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Film:Ein Oscar zweiter Klasse

"Dumm, beleidigend und erbärmlich verzweifelt": Die Academy of Motion Picture Arts and Sciences will die Oscar-Verleihung modernisieren. Das ist auch höchste Zeit. Mit den jetzt verkündeten Maßnahmen verrät die Akademie aber ihren eigenen Daseinszweck.

Von Jürgen Schmieder

Langweilig und irrelevant. Das sind die beiden Adjektive, die in den vergangenen Jahren häufig bei der Beschreibung der Oscarverleihung benutzt worden sind. Wenn es um Hautfarbe und Geschlecht der Nominierten und Ausgezeichneten sowie Hautfarbe und Geschlecht der meisten Mitglieder der Academy of Motion Picture Arts and Sciences ging, gab es auch noch schlimmere Wörter, rassistisch und sexistisch zum Beispiel. Wenn es allerdings um die unterhaltsamen Elemente dieses Abends ging, der ja der bedeutsamste der Unterhaltungsindustrie sein soll, dann hieß es: langweilig und irrelevant.

Die amerikanische Filmakademie bemüht sich seit Jahren, Selbstverständlichkeiten tatsächlich als selbstverständlich hinzunehmen, etwa dass eine Frau einen ebenso tollen Film drehen kann wie ein Mann, dass ein Afroamerikaner einen großartigen Superhelden abgibt und dass jeder für die gleiche Arbeit die gleiche Entlohnung bekommen sollte. Sie kommt dabei aber meist derart ungelenk daher, als würde sie diese Selbstverständlichkeiten in Wirklichkeit doch verhindern oder zumindest so lange wie möglich hinauszögern wollen. In Wahrheit interessiert diese Akademie nur, was auch fast allen anderen Menschen in der Unterhaltungsbranche am wichtigsten ist: die Zahl der Zuschauer und die damit verbundenen Einnahmen.

83 Prozent des Jahresumsatzes von 148 Millionen Dollar generiert die Filmakademie über die Oscarverleihung, es sollen also auch künftig möglichst viele Leute einschalten, damit auch weiterhin Einnahmen garantiert sind. Bei der Veranstaltung im Februar waren es allerdings nur noch 26,5 Millionen Amerikaner, so wenige wie nie zuvor. Vor vier Jahren sind es noch 43,7 Millionen gewesen.

Die Akademie hat nun einen Drei-Punkte-Plan gegen Langeweile und Irrelevanz vorgestellt, und es sei gleich vorab gesagt, dass dieser Plan bei den meisten Cineasten für oscarwürdige Gesichtsverrenkungen sorgen dürfte. Erstens: Von 2020 an wird die Veranstaltung um zwei Wochen nach vorne verlegt. Zweitens: Die Veranstaltung soll künftig weniger als drei Stunden dauern, deshalb sollen die Preise für einige Kategorien während der Werbepausen vergeben und später zusammengefasst bekannt gegeben werden. Drittens: Es wird eine neue Kategorie eingeführt, die derzeit vage mit "achievement in popular film" umschrieben wird - frei übersetzt: ein Preis für besondere Verdienste im Mainstreamkino.

Die "New York Times" nennt die Maßnahmen "dumm, beleidigend und erbärmlich verzweifelt"

Das Ändern des Datums ist dabei noch am ehesten nachvollziehbar, weil es die sogenannte "Awards Season" verkürzen dürfte. Wer in Los Angeles wohnt und sich ein bisschen mit der Unterhaltungsindustrie beschäftigt, der weiß, dass die Leute quasi von November bis Februar von Ehrung zu Ehrung hecheln und dass selbst Stars, die auch die unbedeutendsten Statuen stolz im Wohnzimmer ausstellen, genervt sind vom Händeschütteln und Klamottenvorführen und Gute-Laune-Heucheln auf den Verleihungen und den anschließenden Partys.

Auch das Verkürzen der Verleihung, die in diesem Jahr (ohne die Übertragung vom roten Teppich) knapp vier Stunden gedauert hat, klingt auf den ersten Blick sinnvoll. Bei den Grammy Awards der Musikindustrie gibt es zwischen der Verleihung der Preise Auftritte von Künstlern, die auch mal gesellschaftlich relevante Themen ansprechen wie der Rapper Kendrick Lamar in diesem Jahr. Oder zumindest gute Showeinlagen, die den Preisverleihungsmarathon wenigstens ein bisschen auflockern, für die geladenen Gäste genauso wie für die Fernsehzuschauer weltweit. Die Emmy Awards der TV-Branche sind wegen des Erfolgs der Streamingportale mit ihren Serien die popkulturell fast relevantere Veranstaltung. Ähnlich wie die Golden Globes, bei denen neben Kinofilmen auch TV-Formate ausgezeichnet werden und bei denen die Stars entspannt beim Champagner zusammensitzen. Die Academy Awards sind glamourös, deshalb aber auch stocksteif. Die Akademie begründete ihre Relevanz immer unter anderem damit, dass bei den Oscars eben auch Maskenbildner, Komponisten und Tontechniker geehrt und damit die verschiedenen Aspekte der Filmkunst gefeiert werden. Es ist jedoch kaum vorstellbar, dass künftig bei der gekürzten Veranstaltung die Glamour-Preise in die Werbepasue verlegt werden. Streichkandidaten sind wohl eher die Ehrungen für die besten Kurzfilme oder die sogenannten Nebenkategorien - also für jene Leute, die von der Verleihung tatsächlich mehr profitieren als die etablierten Stars. Mit dieser Entscheidung gibt die Akademie ihre Rolle als Bewahrer der Filmkunst zugunsten höherer Einschaltquoten auf. Das führt thematisch zu jener neuen Blockbuster-Preiskategorie, welche die Filmkritikerin Manohla Dargis von der New York Times bereits als "dumm, beleidigend und erbärmlich verzweifelt" bezeichnet hat. Es stimmt schon: Wer nicht Filmwissenschaft studiert oder den Großteil seiner Abende im Kino verbringt, der hat beim Betrachten der (bereits auf zehn erhöhten) nominierten Filme vielleicht schon mal festgestellt, dass er von den meisten noch nie etwas gehört hat. Das führte immer wieder zur entscheidenden Frage über die Vergabe von Preisen in der Kunst: Was ist das eigentlich, ein guter Film? Und wer bestimmt überhaupt darüber, was ein guter Film ist? Die Akademie führt nun also eine Kategorie für kommerziell erfolgreiche Filme ein, obwohl es dafür ja schon zwei Messmöglichkeiten gibt: die Zahl der Zuschauer und die daraus resultierenden Einnahmen. Die Akademie hat sich stets gerühmt, eben keine hanebüchenen Sparten zu führen wie zum Beispiel die MTV Movie & TV Awards, die Preise für den besten Kuss, den besten Kampf und den besten Bösewicht vergeben.

Selbst wenn die in der Kategorie kommerziell erfolgreicher Filme nominierten Werke auch als "Bester Film" ausgezeichnet werden können, so ist die Botschaft doch fatal: Die noch immer bedeutendste Filmakademie der Welt behauptet, dass ein Superhelden-Film wie zum Beispiel "Black Panther" - vom schwarzen Regisseur Ryan Coogler und mit den schwarzen Darstellern Chadwick Boseman, Michael B. Jordan und Lupita Nyong'o - derart geringe Chancen auf einen Sieg hat, dass es in Zukunft eine zusätzliche Kategorie braucht.

Die Academy of Motion Picture Arts and Sciences möchte sich verändern. Das ist auch dringend notwendig. Mit zwei der drei geplanten Maßnahmen allerdings verrät sie sogar ihren Namen, weil diese verdeutlichen, dass es der Filmakademie weder um Kunst noch um Wissenschaft geht. Es geht ihr offensichtlich ausschließlich darum, möglichst berühmte Leute in möglichst schicken Klamotten vorzuführen.

© SZ vom 10.08.2018
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