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Film:Komm und sieh!

(Foto: Verleih)

Von PHILIPP STADELMAIER

"Lacht ihr etwa?", feixt das Kind mit der Stimme eines Greises. "Das Lachen wird euch bald vergehen." Der groteske Kindsgreis adressiert seine Worte an das Publikum von Elem Klimows antifaschistischem Kriegsfilm "Komm und sieh" aus dem Jahr 1985, der nun wieder im Kino läuft und Ende November auf DVD und Blu-ray erscheint. Er adressiert sie auch an die Hauptfigur des Sowjetklassikers, den Bauernjungen Florja (Alexei Kraw- tschenko). Der zieht 1943 das Gewehr eines begrabenen Soldaten aus weißrussischer Erde und schließt sich, entgegen dem Flehen seiner Mutter, den Partisanen im Kampf gegen die Deutschen an. Anfangs lacht er noch manchmal, er ist ja (noch) ein Kind. Bis ihm das Lachen vergeht und auch sein Gesicht so verhärtet ist wie das eines alten Mannes.

Klimow selbst hat als Kind die Belagerung von Stalingrad miterlebt. In seinem letzten Spielfilm zeigt er den Kampf gegen die Nazis und deren Verbrechen aus Kindesperspektive. Woran (wie in den Filmen Andrej Tarkowskis) die ganze Natur partizipiert. Nach einem Bombenangriff auf ein Waldlager träumt Florja von einem Storch und einer Frau, die im Regen tanzt. Später nimmt er nach einem Massaker der Deutschen in seinem Heimatdorf die Leichen seiner Familie nicht wahr, sondern rennt an ihnen vorbei ins Moor, das ihn bedeckt, fast verschluckt. Erde, Wasser, Feuer, Luft - alle Elemente werden eingespannt.

Am Ende sperren die Deutschen die Bewohner eines Dorfes in eine Scheune und zünden sie an. Ein menschlicher Scheiterhaufen, begleitet vom unmenschlichen Lachen der Faschisten. Man denkt an Coppolas "Apocalypse Now", der Krieg als wahnsinnige Phantasmagorie inszeniert. Bei Klimow handelt es sich eher um eine dröhnende, traumatische Reizüberflutung: Krieg ist zu laut, zu grausam, ein Dauerkopfschmerz. Es gibt Gräuel, die einen den Verstand verlieren lassen, wenn man sie sieht und hört. Und Filme, die diese Erfahrung nachvollziehen, wie "Komm und sieh", der jetzt wieder gesehen werden kann und unbedingt gesehen werden sollte.

© SZ vom 24.10.2020
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