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"Alle Farben des Lebens" im Kino:Weil sie ein Junge ist

Alle Farben des Lebens

Ray, gespielt von Elle Fanning, fühlt sich im Mädchenkörper als Junge.

(Foto: Tobis Film)

Die Oma ist lesbisch, die Mutter Single und die Tochter steht kurz vor der Hormontherapie: "Alle Farben des Lebens" erzählt von einem kunterbunten Frauenhaushalt in New York.

Filmkritik von Martina Knoben

Nach der amerikanischen Präsidentschaftswahl beklagten vor allem New Yorker, dass sie in einer "Blase" gelebt hätten. Ebendiese Blase, in die sich liberale Intellektuelle und links-ökologische Akademiker zurückgezogen hätten, um angeblich pausenlos über die Rechte diverser Minderheiten zu debattieren, wurde dann für den Sieg Trumps mitverantwortlich gemacht.

Die britische Regisseurin Gaby Dellal konnte davon nichts wissen, als sie ihre Komödie "Alle Farben des Lebens" drehte. Sie erzählt von einem Frauenhaushalt in New York: eine Frau ist transgender, eine straight, zwei sind lesbisch. Das könnte nun aussehen wie ein ironisches Porträt dieses Milieus, ist allerdings von so wunderbaren Darstellerinnen geprägt, dass man es nur liebenswert finden kann.

Im Original heißt der Film schlicht "Three Generations". Enkel, Mutter, Großmutter und deren Partnerin leben unter einem Dach. Und allein dieses Haus, ein typisches Townhouse in East Village, wirkt mit seiner lässig stilvollen Einrichtung und der Kokosnussmilch-Eiscreme im Kühlschrank wie der Inbegriff der "Blase". Hier köcheln die Frauen im eigenen Saft. Eigentümerin ist Oma Dolly (Susan Sarandon), eine lebenslustige Matriarchin, die früher Jazzmusiker gemanagt hat und mit ihrer Lebensgefährtin Frances (Linda Emons) nun am liebsten ihren Ruhestand genießen würde. Allerdings lebt Dollys Tochter Maggie (Naomi Watts) noch bei ihr, eine mädchenhafte Frau in den Vierzigern, die ihren mittlerweile 16-jährigen Sohn Ray (Elle Fanning) allein großgezogen hat und schon länger Single ist. Frischluft in dieses Biotop bringt nun Ray hinein, der früher Ramona hieß, transsexuell ist und fest entschlossen, bald eine Hormontherapie zu beginnen.

Für den Zuschauer ist das alles sehr lustig, weil Gaby Dellal, die mit Nikole Beckwith auch das Drehbuch geschrieben hat, die komischen Aspekte dieses Zusammenlebens in schöne Pointen gießt und diese temporeich, mit viel Rhythmusgefühl inszeniert. Das klingt zum Beispiel so: "Warum kann sie nicht einfach lesbisch sein?" (Dolly) - "Weil sie ein Junge ist." (Maggie) "Aber sie steht auf Mädchen und kriegt immer noch ihre Periode." - "Er! Er kriegt immer noch seine Periode." Dass es tatsächlich wohl kein Spaß ist, ein Junge im Körper eines Mädchens zu sein, wird nicht verschwiegen. Dennoch behält der Film durchgehend den Komödienton bei. Dem Thema Transsexualität wird das nicht ganz gerecht, aber es ist erfrischend, dass eine sexuelle Orientierung deutlich jenseits der Norm mal nicht zum Drama wird.

Jede der drei Generationen wird durch ihr Tempo und ihre Bewegungen charakterisiert. Ray wirkt auf nervöse, auch männliche Weise dynamisch, er verkörpert ein einziges verzweifeltes "Vorwärts!". Die beiden Großmütter sind gesetzter, dabei kämpferisch-dominant und mit einem köstlichen Hedonismus gesegnet. Maggie, die Generation dazwischen, ist sehr feminin, etwas verhuscht und passiv. Einmal bricht sie im Haus zusammen und Frances steigt ungerührt über sie, so als wäre ihr Körper auf dem Fußboden das Normalste auf der Welt.

Die Darstellerinnen sind das reine Vergnügen, der beste Beleg dafür, dass wirklich alle Farben des Lebens, jedes Alter, jede sexuelle Orientierung, jede Variante von Weiblichkeit ihren Reiz hat. In dieser Riege großartiger Schauspielerinnen fällt Elle Fanning noch einmal besonders auf. Ray ist kein Kind mehr und noch kein Erwachsener; er ist kein Mädchen, ein Junge aber auch nicht. In diesem Dazwischen ist Elle Fanning hinreißend. Weil er noch nicht volljährig ist, braucht Ray für seine Hormontherapie das Einverständnis beider Eltern, was schwierig ist, weil Maggie keinen Kontakt zum Vater ihres Kindes hat. Dem Sohn zuliebe müssen die Frauen schließlich ihre Komfortzone unter Dollys Dach verlassen. Sie fahren aufs Land, wo Craig mit seiner neuen Familie lebt.

Wenn Maggie, Dolly und Frances in ihrem uralten Auto dorthin aufbrechen, hat das Expeditionscharakter. Und für Ray ist die väterliche Seite Amerikas ohnehin Neuland. Der Gegensatz von Stadt und Land, der ja auch im Zusammenhang mit der Wahl Trumps ausführlich diskutiert wurde, wird im Film genüsslich ausgemalt. Hier das kunterbunte Frauenhaus, das sich über verwinkelte Treppen und mehrere Stockwerke in die Höhe zieht, dort die traditionelle Kleinfamilie in einem Bungalow, der sich ebenerdig breitmacht. Gegeneinander ausgespielt werden die Gegensätze nicht - das ist schön. Wenn Ray mit seiner Hormontherapie Erfolg hat, ist das Haus in East Village ohnehin bald kein Frauenhaus mehr.

Three Generations/About Ray, USA 2016 - Regie: Gaby Dellal. Buch: Nikole Beckwith, G. Dellal. Kamera: David Johnson. Schnitt: Joe Landauer. Mit: Elle Fanning, Naomi Watts, Susan Sarandon, Linda Emond, Tate Donovan, Matthew Sam Trammell. Tobis, 93 Min.

© SZ vom 12.12.2016/cag

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