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Film: "Capote":Willkommen in der Truman-Show

Philip Seymour Hoffman balanciert zwischen Genie und Schwäche in Bennett Millers Film "Capote". Eine Geschichte von Zweifeln.

Susan Vahabzadeh

Er muss eine seltsame Gestalt gewesen sein, und damals, in den fünfziger Jahren, hätte er wahrscheinlich nirgendwo anders er selbst sein dürfen als in Manhattan.

Philip Seymour Hoffman als Truman Capote in dem Spielfilm "Capote" von Bennett Miller.

(Foto: Foto: Sony Pictures)

Dort war Truman Capote ein intellektueller Paradiesvogel, eine umschwärmte Literatur-Diva; überall sonst wäre er nichts gewesen als ein Außenseiter, einer über den sie flüstern hinter vorgehaltener Hand...

Der "Capote" in Bennett Millers Film ist Philip Seymour Hoffman auf den Leib geschrieben worden, obwohl er ihm gar nicht ähnlich sieht.

Er imitiert ihn nicht, er interpretiert ihn - und wenn nichts anderes an diesem Film funktionieren würde, dann wäre dieser Auftritt allein schon faszinierend genug für zwei Stunden: ihm einfach zuschauen, wie er diesen Mann aus kleinen Handbewegungen, Blicken, einer zittrigen Fistelstimme entstehen lässt und einen damit in eine Art emotionales Wechselbad taucht: Ist der Kerl nun charmant oder nervtötend, selbstbewusst oder eitel? Ist das was er tut in diesen zwei Stunden eine völlig normale Reaktion auf die schrecklichen Abgründe, die er vorfindet - oder ist es mies, menschliches Versagen, Verrat?

Porträt Capotes und einer Gesellschaft

"Capote" ist Porträt einer Person und einer Gesellschaft gleichermaßen. Es geht um die Arbeit an Capotes letztem Buch, "Kaltblütig". 1959 liest der Autor eine Geschichte in der Zeitung - in dem Kaff Holcomb in Kansas haben zwei junge Männer eine vierköpfige Familie in ihrem Haus überfallen, haben die Eltern und beide Kinder ermordet.

Capote will über den Fall schreiben, für den New Yorker. Es wurde am Ende ein Dokumentarroman daraus, der gefeiert wurde, als er Mitte der Sechziger endlich fertig war - aber auf der Höhe seiner Kunst hat Capote die Kraft verlassen zu schreiben. Wie sich die Zweifel an sich selbst und der Welt in sein Leben schleichen, davon erzählt dieser Film.

Capote macht sich auf in die trostlose graue Provinz für Recherchen, zusammen mit seiner engsten Freundin Nelle Harper Lee (Catherine Keener), die seine Egomanie und seine Eitelkeiten cool erträgt. Die Menschen aus dem Ort fühlen sich befangen in der Gegenwart dieses seltsamen Kerls, dem sie dann doch nicht widerstehen können; aber schließlich ist er ja eine Berühmtheit aus New York.

Freundschaft mit Mördern

Capote freundet sich mit dem Ermittler (Chris Cooper) an und baut gleichzeitig eine Beziehung zu den beiden Mördern auf, vor allem zu Perry, der eine künstlerische Ader hat und etwas von der Eitelkeit, die Capote selbst mitbringt.

Bennett zeigt die erste Begegnung der beiden, in der Wohnung des Sheriffs - was Hoffman als Capote da macht, ist grandios, eine Mischung aus angstvoller Annäherung und Verführung.

Den Mordfall in Holcomb hielt Capote schon deswegen für exemplarisch, weil er darin das Aufeinanderprallen zweier Welten sah, zwischen konservativer Idylle und jenen, die durch den Rost der Gesellschaft gefallen sind, die keiner je hat haben wollen - für Capote ist Perry auch ein alleingelassener Junge, dem keiner je eine Richtung gegeben hat. Wer zu beiden Welten nicht gehört, dem bleibt nur noch das Zwischenreich, in dem Capote so sein durfte, wie er war.

Das Porträt, das Bennett und Drehbuchautor Dan Futterman von Capote entwerfen, macht ihn zu einer der aufregendsten Kinofiguren seit langem - ein Genie, aber zwiespältig in jedem Sinne; eine Figur aus Schwächen und Stärken, so, wie Menschen eben sind.

Futterman, Miller, Hoffman, das ist eine alte Clique, die seit Kindertagen besteht - was vielleicht den Reiz erhöht hat, von dem Gespann Capote/Harper Lee zu erzählen, die sich auch schon als Kinder kannten, gemeinsam zu Ruhm kamen.

Harper Lee schrieb, bald, nachdem sie aufgehört hatte, für "Kaltblütig" zu recherchieren, den Roman "Wer die Nachtigall stört". Capote nimmt bei der Premierenfeier der Roman-Verfilmung nicht einmal wahr, was für ein wunderbarer Moment das für sie ist - er kreist nur um sich selbst, und sie nimmt sein Verhalten mit verständnisloser, aber liebevoller Gelassenheit hin.

Das ist eine starke Szene. So definiert sich das Verhältnis zwischen den beiden, die größte Nähe, die Capote zulässt. Die Beziehung zu Perry ist nur Mittel zum Zweck, der ist nur Statist in der Truman-Show, der das journalistische Interesse mit Zuneigung verwechselt und sich dann verraten fühlt. Vor der Todesstrafe kann und will Capote ihn am Ende nicht mehr retten.

Die Ballade der Gehenkten

"Capote" ist eine Gratwanderung - die Faszination des Bösen ergibt sich aus der schrecklichen Nähe zu diesem Bösen, die man in sich selbst entdeckt; es ergibt sich aus dem Gefühl, nur deswegen das bessere Leben erwischt zu haben, weil man Glück hatte.

Capotes Abscheu vor Perry vermengt sich mit der Abscheu vor sich selbst. Mit der Todesstrafe hat das noch auf einer ganz anderen Ebene zu tun - weil man in dieser schillernden Figur erkennen kann, wie schwer Menschen zu kategorisieren sind; und wie wackelig die Absolutheit jedes Urteils ist.

Auch der Capote, den uns Hoffman zeigt - und für den er den Oscar, für den er nominiert ist, wahrlich verdient hätte - fasziniert vor allem deswegen, weil all seine Schwächen sichtbar sind.

Das Monster, das Capote damals geschaffen hat mit seiner nonfiction novel, hat mit der detaillierten, poetischen Beschreibung der Menschen und der Ereignisse in "Kaltblütig" nichts zu tun. Capote hat seinem Bericht den ersten Vers von François Villons "Ballade des pendus" vorangestellt, in der die Gehenkten um Gnade bitten - man möge ihnen im Tod ihre Würde lassen. Das Buch lässt allen ihre Würde.

Wie Capote das macht, das zarte Bedauern, dass das ermordete Mädchen nie eine erwachsene Frau hat werden können - das muss man fast mitdenken, wenn man sich diesen Film anschaut: den Bruch zwischen dem, was der Mann als Werk hinterlassen hat, und der Person, die man hier sieht.

Der Capote, wie er hier ist - und vieles von dem, was ihm Futterman in den Mund legt, hat er wohl so gesagt - bleibt im Buch unsichtbar - aber es ist doch seines.

CAPOTE, USA 2005 - Regie: Bennett Miller. Buch: Dan Futterman. Kamera: Adam Kimmel. Mit: Philip Seymour Hoffman, Catherine Keener, Clifton Collins Jr., Chris Cooper, Bruce Greenwood, Bob Balaban. Sony, 114 Minuten.

© SZ vom 1.3.2006
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