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"Holidate" auf Netflix:Ist das noch gut?

Links die Nichte von Julia Roberts, rechts ... vergessen. Jedenfalls spielen beide die Hauptrolle in "Holidate".

(Foto: Steve Dietl/Netflix)

Nimmt sie den Schnuffelarzt oder den freiheitssüchtigen Golfer? Vom Netflix-Chartstürmer "Holidate" sollte man zunächst nur ganz vorsichtig probieren.

Von Juliane Liebert

Je länger Netflix existiert, desto mehr wird der Streamindienst wie ein alter Küchenschrank, den man jahrelang nicht aufgeräumt hat. Solche Schränke sehen harmlos aus, aber in ihnen liegen grauenvolle Dinge verborgen. Dinge fernab der Vorstellungskraft. Niemand weiß, ob sie noch essbar sind. Sind sie schon immer da oder erst seit zwei Wochen?

"Holidate", die romantische Komödie, die gerade an der Spitze der Netflixcharts steht, wirkt zuerst wie so ein Fundstück. Die Frage ist, ob es noch verzehrbar ist. Es wurde zwar laut Verpackung erst dieses Jahr produziert, aber bei näherer Betrachtung muss der Regisseur das Script in den Neunzigern gefunden haben.

Die Handlung: Eine blonde, attraktive Frau (Sloane) trifft einen brünetten, attraktiven Mann (Name schon wieder vergessen) und (Ist Ihnen eigentlich klar, dass wir alle sterben werden? Jeder einzelne von uns?) beide sind Single, was vor allem Sloanes Familie blöd findet.

Diese Familie (Sehen Sie auch manchmal alte Filme und denken daran, dass jeder einzelne Mensch in diesen Filmen lange tot ist?) versucht Sloane mit einem netten jungen Arzt von nebenan zu verkuppeln. Nein, nein, keine Angst, keiner von diesen Ärzten, die da draußen rumlaufen und einen eventuell anstecken könnten, weil sie arbeiten müssen, obwohl sie Corona haben. Es ist stattdessen ein attraktiver, netter, virenfreier Schnuffelarzt.

Sloane und ein Brünetter treiben in einem tödlichen Strudel auf eine Beziehung zu

Doch Sloane geht lieber einen Deal mit dem Brünetten ein: Sie werden ab jetzt die Feiertage für den anderen jeweils das platonische Date sein, damit Familie und Freunde nicht rummosern können. Das heißt, sie werden Weihnachten, Silvester, Ostern, Halloween und alle anderen emotional aufgeladenen Tage im Jahr miteinander verbringen. Sehr viel Alkohol trinken und ausgelassen feiern. Aber sie werden sich auf keinen Fall verlieben! Niemals! Unter keinen Umständen! (Wenn man lebendig begraben wird, muss man versuchen, langsam zu atmen, damit die Luft im Sarg möglichst lange reicht. Dann hat man ein paar Stunden.) Von dieser Ausgangssituation treiben die beiden in einem tödlichen Strudel auf eine romantische Zweierbeziehung zu.

Dabei wandelt sich der Blick von ... wie auch immer der Brünette heißt ... über zwei Stunden hinweg langsam von maskulin-skeptisch zu überaus zärtlich. Er sieht aus, als hätte man sein Gesicht eingeweicht. Ginge der Film auch nur zwanzig Minuten länger, würde der Brünette anfangen, selig zu sabbern.

Mit dem Gesichtsausdruck ändert sich auch sein Innenleben - er erkennt nämlich jetzt, dass seine Karriere als Golfer und seine Sehnsucht nach Freiheit große Fehler waren. Warum? Warum nicht! Immerhin wird Sloane von Julia Roberts' Nichte gespielt. Wer würde sich nach zweimal Sex mit der Nichte von Julia Roberts nicht nach dem Altar sehnen?

Aber nicht nur Sloane und ihr Holidate werden eines Tages sterben, Pardon, zusammen glücklich werden. In "Holidate" werden auch alle anderen glücklich! Sloanes Tante findet die wahre Liebe (den Schnuffelarzt), der Schnuffelarzt findet die wahre Liebe (Sloanes Tante), Sloanes Ex findet die wahre Liebe (ein blutjunges Model). Wahre Liebe für alle!

Okay, ein Nebencharakter wird mit einem Herzinfarkt irgendwo in einer Nebenhandlung einfach vergessen. Er heißt Wally. Wally war eigentlich der Einzige im Film, der sich nicht wie ein Vollidiot verhalten hat. Gerechtigkeit für Wally!

Zur Verzehrbarkeit der ganzen Angelegenheit: Im Zweifelsfall einfach mal ausprobieren. Wenn man sich hinterher übergeben muss, war's nicht mehr gut. Wenn man es ohne Schäden übersteht, ist man eventuell unsterblich. Wie die wahre Liebe. Würg.

© SZ vom 07.11.2020/khil
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