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Interview am Morgen: Film und Klima:"Es werden immer noch riesige Kulissen aus Styropor gebaut"

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Der Arbeitskreis Green Shooting hat "eine wirksame und messbare Vermeidung von CO₂-Emissionen und Umweltbelastung" zum Ziel. Bei Kino- wie Fernsehproduktionen.

(Foto: dpa)

Die Filmindustrie ist nicht klimafreundlich. Carl Bergengruen will das mit seinem "Arbeitskreis Green Shooting" ändern. Ein großer Kampf.

Das Kino soll klimafreundlicher werden, das Fernsehen auch: Am heutigen Montag stellt der Arbeitskreis Green Shooting sein Projekt vor, 100 Filme und Serien wollen die Mitglieder - die Filmfirmen Bavaria, Constantin, Ufa, die Fernsehsender ARD, ZDF, RTL und Sky, Verbände und Filmförderanstalten - in Selbstverpflichtung nachhaltig drehen. Geleitet hat den Arbeitskreis die Medien- und Filmgesellschaft Baden-Württemberg (MFG), Carl Bergengruen ist ihr Geschäftsführer.

Interview am Morgen

Diese Interview-Reihe widmet sich aktuellen Themen und erscheint von Montag bis Freitag spätestens um 7.30 Uhr auf SZ.de. Alle Interviews hier.

SZ: Im Moment reden alle davon, dass es Green Shooting geben soll. Wann haben Sie mit dem Arbeitskreis angefangen - und was sind bisher die Ergebnisse?

Carl Bergengruen: Der Arbeitskreis wurde 2017 von der MFG gegründet, mit großen Produktionsfirmen, TV-Sendern, Filmförderern und Filmverbänden. Es ist der erste Versuch, gemeinsam als Branche Klimaschutzmaßnahmen zu implementieren - von der Filmförderung bis zum Dienstleisterverband, der dafür sorgt, dass die benötigten energiesparenden Geräte auch zur Verfügung stehen. Gemeinsam arbeiten die Mitglieder auf eine flächendeckende ökologisch nachhaltige Filmproduktion hin. Und jetzt verpflichten sie sich, 2020 und 2021 ein enormes Produktionsvolumen auch tatsächlich nachhaltig herzustellen. Wir wissen aus Frankreich, dass die dortige Film- und TV-Branche so viel CO₂ emittiert wie die gesamte Telekommunikationsbranche.

Wie soll das aussehen?

Alle Produktionen müssen drei Kriterien erfüllen: Sie brauchen professionelle Beratung, eine CO₂-Bilanzierung, und ein Abschlussbericht ist Pflicht. Es gibt 13 weitere Kategorien, zehn davon müssen erfüllt werden - Ökostrom, emissionsreduzierte PKWs und LKWs, Verzicht oder sehr weitgehende Reduktion von Dieselgeneratoren, Einwegbatterien, umweltschädlichen Substanzen und Flugreisen, Verwendung von energiesparenden Leuchtmitteln, Mülltrennung, nachhaltiges Catering ... Die Mitglieder des Arbeitskreises verpflichten sich, 100 Produktionen fürs Kino und fürs Fernsehen nach diesen Kriterien herzustellen - unter anderem sechs Daily Soaps, beispielsweise "Gute Zeiten, Schlechten Zeiten" und 17 Serien, 20 "Tatorte" und "Polizeirufe" und einige Kinoproduktionen - wir bekommen immer neue Anmeldungen.

Was hoffen Sie denn, bei einer Produktion einsparen zu können?

Die MFG hat einen CO₂-Rechner für die Filmbranche entwickelt und anhand einer "Tatort"-Folge des SWR untersuchen lassen, wie viel CO₂ Emissionen man einsparen kann. Das Ergebnis dieser Studie war: fast die Hälfte. Aber das erfordert eine Umstellung des Produktionsprozesses, der alle Bereiche umfasst. Bahn fahren statt fliegen, Appartements statt Hotels, LED-Lampen statt herkömmlicher Scheinwerfer. Baumaterial spielt eine Rolle - es werden immer noch riesige Kulissen aus Styropor gebaut und dann weggeworfen, obwohl es umweltfreundlichere Alternativen gibt.

Gibt es einen Unterschied zwischen Kino und Fernsehfilmen?

Nicht zwischen TV- und Kinoproduktionen - es gibt einen Unterschied zwischen Dreh im Studio und Drehs vor Ort. Draußen ist es immer noch schwerer, Dieselgeneratoren zu vermeiden oder nur mit energiesparenden Lampen auszukommen. Und es passiert auch irgendwo in der Pampa viel eher, dass beim Dreh mal Tausende Plastikbecher weggeworfen werden.

Sie wollen aber niemandem verbieten, auf den Antillen zu drehen, wenn das fürs Drehbuch erforderlich?

Wir verbieten gar nichts. Aber wenn man schon auf den Antillen dreht, kann man auch da die Umweltfolgen reduzieren. Statt eine große Crew ständig hin- und herfliegen zu lassen, kann beispielsweise eine kleine Crew durchgehend vier, fünf Monate vor Ort arbeiten.

Carl Bergengruen

Carl Bergengruen hat den Arbeitskreis Green Shooting geleitet und will CO₂-neutrale Filme.

(Foto: MFG)

Und dann wird es ja auch noch das Zertifikat geben, das schon vergangene Woche angekündigt wurde.

Der Arbeitskreis hat 2019 ein Konzept für ein Zertifikat entwickelt, mit dem nach klaren Kriterien Produktionen ausgezeichnet werden, die besonders ökologisch nachhaltig hergestellt wurden. Auf dieser Grundlage baut jetzt das neue Zertifikat des Bundeskulturministeriums und der FFA auf. Damit kann ein Film oder eine Serie beworben werden. Einige der 100 Filme und Serien werden sich sicherlich um das Zertifikat bewerben. Die Kriterien für das Zertifikat sind zwar ähnlich wie bei der Nachhaltigkeitsinitiative, aber sie werden noch strenger ausgelegt.

Haben Sie eine Vorstellung davon, was Sie mit der Initiative erreichen können?

Eine wirksame und messbare Vermeidung von CO₂-Emissionen und Umweltbelastung. Aber wir wollen mit der Selbstverpflichtung auch Erfahrungen sammeln, was noch verbessert werden kann.

Die Verwertung betrifft das alles noch nicht - die Frage, was Streaming und Kino zur Nachhaltigkeit beitragen könnten.

Nein. Beides ist energieintensiv, und der Energieverbrauch der Kinos hat massiv zugenommen, seit Filme nicht mehr von Zelluloid abgespielt werden, sondern von der Festplatte. Das hat Kinoprojektoren zu Stromfressern gemacht. Unter ökologischen Gesichtspunkten ist die technische Entwicklung in die falsche Richtung gelaufen. Wir brauchen eine neue Generation von Projektoren. Und Streaming ist auch nicht besser. Die Nutzung des Internets verursacht weltweit die gleiche Belastung wie der Flugverkehr. Mehr als die Hälfte des Datenvolumens des Internets fällt beim Streaming von Videos auf Netflix, Youtube und so weiter an.

© SZ vom 24.02.2020/khil
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