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Film:Die junge Kunst hat Hunger

Credit?
Weimar L-Brooks
SSchlichter

Starke Frauen in Schwarz-Weiß: Louise Brooks und Speedy Schlichter in dem Film "Tagebuch einer Verlorenen" von 1929.

(Foto: Foto: Deutsche Kinemathek; G.W. Pabst Archiv)

Die Deutsche Kinemathek würdigt das Kino der Moderne. Die Ausstellung ist auch eine Hommage an die flirrende Metropole Berlin und zeigt das ungeheuere Potenzial, das Deutschland mal hatte.

Über hundert Jahre hinweg schauen sie uns an, die Menschen der Weimarer Republik: Ein Mann in Arbeitskleidung, mit Schiebermütze und schwerer, aber locker geschulterter Last. Ein Industrieller mit ins Leere gehendem Blick, die Hände zu einer frühen Version der Merkel-Raute gefügt. Eine junge Frau, die ihr kritisch blickendes Antlitz auf den eingeknickten Fingern ihrer Hände ruhen lässt. Eine ältere Dame mit in sich gekehrtem Lächeln unter der schwarzen Hutkappe. Die Belichtungszeiten sind noch recht lang, den Schnappschuss gibt es noch nicht. In der Konzentration der Blicke wirken die Männer und Frauen oft streng, manchmal sogar grimmig.

All dies sind Fotos von August Sander, der die Menschen des 20. Jahrhunderts katalogisiert hat, und von Hans G. Casparius, dem als Standfotograf auf den Filmsets sehr intime, einfühlsame Porträts gelungen sind. Aber auch jede Menge Selbstinszenierungen, die in den hypermodernen Photomaton-Automaten entstanden sind, um die sich damals die Menschen scharten, von denen auch mal mehrere in einem Automatengeschäft standen. Mit sich allein in der Kabine verlieren die Menschen ihre Scheu vor dem Apparat, sie wirken frei und ungekünstelt in ihrer teils hemmungslosen Selbstinszenierung, auch nach dem Vorbild der bewunderten Filmstars.

Es geht um die Wechselwirkung zwischen einer sich rasant verändernden Welt und dem Kino

Und dazwischen eine elegante, junge Dame, deren finsterer Blick von einem schwarzen Spitzenschleier verhangen ist. Verrucht wirkt sie, und ein wenig gefährlich. Sie trägt den bizarren Namen Speedy Schlichter und war die Muse und das Model, die Ehefrau und die Domina des Künstlers Rudolf Schlichter, der sich für seine Neigungen schämte und sie in seiner Kunst sublimierte. In ihrem Blick und ihrer Erscheinung verdichtet sich vieles, was die Zeit ausmacht, die Sorge um die Zukunft in unsicheren Zeiten, die Lust am Spiel mit den Geschlechterrollen, der Hang zum Verruchten und Halbseidenen im pulsierenden Nachtleben der Metropole. Und damit ist man auch schon mittendrin in einer Ausstellung, die unter dem Titel "Kino der Moderne" den Film der Weimarer Republik würdigt, 100 Jahre nach ihrer Gründung. Das für die Kunst der klugen Vernetzung bekannte Ausstellungshaus der Berliner Kinemathek am Potsdamer Platz ist die zweite Station der zusammen mit der Bonner Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland konzipierten Schau. Nicht einfach nur ums Kino geht es hier, sondern um die komplexen Wechselwirkungen zwischen einer sich rasant verändernden Welt und der noch jungen Kunst des Films, darum wie sie aufeinander reagieren, sich gegenseitig inspirieren und beflügeln.

Es geht um die Wechselwirkung zwischen einer sich rasant verändernden Welt und dem Kino

Hungrig verschlingt die junge Kunst alles, was ihr unter die Linse kommt, verleibt sich alles ein, was genauso jung und modern und ungesichert ist wie sie selber. Sie ist neugierig auf alles, was in der Welt passiert, in Literatur, Musik, Architektur, Mode und Wissenschaft. Das neue Bauen und das Design des Bauhauses findet sich in den Innenausstattungen der Filmwohnungen wieder, die Ideen der Psychoanalyse tauchen in den stürzenden Kulissen des "Dr. Caligari" auf, "Die Geheimnisse einer Seele" manifestieren sich in albtraumhaften Doppelbelichtungen und frenetischen Schnittfolgen, ebenso wie die Traumata des Ersten Weltkrieges in "Flucht" und "Zuflucht".

Auf 800 Quadratmetern in drei Etagen erwacht im Zusammenspiel von Filmausschnitten, Fotos, Modellen, Objekten, Dokumenten und den opulenten Szenenbildentwürfen und Kostümskizzen aus der Sammlung der Kinemathek noch einmal das ungeheure Potenzial, das Deutschland zwischen den beiden Weltkriegen hatte. Es sind die letzten Jahre der Unschuld, als in diesem irren Tanz auf dem Vulkan noch alles möglich war, bevor nach Hitlers Machtergreifung alle Hoffnungen im nationalsozialistischen Furor erstickt wurden. Nicht nur aus historischen, sondern auch aus sehr aktuellen Gründen lohnt es, über diese Zeit nachzudenken. Ein kleiner Raum ist auch der Entstehung der Fernsehserie "Babylon Berlin" gewidmet, die diesen zugleich historischen und gegenwärtigen Moment in den Babelsberger Filmstudios neu auferstehen lässt.

Die Geschichte des Films der Weimarer Republik ist auch eine Hommage an die flirrende Metropole Berlin, sie ist eine "Sinfonie der Großstadt" und eine Feier der "Menschen am Sonntag". Und eine Emanzipationsgeschichte: Die Haare und die Rocksäume werden gekappt, Frauen bekommen das Wahlrecht, sie senken ihre Blicke nicht mehr demütig, sondern schauen herausfordernd in die Welt. Mit der neuen Freiheit entstehen neue Berufe, neben Stenotypistinnen und Telefonistinnen auch die "Filmarbeiterinnen", denen in Berlin ein eigenes Kapitel gewidmet ist. 21 weibliche Filmschaffende werden da vorgestellt, neben berühmten Stars wie Leni Riefenstahl, Lotte Reiniger und Thea von Harbou werden vergessene gewürdigt, wie die Dokumentarfilmerin Ella Bergmann-Michel, die sich ihre Kamera auf Empfehlung von Joris Ivens kaufte, die Drehbuchautorinnen Jane Bess und Irma von Cube oder die Kinobesitzerin und Produzentin Liddy Hegewald. An einer Hörstation erzählen sie von ihren Kämpfen und Erfolgen. Immerhin rund zehn Prozent der Drehbücher schrieben damals die Frauen, viele ihrer Filme sind heute verschollen, mehr noch als von ihren männlichen Kollegen.

Und Speedy Schlichter? Die war ganz klassisch vor allem Muse und Modell. Dabei aber auch durchaus modern und selbstbewusst. In "Tagebuch einer Verlorenen" kann man sie in einer kleinen Szene als Schatten von Louise Brooks sehen. Und in einem Foto sind ihre Beine in den schwarzen Schnürstiefeln zu sehen, von denen Rudolf Schlichter besessen war.

Kino der Moderne. Film in der Weimarer Republik, Museum für Film- und Fernsehen, Berlin. Bis 13.Oktober, Katalog im Sandstein Verlag erschienen, 29 Euro. Infos unter: www.deutsche-kinemathek.de

© SZ vom 02.09.2019

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