Kongo-Tribunal ist der Versuch, eine komplizierte Krise in 100 Minuten auf einzelne Akteure zu beziehen. Das Bild bleibt aber unvollständig. Welche Rolle spielen etwa die Nachbarländer des Kongo, über die der Rohstoffschmuggel läuft? Und die Entwicklungshelfer? Haben sie dank der Misere nur einen gut bezahlten Job, oder nützt ihre Arbeit den Kongolesen? Sind die Menschen nur arme Opfer? Können sie nicht selbst etwas ändern? Immerhin durchzieht die Korruption im Kongo den Alltag in allen sozialen Schichten wie eine Krake.

Den Zuschauern in Goma sind solche Fragen erst einmal egal. Sie lieben das Tribunal. Sie wollen mehr davon haben. Am liebsten für jeden Mord, jede Vertreibung, jede Ungerechtigkeit. Die Menschen wollen reden. Sie wollen die mächtigen Männer endlich einmal klein sehen.

Einer wie Milo Rau versteht das sofort. Er verspricht, an mehreren Orten Tribunale mit der Bevölkerung zu organisieren. Natürlich werden das wieder fiktive Gerichte sein, nichts als Symbole. Und Seelenmassagen für ein geschundenes Volk.

© SZ vom 31.07.2017

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