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Film:"Das System funktioniert durch Demütigung"

Sie hat 21 Jahre lang gekämpft, um ihn aus dem Knast zu holen: Fox und Rob Richardson im Interview über den Film "Time".

Von Annett Scheffel

Sibil Fox Richardson und ihr Mann Robert sind dankbar. Das sagen sie zur Begrüßung am Telefon gleich mehrfach, in einem warmen, breiten Südstaatendialekt. Zum Beispiel dafür, dass man sich im weit entfernten Deutschland für ihre Geschichte interessiert. Fox und Rob, wie sie zu Hause in New Orleans genannt werden, sind herzlich, wählen ihre Worte aber mit Bedacht. Denn die Dokumentation "Time", die Regisseurin Garrett Bradley über sie gedreht hat, zeigt was die beiden durchgemacht haben. 21 Jahre lang hat Fox mit den Behörden der amerikanischen Strafjustiz um die Entlassung ihres Ehemannes gerungen. Die sechs gemeinsamen Söhne wuchsen ohne den Vater auf. 2018 kam Rob nach einer Prüfung seines Falles endlich frei.

SZ: "Time" ist trotz des großen gesellschaftlichen Bogens ein sehr intimer Film. Hatten Sie Bedenken, Ihre Geschichte mit so vielen Zuschauern zu teilen?

Fox Richardson: Ein Gefängnisaufenthalt ist immer mit sehr viel Scham verbunden. Das System funktioniert durch Demütigung. Ich habe mich geschämt, aber ich wollte auch kämpfen. Zu Beginn des Filmes sieht man mich als junge Frau vor der Videokamera. Das war 1998, kurz nachdem Rob ins Gefängnis gekommen war. Ich sitze da und sage diese großen Sätze: ,Alles wird gut. Ich weiß, dass er wieder zurückkommen wird.' Wenn ich mir das heute anschaue, frage ich mich schon, woher diese junge Frau den Mut und das Selbstvertrauen nimmt. Aber ich hatte auch keine andere Wahl: Ich war Mutter von vier Söhnen, hochschwanger mit Zwillingen, und alleine. Ich habe sehr früh begriffen, dass ich für meine Familie kämpfen muss. Und dass das bedeutet, meine Geschichte zu teilen. Auch als abschreckendes Beispiel für andere, lieber gar nicht erst mit dem amerikanischen Justizsystem in Berührung zu kommen.

Der Film verdichtet 21 Jahre in 81 Minuten. Wie fühlt es sich an, das jetzt zu sehen - als Vater, der so viel Zeit mit seinen Söhnen verpasst hat?

Rob Richardson: Das ist ein ambivalentes Gefühl. Für mich ist es fast so, als ob der Film die Zeit verlangsamen würde. Dabei ist mir noch einmal bewusst geworden, wie lange ich weg war. Ich war nicht dabei, als meine Kinder erwachsen geworden sind, als Fox von einer jungen Mutter zu einer Unternehmerin und Kämpferin gereift ist. Das ist bitter. Gleichzeitig ist es schön zu sehen, dass meine Frau so viele der Momente, die ich nicht mit meiner Familie teilen konnte, auf einem Beutel voller Videokassetten festgehalten und für mich bewahrt hat.

Dass aus Ihren Söhnen etwas geworden ist, macht sie statistisch gesehen zu einer großen Ausnahme. Wie sehr beschäftigt Sie die Frage, was das bedeutet, ohne Vater aufzuwachsen?

Fox Richardson: Wir haben Glück gehabt. Auch weil meine Familie zu mir gehalten hat. Andere alleingelassene Mütter haben nicht diese Art von Unterstützung - und keine Möglichkeit, sich aus ihren schwierigen Verhältnissen herauszuarbeiten. Sie können so gut wie nichts dagegen tun, dass ihre Kinder auf die schiefe Bahn geraten. Alleine schon die Erniedrigung, wenn du in der Schule erzählen musst, dass dein Vater im Gefängnis sitzt.

Filmstills

Fox und Rob Richardson in einem frühen, glücklichen, auf Video festgehaltenen Moment aus der Dokumentation „Time“.

(Foto: Amazon Studios)

Rob Richardson: Kinder von Inhaftierten haben keine guten Erfolgschancen. Deswegen bin ich so unglaublich stolz auf unsere Söhne. Sie haben es nicht nur geschafft, die übertreffen all unsere Erwartungen.

Fox Richardson: Unser ältester Sohn ist kurz davor, sein Medizinstudium abzuschließen. Der erste Arzt in unserer Familie; wir sind ganz aufgeregt.

Im Film sagen Sie, Fox, den Satz: "Erfolg ist die beste Rache." Würden Sie sagen, Sie haben so etwas wie Frieden mit dem gemacht, was Ihnen passiert ist?

Fox Richardson: Wir engagieren uns natürlich weiter, aber ja: Ich würde sagen, wir hatten unseren Triumph. Mal abgesehen von dem Wohlstand, den sich unsere Familie aufgebaut hat, meine ich damit aber auch etwas ganz anderes: Unser größter Erfolg ist, dass Rob und ich zusammengehalten haben. Wir wollten nicht, dass das passiert, was mit den allermeisten Familien passiert - dass wir auseinanderdriften, den Kontakt und das Vertrauen verlieren. Dagegen habe ich mich am stärksten gewehrt. Ich wollte das System nicht gewinnen lassen.

Sie bezeichnen sich in "Time" selbst als Abolitionisten. Ist die Inhaftierungspolitik in Bundesstaaten wie Louisiana eine Fortsetzung der Sklaverei?

Rob Richardson: Als jemand, der es selbst erlebt hat, kann ich sagen: Sklaverei und Masseninhaftierung sind verschiedene Namen für das gleiche System. Ein System, das besteht seit die ersten Siedlerschiffe an der amerikanischen Küste gelandet sind, das seit 400 Jahren aufrechterhalten wird. Schon immer wurden Schwarze für kleine Vergehen unverhältnismäßig hart bestraft, früher etwa, wenn Sklaven sich krank stellten, oder wenn sie in die Richtung einer weißen Frau geguckt haben.

Und heute?

Heute kommen wir ins Gefängnis, wenn wir wiederholt dabei erwischt werden, wie wir einen Schokoriegel klauen. Diese Art von Strafjustiz ist eine Art, schwarzen Menschen zu verstehen zu geben, dass sie ihren Lebensverhältnissen nicht entkommen können. Offiziell ist das alles längst aus den Bundes- und Länderverfassungen gestrichen. Aber wenn du als Schwarzer eine Straftat begehst, ist das wie eine Zeitreise zurück in die Vergangenheit: Anders kann man nicht erklären, warum in Louisiana der Anteil der schwarzen Gefängnisinsassen doppelt so hoch ist wie in der Bevölkerung.

War Ihnen die Gefahr bewusst, als Sie mit Mitte zwanzig eine Kleinstadtbank überfallen haben?

Fox Richardson: Wenn es mir nicht selbst passiert wäre, hätte ich es nie für möglich gehalten, dass so etwas in Amerika immer noch möglich. Als junge Collegestudentin in Louisiana habe ich bei den Wahlen für viele der Gesetze gestimmt, die sich später so brutal auf meine Familie auswirkten. Ich habe mich davon beeinflussen lassen, was sie uns erzählt haben, dass es um eine angemessene Strafe für schwere Verbrechen geht. Deswegen ist der Film so wichtig. Damit die Menschen wissen, was diese Gesetzte wirklich bedeuten. Dass man für einen Überfall, bei dem niemand verletzt wurde, zu 60 Jahren Gefängnis verurteilt werden kann. 60 Jahre - das ist ein ganzes Leben.

Ein Grund für die aufgeblähte Strafjustiz ist, dass sie viel Geld abwirft ...

Rob Richardson: Das ganze Land kommuniziert heutzutage fast umsonst, mit Mobilfunkverträgen, mit denen man unbegrenzt telefonieren kann. Aber als ich im Gefängnis saß, musste ich jedes Mal 3,25 Dollar bezahlen, wenn ich eine Viertelstunde mit meiner Frau telefonieren wollte. Und jede E-Mail kostete 30 Cent. Auch wenn dir deine Frau Geld schickt, behält der Staat einfach 10 Prozent davon, als Gebühr. Sie haben einen Weg gefunden, mit uns Geld zu verdienen. Genau wie damals mit den Sklaven.

Im Film sprechen Sie über den amerikanischen Traum. Glauben Sie nach all diesen Erfahrungen immer noch daran?

Fox Richardson: Gute Frage. Ich glaube, es gibt eben sehr viele verschiedene amerikanische Träume. Einer davon ist es, Festungen zu bauen, in die man Menschen einsperrt, und damit so profitabel zu werden wie ein mittelständisches Unternehmen. Und ein anderer ist es, sich über alle Hindernisse hinwegzusetzen, die einem als schwarze Familie in den Weg gelegt werden - und es zu einem Wohlstand zu bringen, den man an die nächste Generation weitergeben kann.

© SZ vom 17.10.2020

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