Film "Der Untergang":Der kleinste gemeinsame Nenner

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Wie der neue Film von Produzent Bernd Eichinger versucht, Geschichte, Ideologie und Kino zusammenzubringen.

Von Tobias Kniebe

"Meine Herren, in hundert Jahren wird man einen schönen Farbfilm über die schrecklichen Tage zeigen, die wir durchleben. Möchten Sie nicht in diesem Film eine Rolle spielen?" Joseph Goebbels am 17. April 1945

Corinna Harfouch als Magda Goebbels: Ein Höchstmaß an Konzentration. (Foto: Foto: ddp)

Jetzt ist er also da. Mit Bangen erwartet, mit Entschlossenheit verwirklicht, mit Aufwand inszeniert. Es wurde auch, glaubt man Bernd Eichinger und seinen Mitstreitern, höchste Zeit. Weil alle Versuche, uns der Vergangenheit zu stellen, angeblich zu nichts geführt haben.

Ein Tremolo der Dringlichkeit durchzieht ihre Interviews, stets mit dem Hinweis versehen, man sei sich der Fallen sehr wohl bewusst gewesen. Von der Identifikation mit den Tätern ist die Rede, von der Gefahr, Hitler könne zu nett, zu bieder, zu harmlos erscheinen - eben zu sehr als Mensch. Nur ein Gedanke kommt dabei kaum zur Sprache: Dass die letzten Tage des "Dritten Reichs" bereits eine Inszenierung sind. Eine Inszenierung der Nazis mit Blick auf die Nachwelt.

"Es war ein Höchstmaß an Konzentration, Reflektion und Sorgfalt zu spüren. In jedem von uns gab es eine Verbindung zu dieser Geschichte." Corinna Harfouch

Was immer dieser Film ist, er ist nicht das Werk eines Einzelnen. Eine Menge kluge und begabte Menschen haben lange nachgedacht, mit ihren Zweifeln gerungen und dieses Unternehmen dann zu ihrem eigenen gemacht. Viele haben dabei Großartiges geleistet - allen voran Bruno Ganz, der es auf sich nahm, in der Person Adolf Hitlers zu verschwinden: In jedem Augenrollen, jedem Händezittern, jedem Lächeln, im Brüllen wie im Flüstern.

Oder Corinna Harfouch: Wie sie als Magda Goebbels einfach nur dasteht, während ihr Mann seine Waffe auf sie richtet, beim finalen Selbstmord des Ehepaars - das hat eine dunkle Entschlossenheit, die man lange nicht vergessen wird. Die Recherchen sind kaum angreifbar, die historischen Referenzen, von Joachim Fest bis zu Hitlers Sekretärin Traudl Junge, gesichert. Auch die Idee, Tabus und Bildverbote entschlossen über Bord zu werfen, hat etwas für sich. Es funktioniert nur eben trotzdem nicht.

"All das, worum es wirklich geht, wird weggeschnitten, und wo es anfängt, weh zu tun, bekommt man nur kleine Häppchen." Bruno Ganz zur Frage, wie man einen Hitler-Film nicht drehen sollte

Das ist schon der erste große Irrtum. Dass man, weil man lange so wenig zeigen durfte, jetzt so viel wie möglich zeigen muss. Jedesmal, wenn die Kamera das provisorische Feldlazarett unter der Neuen Reichskanzlei passiert, wird spektakulär an einem Soldatenbein gesägt; jedesmal, wenn man nach draußen ins halb zerstörte Berlin schneidet, hängt die Leiche eines "Verräters" am Laternenpfahl.

Vom Anspruch des Kinos und der Ökonomie des Erzählens

Und in der Szene, wo Magda Goebbels ihre sechs Kinder umbringt, wird sechsmal eine Giftkapsel in einen Kindermund geschoben, sechsmal ein Kiefer zusammengedrückt, sechsmal knackt eine Glasampulle. Das Argument, dass alles genauso war, mag stimmen - es zählt aber nicht. Denn der Anspruch des Kinos ist es seit jeher, seine eigene Ökonomie des Erzählens zu finden: Die Masse der Fakten zu betrachten und dann eine Auswahl zu treffen, eine Haltung zu offenbaren, eine erzählerische Intelligenz, einen Standpunkt. "Der Untergang" erzählt mit dem kleinsten gemeinsamen Nenner und dem größten möglichen Effekt - aber wer ist es überhaupt, der hier erzählt?

"Ich hatte mit Bernd den Deal, dass er meine letzte Instanz ist und sich die Muster anschaut, um mich auf mögliche Fehler hinzuweisen." Oliver Hirschbiegel

Oliver Hirschbiegel, der als Regisseur im Vorspann und Abspann steht, ist in diesen Tagen nicht zu beneiden. In den meisten Texten zum "Untergang" wird er entweder gar nicht erwähnt - oder so beiläufig, als sei seine Leistung etwa die eines Tontechnikers. Man muss davon ausgehen, dass Bernd Eichinger, Autor und Produzent, lange selbst Regie führen wollte - bis die Finanziers, mit Blick auf die Einspielergebnisse seines "Großen Bagarozy", abwinkten.

Da machte er seinen "Deal" mit Hirschbiegel: Ich brauche dich, aber ich werde dein Selznick sein. Ich werde jedes Kostüm, jede Kulisse, jeden Take persönlich abnicken. Will man also von der Vision des "Untergangs" reden, muss man wohl von Bernd Eichinger reden.

"Ich glaube, wenn der Film einen Wert hat, dann ist es der, dass er keine Wertung hat." Bernd Eichinger

Vielleicht ist Eichinger wirklich der große Naive des deutschen Films. Was meistens, wenn es um Kino geht, ja ein Vorteil sein kann: Jemand, der eine große Erzählung in den Eingeweiden spürt. Der Untergang des "Dritten Reichs" ist eine große Erzählung, keine Frage. Und Eichinger dachte wohl: Das zeigen wir jetzt exakt so, wie es wirklich war.

Aber jeder Kamerawinkel, jedes Zusammenfügen zweier Einstellungen, jede Großaufnahme ist immer auch Wertung - anders hat Kino nie funktioniert. Und wenn ein Film einem tragischen Ende entgegengeht, transportiert er eine handfeste Ideologie: Dass es nämlich ein Schicksal gibt, das sich unerbittlich erfüllen muss, unabhängig vom Akteur der Geschichte. Das klassische Genre hierfür ist übrigens das Melodram. Es war, aus naheliegenden Gründen, ein Lieblingsgenre der Nazis.

"Nein, ein Katastrophenfilm." Bernd Eichinger auf die Frage, ob der "Untergang" ein Melodram sei

Die Katastrophe ist in diesem Fall abstrakt, sie steht für die Gefahr an sich, einer Art großem Sieb, welches die Guten von den Bösen trennen soll - und die Überlebenden in einer Art Feier des Menschseins zusammenschweißt. Unter den Figuren im Führerbunker sucht das Zuschauerhirn eifrig nach den jenen, denen es das Überleben wünschen darf: Traudl Junge, die Sekretärin mit den arglosen Augen; General Weidling, der alte Haudegen, der Hitler unerschrocken die Meinung sagt; der Panzer sprengende Hitlerjunge, der aber noch ein Kind ist und also nicht ganz verloren; und sogar Albert Speer (Heino Ferch), der ein nettes Lächeln hat und die richtigen Sachen sagen darf: "Aber schonen Sie doch das Volk, mein Führer"; oder: "Die Kinder haben ein Recht auf ihre Zukunft".

"Eines Tages bin ich an der Gedenktafel vorbeigegangen, die für die Sophie Scholl an der Franz-Joseph-Straße befestigt war, und da hab ich gesehen, dass sie mein Jahrgang war und dass sie in dem Jahr, als ich zu Hitler kam, hingerichtet worden ist. Und in dem Moment hab ich gespürt, dass das keine Entschuldigung ist, dass man jung ist." Traudl Junge

Mit diesem Zitat endet der "Untergang". Die echte, die altgewordene Traudl Junge spricht es in einer Dokumentaraufnahme. Es ist der Moment des klassischen Erzählens, in dem die Heldin Erkenntnis erlangt und Verantwortung für ihr Schicksal übernimmt. Ein Moment, der ihrem Leben eindrucksvolle Tiefe gibt - aber nicht mehr dem Film. Da wirkt die Szene wie hilflos angeklebt.

"Ganz bewusst hat Hitler, mit klarem Blick auf die Historie, seinen Untergang geplant und dafür gesorgt, dass die ganze Zivilisation mit in den Orkus gezogen wurde." Bernd Eichinger

Wohl wahr. Wenn man das aber nur als große Erzählung sieht, nur einfach im Kino nacherzählt, aus einer übergeordneten Perspektive, möglichst eins zu eins - dann führt man auf einmal nicht mehr selbst Regie. Dann überlässt man den Job am Ende jenen, die schlussendlich doch mehr Massen bewegt, mehr Emotionen entfacht, größere Drehbücher geschrieben haben: Den Regisseuren des Dritten Reichs.

DER UNTERGANG, D 2004 - Regie: Oliver Hirschbiegel. Buch, Produktion: Bernd Eichinger. Kamera: Rainer Klausmann. Schnitt: Hans Funck. Mit: Bruno Ganz, Alexandra Maria Lara, Corinna Harfouch, Ulrich Matthes, Juliane Köhler, Heino Ferch. Constantin, 155 Min.

© SZ vom 15.9.2004 - Rechte am Artikel können Sie hier erwerben.
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