bedeckt München 22°
vgwortpixel

Film:Marathon ins Glück

Brittany Runs a Marathon; Brittanys run

Ja, dies ist ein Vorher-Bild – wenn Brittany (Jillian Bell) erst einmal losläuft, wird eine schnittige New Yorkerin aus ihr.

(Foto: Jon Pack)

Paul Colaizzo folgt einer Frau auf ihrem Weg zur Traumfigur so überzeugend, dass Amazon sofort die Rechte kaufte.

Abnehmen macht glücklich. Ja wirklich! In Paul Colaizzos Selbstfindungskomödie kann man der am Anfang dicken und unglücklichen Heldin dabei zusehen, wie sie Kilo um Kilo verliert und dabei immer selbstbewusster, schöner und zufriedener wird. Darauf eine Tüte Chips!

20 bis 25 Kilogramm soll Brittany abnehmen, sonst verfette ihre Leber, warnt ein Arzt, dem sie eigentlich ein Medikament als Aufputschmittel zum Partymachen abschwatzen wollte. Das sei das Gewicht eines Sibirischen Huskys, kalkuliert Brittany und explodiert fast: "Ich soll mir einen mittelgroßen Arbeitshund weghungern?!"

Dass "Brittany Runs a Marathon" Spaß macht, trotz des zweifelhaften Frauen- und Körperbildes, liegt an genau solchen Dialogen und der Komödiantin Jillian Bell ("Girls' Night Out"), die die undisziplinierte Dicke einfach hinreißend spielt. Brittany ist ja nicht einfach nur dick, sie ist in jeder Hinsicht aus der Form. Sie ist pleite, kommt ständig zu spät, ihre Wohnung ist ein Chaos und ihr Kühlschrank ist ihr bester Freund. Selbst die Bilder des Films wirken am Anfang irgendwie grieselig, so weich und undefiniert wie seine Hauptfigur.

Wenn Brittany im Film also losläuft - oder vielmehr: losschlurft und -schleicht, dann aus purer Verzweiflung. Den inneren Schweinehund, den sie dabei spazieren führt, muss man sich dinosauriergroß vorstellen. Aber Brittany möchte nicht mehr die vordergründig lustige, tatsächlich unglückliche, einsame Dicke sein. Weshalb sie erst einmal um den Block joggt, dabei verzweifelt New Yorker Passanten umkurvt, sich dann zu einem regelmäßigen Lauftreff überreden lässt, bis sie sich - was für ein Ziel! - schließlich für den New York Marathon anmeldet.

Ob ihr das Laufen Spaß macht, sieht man dabei leider nicht. Die Endzwanzigerin will dünn sein, einen guten Job und eine Familie. Und weil ihre Träume, ihre Selbstzweifel und finanziellen Sorgen nicht wenige Zuschauer teilen, wirkt Colaizzos Regiedebüt so sympathisch. Beim Sundance Festival wurde "Brittany Runs a Marathon" gefeiert, und Amazon Prime Video kaufte die Rechte an der Indie-Produktion für spektakuläre 14 Millionen Dollar.

Ob das auch geklappt hätte, wenn Brittany durch Wassergymnastik (bei Übergewicht sehr zu empfehlen!) zu sich selbst gefunden hätte? Aber Marathon-Filme sind ja fast ein eigenes Untergenre des Sportfilms geworden, weil dem Marathon der Nimbus der ultimativen Herausforderung anhaftet - die in diesen Filmen fast immer Menschen mit massiven Defiziten annehmen: Menschen jenseits der Fünfzig (die Gelenke!) oder mit chronischen Krankheiten. Wenn sie einen Marathon durchstehen, ist das jedesmal ein Stellvertreter-Sieg: Im Dauerwettbewerb unserer neoliberalen Leistungsgesellschaft zeigen sie, dass für wirklich jeden, auch für die Schwachen, ein Gewinnen jederzeit möglich ist.

Im gesellschaftlichen Wettbewerb hatte Brittanys eigentlich schon verloren, durch ihr Dünnerwerden ist sie plötzlich wieder im Spiel. Männer halten ihr die U-Bahn-Türe auf; Brittany hat sogar ein Date. Ein paar Rückschläge gibt es, weil Dünnsein, das weiß der Regisseur natürlich auch, Glück nun mal nicht garantiert. Von diesen Schlenkern abgesehen, aber steuert Brittany mit jedem Laufschritt ihrer Selbstermächtigung entgegen. Die Story ist, so ähnlich jedenfalls, passiert. Wenn sie dann noch gut ausgeht - wer möchte da protestieren.

Brittany Runs a Marathon - USA, 2019. Regie, Buch: |Paul Downs Colaizzo. Kamera: Seamus Tierney. Schnitt: Casey Brooks. Mit: Jillian Bell, Michaela Watkins, Alice Lee, Micah Stock. Verleih: Amazon, 104 Minuten.

© SZ vom 25.10.2019
Zur SZ-Startseite