Film-Festival goEast Der Esprit der Hoffnungslosen

Krieg und Totalitarismus: Beim Festival des osteuropäischen Films dominieren schweren Stoffe. Doch es kommt nicht auf die Realität an, sondern darauf, was man aus ihr macht.

Von Paul Katzenberger

Das Leben in Osteuropa ist schwieriger aber auch spannender als im Westen - was gleich zwei gute Voraussetzungen für interessantes Kino schafft. Eine Gelegenheit, dies zu erleben, besteht nun schon seit acht Jahren in Wiesbaden, wo seit 2001 das goEast-Festival für den ost- und mitteleuropäischen Film im April seine Pforten öffnet.

Wenn echte Liebe nur auf dem Klo möglich ist: Zoltán Mucsi (rechts) und Kamilla Fátyol im ungarischen Thriller "Tablo."

(Foto: Foto: Magyar Filmunió)

Es dürfte in Deutschland zwar Orte geben, die leichter einen geistigen Bezug zu den östlichen Nachbarländern herstellen als diese behagliche westdeutsche Landeshautpstadt, doch vielleicht liegt gerade in diesem Kontrast der Reiz des Festivals: Es präsentiert das Filmschaffen dieser Weltregion einem staunenden Publikum, das die spannenden Filme sonst kaum zu Gesicht bekäme. Denn obwohl das osteuropäische Kino vor Kreativität strotzt und sich beim eigenen Publikum teilweise besser gegen Hollywood behauptet als etwa der deutsche Film hierzulande, kommt kaum ein Film aus Georgien, Tschechien oder Russland in den deutschen Verleih.

Verschmitzte Komik

Zu den wenigen, die es regelmäßig in deutsche Kinosääle schaffen, zählt das tschechische Vater-Sohn-Gespann Zdenek und Jan Sverák, die hier zuletzt im vergangenen Jahr mit "Vratné Lahve" (Leergut) zu sehen waren. Dennoch ist das Oscar-gekrönte Erfolgsduo (1996 für "Kolja") in Deutschland praktisch unbekannt, während es nur wenige Kilometer weiter östlich zu den absoluten Superstars des Filmgeschäfts zählt.

Inkognito durch die Wiesbadener Innenstadt zu wandeln, war für Schauspieler und Drehbuchautor Zdenek und den Regisseur Jan Sverák daher sicher einmal ganz angenehm, und auch das deutsche Publikum kam auf seine Kosten. Denn bei einem gewitzten Zwiegespräch zwischen Vater und Sohn war die verschmitzte Komik ihrer Filme live erlebbar.

Doch das war nur einer der wenigen leichtfüßigen Momente des diesjährigen goEast-Festivals, dem es darum wohl nicht gelungen sein dürfte, Osteuropas Filmkultur in Deutschland zu popularisieren.

Demokratischer Fortschritt

Zwar stellte die künstlerische Leiterin Swetlana Sikora erneut einen anspruchsvollen Wettbewerb zusammen, und auch die Nebenreihen des Festivals boten ein reiches Konzentrat der jüngsten Highlights des osteuropäischen Kinos. Doch die Filmemacher der Region stecken inzwischen voll in der Aufarbeitung ihrer schwierigen Vergangenheit: "Hauptthema in diesem Jahr ist die filmische Auseinandersetzung mit Krieg und Totalitarismus", hatte Festivalleiterin Nadja Rademacher gleich beim Auftakt angekündigt.

In dem kasachischen Wettbewerbsbeitrag "Podaruk Stalinu" (Ein Geschenk für Stalin) behandelte Regisseur Rustem Abdrashov beispielsweise erstmals die sowjetischen Massendeportationen in sein Land. So sehr der gut gemachte Film als demokratischer Fortschritt für das immer noch totalitär regierte Kasachstan gelten muss, so schwer tut er sich allerdings mit dem seichten Massengeschmack der deutschen Spaßgesellschaft.

Doch schwere Stoffe fördern die künstlerische Ambition: Mit seinem Wettbewerbsbeitrag "Tablo" (Tableau) erinnerte der ungarische Regisseur Gábor Dettre in Wiesbaden beispielsweise an Sidney Lumet. Wie der amerikanische Altmeister hat auch der Budapester den Glauben an die Gerechtigkeit verloren: "Tablo" ist nicht nur ein düsterer Thriller, sondern auch ein komplexer Krimi mit Fingerzeigen auf den aktuell bestehenden Nationalismus und Rassismus in Ungarn.

Verstörende Gefühlskälte

Dettres Hauptakteur, der Roma und Polizist György Karcsi, grandios gespielt von dem Charakterdarsteller Zoltán Musci, ist dabei so widersprüchlich wie die ihn umgebende Gesellschaft. Einerseits sucht er zwar unerbittlich nach der Wahrheit, andererseits ist aber auch er der Lüge verfallen.

Auf den Spuren des Dogma-Stils präsentierte sich in Wiesbaden der russische Beitrag "Schultes". Regisseur Bakur Bakuradze gelingt es darin, den Zuschauer durch seinen reduzierten Stil in eine eigenartige Spannung zu versetzen - dabei geht es eigentlich nur um den kleinen Taschendieb Lescha.

Das Bild, das Bakuradze dabei von der modernen russischen Gesellschaft zeichnet, ist beunruhigend. Nur so lange Lescha seine verstörende Gefühlskälte aufrechterhalten kann, funktioniert sein armseliges Leben im trostlosen herbstlichen Moskau. Doch kaum findet er am Schluss des Filmes erstmals Zugang zu seinen Emotionen und handelt menschlich, ist seine Existenzberechtigung schon erloschen.

Lesen Sie auf der zweiten Seite, welche osteuropäischen Regisseure das Zeug zum Kult haben.