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Volksbühne:Kirschkompott im Kopf

Die Inszenierung von Marius Schoetz  Sisyphos âĦ findet aufgrund der Corona Pandemie nicht auf der Buehne der Volksbuehne statt, sondern als Film. Proben und Dreh in Rummelsburg im April 2021.

Sisyphos (Jia Lim, Zweite v.r.) will mit ihren Gefängniskumpels ausbrechen, die Wärter haben was dagegen.

(Foto: David Baltzer)

Der Musicalfilm "Sisyphos" an der Berliner Volksbühne ist ein sympathisches Projekt, endet leider im totalen Durcheinander.

Von Christiane Lutz

In Marius Schötz' Hirn muss es ziemlich bunt und chaotisch zugehen. So wie in einem dieser Träume, in denen man völlig selbstverständlich mit dem Mathelehrer an der Copacabana Cocktails trinkt, bevor man mit ihm einen Kriminalfall löst. Ob man das verstörend oder total unterhaltsam findet, muss man selbst entscheiden.

So ähnlich funktioniert "Sisyphos - oder wie man dem FBI einen Deal vorschlägt", ein "Musicalfilm", den sich Regisseur und Komponist Marius Schötz an der Berliner Volksbühne ausgedacht und umgesetzt hat (zu sehen auf der Webseite der Volksbühne). Zusammengefasst: Hier überwiegt das Chaos. In endlosen zweieinhalb Stunden präsentiert Schötz einen Traum, aus dem es kein Entkommen gibt, auch wenn der Ausschaltknopf auf der heimischen Couch natürlich verführerisch nahe liegt.

Worum es angeblich geht: Der antike Held Sisyphos (hier eine Heldin, Jia Lim) fällt in göttliche Ungnade und muss ins Gefängnis. Dort trifft sie auf vier Insassen, Disko (Carolin Knab), Bomo (Jella Haase), Allazzo (Paula Kober) und Anne (Theo Trebs), deprimierte Clowns, die ihre gemeinsame Flucht planen und die überrumpelte Sisyphos mitnehmen wollen. Aber dann geht es plötzlich um einen Häkelklub, der ins Kino geht. Dann um eine gekränkte Schauspielerin. Um einen verirrten Falken, der sich verliebt. Um Grieß- oder Kirschkompott, flankiert von simplen, musicalartigen Melodien: "Du warst ein teenage boy in London und ich war solo in Rio und zusammen warn wir nie sowieso wegen unsrer wall of silence". Dass keiner wirklich singen kann, ist egal, darum geht es hier nicht.

Es ist klar, was die Idee war: Ein trashiger Mashup sämtlicher visueller Unterhaltungsformen, ein ironisches Musical mit den filmischen Mitteln des Theaters. Im Film stecken antikes Drama, Commedia dell' Arte, Frank Castorfs Backstage-Kamera, etwas Doku-Theater, bisschen Brecht, bisschen Zirkus, Schlager-Show, Samstagabend-Trampolin-Show, Musikvideo-Ästhetik der 90er-Jahre, die Musical-mitsing-Nummer, der Shakespeare-Monolog, Rap in Autotune, Sturm und Drang, der "Tatort", eine Berliner Hipster-WG, bisschen Wagner und ein paar alpenländische Klänge. Hilfe, Synapsenbrand!

Diese Brechungen mit allen Erwartungen im Sekundentakt, die einem klarmachen, wie sehr man es sich in seinen Sehgewohnheiten gemütlich gemacht hat

Es ist ein großer Irrtum zu glauben, nur, weil man selbst Gaudi bei etwas hatte, haben auch alle Gaudi, die zuschauen. Und: Viele gute Dinge zusammenzuwerfen, hat noch nie dazu geführt, dass am Ende was noch viel Besseres rauskommt. Pizza und Pasta sind lecker, Pasta-Pizza ist trotzdem keine gute Idee. So kommt an der Volksbühne kein Best-of, sondern ein worst of all worlds raus.

Was fehlt: Jemand, der nur ein wenig Ordnung in die Bude bringt, mal durchfeudelt. Den Ideen Raum gibt. Denn bei diesem Projekt hätte etwas Originelles rauskommen können, es ist Originelles drin: Der Shakespeare-Monolog von Anne (sehr gut: Theo Trebs) vermischt Alltagsquatsch mit englischer Sprache: "I am so unheilbar in meine Solo Zeit verliebt, That I bark at dogs as they halt by me to form a Rudel." Die Kostüme (Florian Kiehl) sind extravagant, die "Tatort"-Melodie, interpretiert auf Trompete und Alphörnern, hat was. Und beim Finale, einer melancholisch-mehrstimmigen Gesangsnummer, nach dem missglückten Gefängnisausbruch (ging es eigentlich darum?), nimmt sich der Regisseur Zeit, einen Gedanken zu Ende zu führen, wo er sonst Haken schlägt, abbricht, umschwenkt. Die guten Momente wirken eher wie Zufallstreffer in einem Bilder-, Sound- und Referenz-Kuddelmuddel.

Marius Schötz studierte klassische Komposition, Gesang und Schauspielregie. Seine Arbeiten sind immer eigenwillig, konventionelle Formen interessieren ihn nicht. "Bouches les rouges" etwa war eine experimentelle Oper, die er gemeinsam mit dem Ensemble erst während der Proben entwickelte und komponierte. Sich frei zu machen von jedweder Erwartung, das ist natürlich sympathisch. So ist das Interessanteste an "Sisyphos" auch das: Diese Brechungen mit allen Erwartungen im Sekundentakt, die einem klarmachen, wie sehr man es sich in seinen Sehgewohnheiten gemütlich gemacht hat. Geht es darum? Vielleicht. Das wäre dann doch wenig.

"Nach der Reise wusste ich: Das größte Glück besteht in der Betrachtung", sagt Sisyphos am Ende: Vielleicht gibt Schötz hier eine Gebrauchsanweisung für seine Projekte mit. Dazu passt: "Wenigstens gibt's Schmerzen jetzt und Gefühle für uns alle zusammen." Wenn's nur nicht so wehtun würde.

© SZ/eye
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