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Film:Kommt a Vogerl geflogen

SCHLAFE, MEIN PRINZCHEN - Ein musikalischer Abend von Franz Wittenbrink im Berliner Ensemble

Andreas Lechner, hier als Chorleiter Obermayer, hat die Inszenierung fürs Kino aufbereitet.

(Foto: Barbara Braun)

Franz Wittenbrinks theatrales Missbrauchsdrama im Kino

Ein leichter musikalischer Abend und so ein heikles Thema wie Kindsmissbrauch in Erziehungsanstalten - das ist nicht einfach. Franz Wittenbrink schreckt das nicht, zumal er über eigene Erfahrungen verfügt. In den Sechzigerjahren war er Chorknabe bei den Regensburger Domspatzen und hat daher, wie er in diversen Talkshows erläuterte, die Züchtigungspraktiken der katholischen Kirche hautnah miterlebt. Sexuelle Übergriffe blieben ihm erspart. Seine Erinnerungen an ein "ausgeklügeltes System sadistischer Strafen verbunden mit sexueller Lust" (Programmheft) brachte er vor knapp einem Jahr unter dem Titel "Schlafe, mein Prinzchen" auf die Bühne des Berliner Ensembles. Andreas Lechner, der in einer Doppelrolle mitspielt, hat die Inszenierung aufgezeichnet und fürs Kino aufbereitet.

Wittenbrink verwendet sein bekanntes Muster, reiht populäre Songs, Volkslieder und sakrales Liedgut rund um sein Thema. Anfangs toben die Buben zum Stones-Klassiker "Satisfaction" durch ein dunkles, gotisch anmutendes Kirchenschiff. Aber Präfekt Fortner (Thomas Wittmann) stoppt den "amerikanischen Krach", lässt "Gaudeamus" anstimmen. Und los geht es mit den Schikanen, dem die überwiegend von Schauspielerinnen gespielten Chorknaben ausgesetzt sind: Beschimpfungen und körperliche Züchtigungen. Vieles ist nur schwer erträglich, nicht allein des Themas wegen, sondern weil Wittenbrink Kitsch nicht scheut, etwa wenn die gequälten Buben "Kommt a Vogerl geflogen" anstimmen, und dabei sehnsüchtig in die Ferne blicken. Das ist einfach platt. Nicht erstaunlich, dass die Lehrer zu reinen Karikaturen mutieren. Aber es gibt in der zweiten Hälfte des Abends, die sich der Reformpädagogik der Siebzigerjahre widmet, auch vergnügliche Szenen, etwa wenn Schulleiter Gernot Bofinger (Veit Schubert) Franz Josef Degenhardts "Spiel nicht mit den Schmuddelkindern" interpretiert. Ansonsten sind die Grenzüberschreitungen ähnlich grauenhaft, auch wenn im dunklen Wald alles locker und freizügig wirkt. Echte Betroffenheit freilich stellt sich auch hier nicht ein.

Schlafe, mein Prinzchen, Dienstag, 1.3., 20.30 Uhr, Filmtheater Sendlinger Tor; Samstag, 5.3., 15 Uhr, Sonntag, 6. 3. , 13 Uhr Ostentor Kino, Regensburg

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