bedeckt München 13°

Film:Der innere Drachen

In seinem Zeichentrickfilm "Miss Hokusai" beschreibt Keiichi Hara den Ahnherren aller Manga und vielleicht einflussreichsten japanischen Künstler aller Zeiten durch die Augen seiner Tochter O-Ei.

Von Susan Vahabzadeh

Keiichi Hara huldigt mit seinem Zeichentrickfilm "Miss Hokusai" seinem Meister; andererseits tut das der japanische Zeichentrickfilm immer, manchmal gar unfreiwillig; die ganze Ästhetik ist eine Hommage an die Holzschnittkunst des 19. Jahrhunderts. Keiichi Hara hat es aber ein bisschen weitergetrieben - nicht nur, weil er die Geschichte von Hokusai erzählt und vor allem von seinen Töchtern.

Japanischer Anime lässt sich geradlinig zum Manga zurückverfolgen, wie auch Hokusai schon seine Bilder nannte; und dass er nun der berühmteste Stammvater dieser Kunst geworden ist, liegt nur zum Teil daran, dass seine Bilder - "Die große Welle bei Kanagawa" beispielsweise - schon zu seinen Lebzeiten, in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, in den Westen exportiert worden sind. Er ist aber auch in Japan ein bisschen berühmter als die anderen Vertreter seiner Zunft, als präziser Beobachter und Geschichtenerzähler ein bisschen besser als die anderen.

Katsushika Hokusai, in der Familie Tetsuzo genannt, ist kein besonders warmherziger Vater in dieser Geschichte, aber er ermutigt seine Tochter O-Ei zur Kunst, im 19. Jahrhundert eher ungewöhnlich. Sie arbeitet mit ihm in seiner Werkstatt - so viel ist sicher, es gibt sogar eine zeitgenössische Darstellung, die Hokusai und seine Kinder in der Werkstatt zeigen. Das sei gar nicht so ungewöhnlich, behauptet Keiichi Hara, wie einem das heute vorkommt, weil die einfachen japanischen Frauen der Edo-Zeit viel weniger eingezwängt gewesen seien in Rollenbilder als die Frauen in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts.

O-Ei, die Tochter Hokusais, hat tatsächlich in der Werkstatt ihres Vaters mitgearbeitet.

(Foto: AV-Visionen)

Hier lässt er sie jedenfalls einen Drachen fertigstellen, und das ist ein bisschen so, als müsste sie auch ihren eigenen inneren Drachen in den Griff bekommen, um zu malen wie der Vater. Die Familiengeschichte ist Fiktion, es gab zwar die Töchter, und O-Ei hat tatsächlich mit ihrem Vater zusammengearbeitet, aber das meiste haben sich Keiichi Hara und seine Drehbuchautorin Miho Maruo und Hinako Sugiura, auf deren Manga der Film basiert, ausgedacht. Die bekannten Eckdaten - das ärmliche Leben in Edo, die Bilder von Kurtisanen und die 36 Ansichten des Berges Fuji lassen ja viel Platz für die Fantasie. Waren wirklich alle 36 Bilder vom Vater, und hätte sich O-Ei nicht viel leichter getan mit den Kurtisanen . . .?

Die Gesichter in Keiichi Haras Film ähneln schon sehr stark den großäugigen Gestalten, die im heutigen Japan üblich sind, in den Totalen aber, in denen man Blumen und Bäume sieht oder die unordentliche Werkstatt, Skizzen am Boden verstreut, findet man oft den filigranen Stil der Vorbilder wieder, auch die Farben, die satt, aber nicht knallig sind.

Die Idee, eine Zeit aus ihrer Kunst wiedererstehen zu lassen, hatte auch Eric Rohmer einmal, in seinem Film über die Französische Revolution, "Die Lady und der Herzog", in dem der Hintergrund aus Gemälden besteht und nicht aus gebauten Kulissen; seine Begründung dafür war, dass wir uns ja sowieso immer nur ein Bild von einer Zeit machen und es akkurater sei, wenn dieses Bild von einem stammt, der sie tatsächlich erlebt hat. Da ist vielleicht etwas dran, Kulissen wirken oft sehr nachgemacht. In Haras Trick-Welt sind die ärmlichen, alten Häuser, durch die O-Ei streift, jedenfalls sehr real.

"Miss Hokusai" erzählt O-Eis Lebensgeschichte in Episoden, eine davon aber ist besonders wichtig. Es hat tatsächlich noch eine jüngere Tochter gegeben, und hier - es gibt dafür keinerlei Beleg - ist sie blind. Tetsuzo hat sie verstoßen, nur O-Ei besucht sie. Das ist als Fantasie über diese wenig mitfühlende Zeit vielleicht gar nicht so schlecht; und es spiegelt auch die Weltsicht in Hokusais Holzschnitten: Da ist der Mensch oft immensen Naturgewalten ausgeliefert, Spielball in einer Welt, die alleine entscheidet, wer leben darf und wer nicht. Die kleine Tochter ist zu schwach, eine Welle zu überstehen.

Miss Hokusai, Japan 2016 - Regie: Keiichi Hara. Drehbuch: Miho Maruo. Kamera: Koji Tanaka, Art Director: Hiroshi Ono und Yoshimi Itazu. AV-Visionen, 93 Minuten.

© SZ vom 20.06.2016

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite